Felsstürze durch Wärme
Konkrete Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich nicht nur am Rückgang der Gletscher selbst, sondern auch im Gestein darunter. So kommt es immer wieder zu teils massiven Felsstürzen wie etwa mehrfach in den vergangenen 25 Jahren bei der Bischofsmütze in Salzburg. Sie haben mit dem Verlust an Gletschereis zu tun, hat der Salzburger Landesgeologe Gerald Valentin nach dem jüngsten Vorfall im vergangenen Herbst gegenüber dem ORF erklärt: "Das Festgestein ist über Jahrhunderte immer kühl unter dem Eis gelegen. Es war konserviert und wird nun den warmen Temperaturen freigegeben. Das Schmelzwasser sickert in die Tiefen, gefriert dort wieder. Das Eis dehnt sich aus und treibt damit Risse in den Untergrund. Dieser Wechsel geschieht mehrfach, und dann können solche Felsstürze passieren. Wir haben sie in den Hohen Tauern derzeit noch öfter als in den Kalkalpen, weil im Hauptkamm der Permafrost noch stärker aufweicht, wenn es warm ist."

Die Naturschützerin Kantner findet angesichts dieser Entwicklungen drastische Worte: "Den Bergen geht es an den Kragen – und damit auch uns." Sorgen machen ihr unter anderem die touristischen Erschließungen und Kraftwerksbauten. Insbesondere der immer noch laufende Ausbau von Skigebieten, der seine Spuren auch im Sommer in den Bergen gut sichtbar hinterlässt, ist ihr ein Dorn im Auge: "Durch die Gestaltung der Skipisten wird die Geländestruktur komplett verändert, die Bodenverhältnisse und das Abflussregime werden gestört. Auf den Pisten, die im Winter präpariert werden, kommt es zur Bodenverdichtung und zu einem ganz anderen Pflanzenbewuchs, auch wenn nach der Bauphase wieder begrünt wird – gerade in Hochgebirgslagen ist eine Begrünung extrem schwierig, da kommt es leicht zu einem Artenverlust. Es dauert oft Jahre, bis da etwas nachgewachsen ist."

Vor allem die künstliche Beschneiung ist problematisch, nicht nur wegen des enormen Wasserverbrauchs (zum Teil von Trinkwasser): "Der technische Schnee aus den Schneekanonen bleibt länger liegen und ist verdichteter – und er verändert auch das Abflussverhalten, weil ja viel mehr Wasser aufgebracht wird, als sonst im Winter in Form von Schnee oder Regen fallen würde." Wenigstens sind in Österreich im Gegensatz etwa zu Frankreich oder der Schweiz chemische Zusätze (für eine Beschneiung bei höheren Temperaturen) nicht erlaubt.

Ein Skigebiet bedeutet auch immer Lebensraumverluste, erläutert Kantner – "in der Bauphase stärker, in der Betriebsphase anhaltend". Kantner kritisiert generell den "unglaublichen Flächenverbrauch", verursacht auch durch Skigebiete, die durch Zusammenschlüsse stetig weiterwachsen. Auch, weil die Kunden es offenbar verlangen: Umfragen zufolge gilt die Zahl der Pistenkilometer immer noch als eines der wichtigsten Kriterien für die Buchungslage. Dabei, so Kantner, habe der frühere FIS-Renndirektor Kurt Hoch einmal festgestellt: "Ein guter Skifahrer schafft an einem Tag 25 Pistenkilometer – die meisten größeren Skigebiete haben 100 bis 300 Pistenkilometer." Zudem bilden sie oft einen Kartenverbund und sind via Skibus gut erreichbar, sodass man eigentlich ohne großen Aufwand jeden Tag andere Pisten hinunterfahren könnte.

"Intensivster Tourismus pur"
Abgesehen davon sind die Absatzzahlen der Alpinski rückläufig gegenüber den Tourenski. Immer mehr Wintersportler suchen also die unberührte Natur statt der präparierten Piste. Aber schaden nicht Skitourengeher, die querfeldein vom freien Wegerecht auf den Bergen Gebrauch machen, einmal abgesehen von der Lawinengefahr, den Wildtieren noch mehr als auf ein paar breite Wiesenstreifen beschränkte Pistennutzer? "Hier muss man ganz stark differenzieren", meint Kantner. "Ein Skigebiet ist intensivster Tourismus pur. Da gibt es viele Infrastrukturanlagen: Hotels, Pistenflächen, Gastbetriebe. Skipisten verändern ganze Landschaften, Skitourengeher brauchen lediglich einen Parkplatz. Hier steht die unverbrauchte Natur einem komplett verbrauchten Naturraum gegenüber. Ein Tourengeher bewegt sich auf einer Route aufwärts und auf einer abwärts. Und wenn man nicht gerade um vier Uhr früh oder am späten Abend in den Bergen unterwegs ist, hat auch das Wild einen gewissen Gewöhnungseffekt."

Auch Mattersberger sieht noch keine Gefahr im Verzug, "aber man muss schon aufpassen, weil es für die Wildtiere problematisch ist, wenn sie aufgeschreckt werden". Im Nationalpark Hohe Tauern setzt man jedenfalls auf Aufklärungsarbeit durch Infotafeln, bei geführten Touren, im Internet und via Social Media: "Wir versuchen zu vermitteln, dass man auf den vorgegebenen Pfaden bleiben und nicht seine eigenen Wege suchen sollte – zur eigenen Sicherheit und zum Wohle der Tiere."