Durch den "Atlantik-Tunnel" im Aquarium. - © apa / Hans Klaus Techt
Durch den "Atlantik-Tunnel" im Aquarium. - © apa / Hans Klaus Techt

Natürlich erwartet man sich Wasser bei einem Besuch im Haus des Meeres in Wien. Wer hätte jedoch gedacht, dass auch Regen dort besondere Auswirkungen hat. Ein Regentag bedeutet für den Aqua Terra Zoo nämlich Besucherandrang kolossalen Ausmaßes. Die Schlange jener, die sich mit Regenschirmen und Kinderwägen geduldig zwischen Straße und Baustelle vor dem ehemaligen Flakturm anstellen, ist dann beachtlich.
Drinnen tobt das Leben: Schulklassen, Kindergartengruppen, Familien und Touristengruppen drängen sich durch das enge Stiegenhaus, staunen über die bunten Bewohner der neuen Tropenabteilung, schlendern mit nach oben gerichteten Gesichtern durch den Atlantiktunnel. Der Aufzug ist im Dauereinsatz, der Lärmpegel enorm.
Direktor Michael Mitic nimmt es gelassen, "Heute ist es ein bisschen extrem", lacht er. Aber: Je mehr Besucher, desto besser. Immerhin hat das Haus des Meeres eine kostspielige Mission, die sich kurz mit Infotainment umschreiben lässt: "Die Grundidee des Zoos als Ort der Zurschaustellung von Tieren ist seit 30 Jahren passé. Artenschutz, Zucht und Auswilderung gehören mittlerweile zu den Aufgaben aller Zoos. Wir wollen unsere Gäste aber auch an der Hand nehmen, weiterbilden, ihnen zeigen, was ein Tier ist, wie eine Pflanze wächst und wie komplex ein Lebensraum sein kann."
Im Haus des Meeres geht man aktiv auf die Besucher zu, sechs Biologen sind dafür im ganzen Haus im Einsatz, beantworten Fragen, plaudern mit Interessierten. Die Klimaerwärmung und ihre Auswirkungen auf die Weltmeere sind dabei natürlich zentrale Themen. Umweltschutz und bedrohte Tierarten sowie die Verantwortung des Einzelnen gegenüber der Natur kommen zur Sprache.
Keine leichte Kost, weiß auch Michael Mitic. Ihm ist es besonders wichtig, dass es nicht nur um "bad news" geht. Die persönliche Betroffenheit, das Aufbauen einer Beziehung zu den Lebewesen, das sind die wesentlichen Faktoren, die zu einem Umdenken beim einzelnen Menschen führen, ist Mitic überzeugt. Und das will er mit seinem Team im Haus des Meeres anstoßen.
Die neu eröffneten Tropenbecken mit dem künstlichen Riff und seinen Bewohnern wie den Clownsfischen, die seit dem Film "Findet Nemo" bei den Besuchern besonders bekannt sind, helfen dann schon einmal, das Korallensterben zu erklären.
"Wir zeigen Kindern die Natur, die gesunden Tiere, und verbinden das mit dem dezenten Hinweis auf die globale Erwärmung. So in der Art: ‚Das solltest du beachten, sonst gibt es diesen Fisch, der dir so gut gefällt, bald nicht mehr.‘ Das ist unsere besondere Stärke im Haus des Meeres. Wir stellen einen Konnex her, nützen die Verbindung, die hier zwischen Mensch und Tier entsteht, und verknüpfen sie mit Informationen zum Umweltschutz."
Hoffnungslos sei die Lage keinesfalls, weiß der Zoodirektor aus über dreißigjähriger Berufserfahrung. "Da stehen die Leute und schauen in die Aquarien und Terrarien. Und die Tiere schauen zurück. So entstehen Beziehungen. Da geht es frei nach Konrad Lorenz: ‚Man liebt nur, was man kennt. Man schützt nur, was man liebt‘."
Das Alter der Besucher spielt dabei keine Rolle, vom Kindergartenkind bis zum Pensionisten sind alle Besucher im Haus des Meeres auf dieser emotionalen Ebene ansprechbar. "Natürlich", räumt Mitic ein, "jene Menschen, die zu uns kommen, wollen ja von sich aus schon eine solche Erfahrung machen, befinden sich also schon auf dem halben Weg in die richtige Richtung."
