Die Temperaturen steigen wieder und locken hinauf in die Berge. Konnte man voriges Wochenende dank der Eisheiligen samt Neuschnee noch einmal die Ski anschnallen, etwa am Hochkar, so sind ab jetzt Rucksack und Bergschuhe zu den Stöcken angesagt. Für manche allerdings ist mit dem Skifahren trotzdem noch nicht Schluss: Wir haben ja unsere Gletscher. Noch, muss man freilich sagen, denn die Gletscher verlieren inzwischen im Durchschnitt einen Meter Eisdicke pro Jahr.

Dennoch liegt die Zukunft des alpinen Skisports auf den Gletschern, prognostiziert Birgit Kantner von der Abteilung Raumplanung und Naturschutz des Österreichischen Alpenvereins: "Mit Blick auf den Klimawandel ist klar, dass in ein paar Jahrzehnten eine gewisse Anzahl an Skigebieten in tieferen Lagen keine Chance mehr haben wird, weil es dann selbst für eine Beschneiung zu warm ist." Mit Sorge verfolgt sie Entwicklungen wie in der Region Zell am See/Kaprun, wo ab Herbst eine neue Seilbahn "verbinden wird, was zusammengehört", wie es in einer aktuellen Pressemeldung vollmundig heißt, nämlich konkret das Ortszentrum Kaprun und das Gletscherskigebiet Kitzsteinhorn.

Einer noch stärkeren Verlagerung des Skitourismus auf die Gletscher ist zwar theoretisch durch das Gletscherschutzprogramm in Tirol ein Riegel vorgeschoben, "aber es gibt diverse Zusammenschlüsse oder Erweiterungen", sagt Kantner. In Tirol zum Beispiel ist gerade das Umweltverträglichkeitsprüfungsverfahren für das Gletscherskigebiet Pitztal/Ötztal öffentlich – es soll das größte in Europa werden. "Da muss man auch die Frage stellen, ob es das wirklich braucht", meint die Ökologin. Was den Gletschern mit Skigebieten angetan wird, müsse man ganzheitlich betrachten: "Die Skigebietsbetreiber argumentieren natürlich, dass der Gletscher aufgrund ihrer Beschneiung und des Abdeckens der Gletscher ja eh wieder wächst. Man muss aber bei einem Skigebiet neben den Skifahrern an sich auch die ganze Infrastruktur berücksichtigen, die da rundherum entsteht. Und man muss sich auch vergegenwärtigen, dass wir da auf unseren Trinkwasserreserven Ski fahren."

Im alpinen Disneyland
Aber auch der Sommertourismus verändert sich, stellt Kantner fest: "Früher ist man einfach in den Bergen wandern gegangen, heute nimmt der Alpintourismus zum Teil bedenkliche Formen an. Die Themenwege, mit denen man Leute zu locken versucht, sind noch harmlos. Aber es werden auch riesige Aussichtsplattformen auf Berggipfeln gebaut. Man versucht, die ganze Natur als großes Disneyland zu vermarkten. Man versucht alles zu attraktivieren. Es zählt nicht mehr der Gipfelblick, sondern ich brauche eine Plattform, die mir direkt sagt: ‚Da schau runter!‘ Und die eine möglichst spektakuläre Stahlkonstruktion haben muss. Oder man baut die größte Hängebrücke oder was weiß ich.

Es wird alles inszeniert." Der Alpenverein versucht dem mit seiner Kampagne "Unsere Alpen – einfach schön!" entgegenzuwirken. Es geht darum, den Blick wieder auf die Berge an sich, auf das Naturerlebnis zu lenken und die letzten alpinen Feriräume zu bewahren. Zumindest werden für den Sommertourismus so gut wie keine neuen Gebiete mehr erschlossen. Der Alpenverein erklärt das Netz der Wanderwege und Klettersteige in den österreichischen Alpen für abgeschlossen. "Die vorgegebenen alpinen Wege sind so gut, dass wenige Leute abseits unterwegs sind", stellt Kantner fest.