Beliebteste Tiere im Haus des Meeres sind übrigens – unabhängig vom Alter der Besucher und unangefochten seit Jahrzehnten – die Haie und die Äffchen, gesteht der Zoodirektor lachend. "Und die größte Attraktion ist die Haifütterung. Wenn unsere Taucher ins Haibecken steigen, dann staunen die Besucher, finden es gruselig. Dann kann man erzählen, wie übertrieben die Angst der Menschen vor Haien tatsächlich ist, denn es kommt in Wirklichkeit zu wenigen Unfällen im Verhältnis zur Anzahl der Begegnungen."
Als besonderer Star unter den Haien hat sich kürzlich Baby-Riffhai Jacek etabliert. "Er wurde nach dem Tierpfleger benannt, der ihn im Augenblick seiner Geburt entdeckte und so rettete. Sonst hätten ihn die anderen Haie aufgefressen", erzählt Michael Mitic eine Perle aus seinem reichhaltigen Geschichtenfundus. Wobei Jacek eigentlich vor allem bei den Medien gut ankam, da er eine seltene Nachzucht ist.
Die Besucher finden eigentlich die kleinen Bambushaie lustiger, die tollpatschig am Boden des Aquariums herumzappeln, weiß der Biologe aus Leidenschaft. Oder sie staunen über die Haieier, in denen man die Silhouetten der Tiere schon erkennen kann. Und nach einer Haifütterung sind die Raubfische für die Besucher womöglich doch keine brutalen Monster mehr. Mission erfüllt, Infotainment à la Haus des Meeres. "Wir wollen nicht die Tiere vermenschlichen, sondern die Menschen sensibilisieren", fasst es Mitic zusammen.
Es geht dennoch nicht nur um die Besucher im Haus des Meeres. Die laufenden Umbauten, die natürlich mehr Platz schaffen sollen, werden einerseits endlich zusätzliche Stiegen und Aufzüge ermöglichen, andererseits auch neue Flächen für die vorhandenen Tiere schaffen und Forschungsprojekte erleichtern, insbesondere was die Nachzucht betrifft.
Erfolge hat man da durchaus zu verzeichnen, erzählt der Zoodirektor stolz. So punktet sein Institut bei der Zucht der weltweit bedrohten Seepferdchen, die sich auch wegen der hauseigenen Algennachzucht prächtig vermehren und mit ihrem ganz speziellen Charisma die Besucher bezaubern. "Und im Keller waren wir mit einer ganz besonderen Nachzucht erfolgreich, wir haben einen der seltensten Fische der Welt vor dem Aussterben bewahrt. Der mexikanische Hochlandkärpfling ist zwar hässlich zum Anschauen, also eben kein Besuchermagnet, aber dafür ein Meilenstein in Sachen Arterhaltung."
Für die Zukunft hat er auch schon Pläne, schwärmt von einem Mangrovenbereich. Dieser Lebensraum mit seinem laufenden Wechsel aus Süß- und Salzwasser sei besonders interessant, weil er die Kinderstube für viele Tierarten ist, begeistert Mitic sich. Vorerst heißt es aber erst einmal, mehr Platz für die bereits vorhandenen Tiere zu schaffen. Die Komodo-Warane würden sich ebenso über Tageslicht freuen wie einige andere Reptilien, und der alte Flakturm mag vieles bieten, Licht jedoch gibt es dort kaum.
All das sei jedoch nur möglich, betont Michael Mitic, weil mittlerweile 600.000 Besucher im Jahr Eintrittskarten kaufen und so die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, damit das Haus des Meeres in Forschung und Besucherbetrieb investieren und die dafür nötigen Ausbauten tätigen kann.
"Man muss viel Geld einnehmen, um Gutes tun zu können", bringt es Michael Mitic auf den Punkt. "Das Anschauen und Angeschaut-Werden ist dabei der Dreh- und Angelpunkt, um Brücken zu bauen für Tier- und Umweltschutz."