Infrastruktur zieht Müll an
Im Nationalpark Hohe Tauern, dem größten Schutzgebiet in den Alpen, setzt man zudem auf bewusste Besucherlenkung, auch durch geführte Wanderungen mit Nationalpark-Rangern. Helene Mattersberger, Mitarbeiterin in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, sieht im ökologisch sensiblen Hochgebirge aber ohnehin "eine natürliche Auslese ab 2500, 3000 Metern, dass da der Massentourismus gar nicht mehr hinkommt". Überlaufen sind die Alpen aus Sicht des Alpenvereins noch nicht. "Freilich hat da jeder einen anderen subjektiven Eindruck", meint Kantner. "Ein Jäger wird das anders sehen als eine Touristenfamilie. Und in den Naherholungsgebieten rund um die Ballungszentren gibt es natürlich gewisse Hotspots." Es gibt aber keine konkreten Zahlen dazu. Bei den Skitourengehern im Winter wurde mit Erhebungen begonnen, um einmal ein Bild davon zu bekommen, wie viele Menschen sich in unseren Bergen so tummeln.

Im Sommer sind in den Hohen Tauern die Großglockner-Hochalpenstraße samt Pasterze und die Krimmler Wasserfälle jene Ausflugsziele, bei denen fast schon zu viel los ist. Mattersberger verweist in diesem Zusammenhang auf das Nationalpark-Motto "schützen und nützen". Es brauche auch gewisse Punkte, "wo den Leuten die Natur erklärt wird, dafür werden viele Gebiete in der streng geschützten Kernzone in Ruhe gelassen". Sie hat das Gefühl, dass das Gros der Wandertouristen, die in den Nationalpark Hohe Tauern kommen, sich zu benehmen weiß. "Es gibt natürlich immer wieder schwarze Schafe. Besucherbefragungen zeigen aber auch, dass gut 80 Prozent der Touristen wegen des Nationalparks in die Region kommen. Ich denke schon, dass diese Besucher Rücksicht nehmen und gerade dem Thema Naturschutz und Klimawandel sehr aufgeschlossen gegenüberstehen."

Die meisten Wanderer nehmen auch ihren Müll wieder mit ins Tal – mit einigen Ausnahmen: Analysen des Alpenvereins zeigen nämlich, dass rund um Infrastruktureinrichtungen (Parkplätze, Hütten) tendenziell mehr Müll in der Natur liegen bleibt als im freien Gelände, nach dem Motto: "Irgendwer wird den schon wegräumen."

Und was ist mit den vielen Touristenbussen, die im Sommer Tag für Tag zur Pasterze, dem bekanntesten Gletscher Österreichs am Hang des Großglockners, hinauffahren? "Die Touristen, die da von oben aufs Eis hinunterschauen, verursachen den globalen Klimawandel durch den Verkehr mit", meint Mattersberger. Der Klimawandel wird in den Hohen Tauern in verschiedenen Forschungsprojekten dokumentiert. "Erste Ergebnisse bestätigen den Wandel im Ökosystem", sagt sie. "Die Folgen sind noch nicht absehbar …"

Felsstürze durch Wärme
Konkrete Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich nicht nur am Rückgang der Gletscher selbst, sondern auch im Gestein darunter. So kommt es immer wieder zu teils massiven Felsstürzen wie etwa mehrfach in den vergangenen 25 Jahren bei der Bischofsmütze in Salzburg. Sie haben mit dem Verlust an Gletschereis zu tun, hat der Salzburger Landesgeologe Gerald Valentin nach dem jüngsten Vorfall im vergangenen Herbst gegenüber dem ORF erklärt: "Das Festgestein ist über Jahrhunderte immer kühl unter dem Eis gelegen. Es war konserviert und wird nun den warmen Temperaturen freigegeben. Das Schmelzwasser sickert in die Tiefen, gefriert dort wieder. Das Eis dehnt sich aus und treibt damit Risse in den Untergrund. Dieser Wechsel geschieht mehrfach, und dann können solche Felsstürze passieren. Wir haben sie in den Hohen Tauern derzeit noch öfter als in den Kalkalpen, weil im Hauptkamm der Permafrost noch stärker aufweicht, wenn es warm ist."

Die Naturschützerin Kantner findet angesichts dieser Entwicklungen drastische Worte: "Den Bergen geht es an den Kragen – und damit auch uns." Sorgen machen ihr unter anderem die touristischen Erschließungen und Kraftwerksbauten. Insbesondere der immer noch laufende Ausbau von Skigebieten, der seine Spuren auch im Sommer in den Bergen gut sichtbar hinterlässt, ist ihr ein Dorn im Auge: "Durch die Gestaltung der Skipisten wird die Geländestruktur komplett verändert, die Bodenverhältnisse und das Abflussregime werden gestört. Auf den Pisten, die im Winter präpariert werden, kommt es zur Bodenverdichtung und zu einem ganz anderen Pflanzenbewuchs, auch wenn nach der Bauphase wieder begrünt wird – gerade in Hochgebirgslagen ist eine Begrünung extrem schwierig, da kommt es leicht zu einem Artenverlust. Es dauert oft Jahre, bis da etwas nachgewachsen ist."

Vor allem die künstliche Beschneiung ist problematisch, nicht nur wegen des enormen Wasserverbrauchs (zum Teil von Trinkwasser): "Der technische Schnee aus den Schneekanonen bleibt länger liegen und ist verdichteter – und er verändert auch das Abflussverhalten, weil ja viel mehr Wasser aufgebracht wird, als sonst im Winter in Form von Schnee oder Regen fallen würde." Wenigstens sind in Österreich im Gegensatz etwa zu Frankreich oder der Schweiz chemische Zusätze (für eine Beschneiung bei höheren Temperaturen) nicht erlaubt.

Ein Skigebiet bedeutet auch immer Lebensraumverluste, erläutert Kantner – "in der Bauphase stärker, in der Betriebsphase anhaltend". Kantner kritisiert generell den "unglaublichen Flächenverbrauch", verursacht auch durch Skigebiete, die durch Zusammenschlüsse stetig weiterwachsen. Auch, weil die Kunden es offenbar verlangen: Umfragen zufolge gilt die Zahl der Pistenkilometer immer noch als eines der wichtigsten Kriterien für die Buchungslage. Dabei, so Kantner, habe der frühere FIS-Renndirektor Kurt Hoch einmal festgestellt: "Ein guter Skifahrer schafft an einem Tag 25 Pistenkilometer – die meisten größeren Skigebiete haben 100 bis 300 Pistenkilometer." Zudem bilden sie oft einen Kartenverbund und sind via Skibus gut erreichbar, sodass man eigentlich ohne großen Aufwand jeden Tag andere Pisten hinunterfahren könnte.

"Intensivster Tourismus pur"
Abgesehen davon sind die Absatzzahlen der Alpinski rückläufig gegenüber den Tourenski. Immer mehr Wintersportler suchen also die unberührte Natur statt der präparierten Piste. Aber schaden nicht Skitourengeher, die querfeldein vom freien Wegerecht auf den Bergen Gebrauch machen, einmal abgesehen von der Lawinengefahr, den Wildtieren noch mehr als auf ein paar breite Wiesenstreifen beschränkte Pistennutzer? "Hier muss man ganz stark differenzieren", meint Kantner. "Ein Skigebiet ist intensivster Tourismus pur. Da gibt es viele Infrastrukturanlagen: Hotels, Pistenflächen, Gastbetriebe. Skipisten verändern ganze Landschaften, Skitourengeher brauchen lediglich einen Parkplatz. Hier steht die unverbrauchte Natur einem komplett verbrauchten Naturraum gegenüber. Ein Tourengeher bewegt sich auf einer Route aufwärts und auf einer abwärts. Und wenn man nicht gerade um vier Uhr früh oder am späten Abend in den Bergen unterwegs ist, hat auch das Wild einen gewissen Gewöhnungseffekt."

Auch Mattersberger sieht noch keine Gefahr im Verzug, "aber man muss schon aufpassen, weil es für die Wildtiere problematisch ist, wenn sie aufgeschreckt werden". Im Nationalpark Hohe Tauern setzt man jedenfalls auf Aufklärungsarbeit durch Infotafeln, bei geführten Touren, im Internet und via Social Media: "Wir versuchen zu vermitteln, dass man auf den vorgegebenen Pfaden bleiben und nicht seine eigenen Wege suchen sollte – zur eigenen Sicherheit und zum Wohle der Tiere."