Der Zauber einer kurzen Nacht, nämlich der kürzesten Nacht im Jahr, der Nacht der Sommersonnenwende, hat schon seit Jahrtausenden Menschen Rituale erfinden lassen, mit denen sie ihr Glück, ihre Zukunft, die Ernte, ihre Gesundheit oder die (den) Liebste(n) beschwören und zu beeinflussen versuchen. Je weiter man in den Norden kommt, desto größer werden Mittsommer und die Wintersonnenwende gefeiert, dort, wo es in dieser Nacht kaum dunkel wird. Doch auch bei uns wird dieses ursprünglich heidnische Fest gerne begangen und mit Magie belegt. Durch den passenden Geburtstag des Heiligen Johannes christianisiert, den 23. Juni, konnte man am Vorabend die uralten, meist keltischen Sonnwend-rituale sehr praktisch mit christlicher Mythologie verbinden.

Kelten und Germanen bis heute Vorbild

Kelten und Germanen sind noch heute Vorbild, wenn sich moderne Druiden in Stonehenge versammeln, oft 10.000 und mehr Feierwillige, die um und in dem geheimnisvollen Steinkreis tanzen, den man heute sonst nur von einer Absperrung aus betrachten darf. Fantasievoll vermummte Gestalten verneigen sich in die vier Himmelsrichtungen, es wird getrommelt und gesungen, blumenbekränzte Damen in wallenden Gewändern heben Blumen hoch und ihre Stimme noch höher, die Hippiebewegung scheint wiederauferstanden und alle, sogar die Polizei – zumindest bisher war alles friedlich – lächeln glücklich.

Wenn derartige Steindenkmäler fehlen, dann tanzt man gerne um Feuer: Die Sommersonnenwende ist ja das Fest des Lichtes, auch des Neuanfangs, der Reinigung und der Liebe, die in dieser Nacht ganz besondere Qualitäten zeigen soll. Vor allem, wenn man sich zum Tanz der Kleider entledigt und nackt mit Beifuß, Rittersporn und Eisenkraut umgürtet, von dem man auch ein Büschel in der Hand hält, gekrönt von einem Kräuterkranz, das Feuer umkreist. Das soll Potenz und Fruchtbarkeit bringen.

Übrigens auch (und vielleicht ganz besonders) wirksam soll ein starkes, speziell gebrautes Bier sein, das angeblich nicht nur berauschende, sondern auch aphrodisierende Wirkung hat. Glühwürmchen (Johanniskäfer!), von Verliebten erspäht, bringen der Verbindung Glück; Johanniskraut (!) hat besondere Heilkraft und Johannisbeeren (!) sind als Ribiselwein ein heilbringender Nektar. Die Kränze aus Heilkräutern, die in dieser Nacht beim Feuertanz ganz besondere Kräfte sammeln, werden aufbewahrt und später als arzneikräftige Tees verabreicht. Sonnwendbuschen, meist mit einer in die Mitte gebundenen Königskerze, werden gegen Morgen verbrannt: Weht der Rauch weit und niedrig über die Felder, wird dort die Ernte gut.

Riesige Haufen von Reisig werden also zur Jahresmitte aufgetürmt und entzündet, zum Zeichen, dass sich die Sonnengöttin vermählt hat, die Zeit des Blühens und Heranwachsens vorbei und die Zeit der Reife und Ernte, der Freude und Fruchtbarkeit gekommen ist. In Wales verwendet man neun verschiedene Hölzer und ein Reisigbündel vom vergangenen Jahr, anderswo lässt man aus Heu gebundene Feuerräder den Berg hinabrollen oder schwingt brennende Holzscheite über dem Kopf. Auch in Österreich entzündet man auf den Gipfeln Sonnwendfeuer, oft eines nach dem anderen, um so eine Feuerkette entstehen zu lassen.

Feuer vertreibt böse Geister

Das Feuer vertreibt natürlich die bösen Geister und wird, wenn es zu zumutbarer Höhe heruntergebrannt ist, von Heilsuchenden übersprungen: Das soll Krankheiten lindern oder davor schützen. Je höher der Sprung gelingt, desto höher wachsen Lein und Hanf. Einem Pärchen, das händchenhaltend und ohne einander loszulassen den Sprung schafft, dem wird eine baldige Hochzeit vorausgesagt – daher Achtung, mit wem man diesen Sprung wagt! Ein Kind, in dieser Nacht gezeugt, ist übrigens ganz besonders gesegnet.

Einen anderen Brauch, den man besser nicht wiederholen sollte: Kinder einander über das Feuer zuzuwerfen, um auch sie vor Krankheiten zu schützen. Weniger Springfreudige können auch Zettel mit Wünschen ins Feuer werfen, oder mit kleinen Opfergaben wie Strohkränzen und Holzfiguren die bösen Geister bannen und die guten bestechen. Auch Dinge, die Unheil bringen, wenn man sie einfach wegwirft, wie Fronleichnamskränze, Osterbuschen oder Leichentücher, kann man dem reinigenden Feuer übergeben. Besonders Mutige laufen über die glühenden Reste, auch das wird mancherorts zur Sommersonnenwende geübt.

Unverheiratete Mädchen pflücken in der Nacht schweigend sieben Sorten wilder Blumen von sieben verschiedenen Wiesen, die sie unter ihr Kopfkissen legen. Der Mann, der ihnen dann im Schlaf erscheint, ist der Richtige, heißt es. Das darf niemandem erzählt werden, sonst geht der Traum nicht in Erfüllung.

Der Sonnengöttin zur Seite steht der Gott des Waldes, der Natur, der gehörnte Pan, im Germanischen Frey genannt, Sinnbild für Potenz und Fruchtbarkeit, weshalb man gut daran tut, auch ihn in den Ritualen nicht zu vergessen, und seine Lieblingskräuter, sogenannte Wolfskräuter wie Arnika, Eberesche, Beifuß, Königskerze, Kümmel und Christophskraut, rund um die Felder in die Erde zu stecken.

Eingänge zur Feenwelt geöffnet

In dieser Nacht sind die Eingänge zur Feenwelt geöffnet, in der auch die Elfen feiern, die nun sichtbar werden können, vor allem, wenn man sich mit Gundermann und Eisenkraut bekränzt, oder Farnsporn sammelt und sich damit die Augen einreibt. Aber Vorsicht ist angebracht. Sie treiben gerne Scherze, vor denen man sich hüten kann, wenn man Schalen mit Milch und Honig opfert. Gerne mögen sie es auch, wenn man ihnen Teppiche aus Blüten bereitet, auf denen sie sich dann niederlassen.

Sicherheitshalber – denn direkter Kontakt kann üble Folgen haben, wie man das aus vielen Märchen kennt – zieht man seine Kleidung verkehrt herum an, das Innere nach außen, das verwirrt die übermütigen Kobolde. Auch Hexen und Dämonen treiben ihr Wesen und Unwesen, vergrabene, versunkene Schätze tauchen aus Verstecken auf und sind in dieser magischen Nacht ganz leicht zu finden, versunkene Glocken sind aus Seen und Flüssen zu hören. Deshalb soll man auch bis zum Morgengrauen wachen, sonst versäumt man die mystischen Wesen und ihre Gegenwelt. Oder den Tau am Morgen, den man in Fläschchen füllt und dem Brotteig zusetzt, der dadurch besonders gut aufgehen soll.

In Schweden wird Mittsommer fast mehr gefeiert als Weihnachten, aber nur dort ist Midsommar kein christlich verbrämtes Fest, sondern ein Familienfest, zu dem man Freunde und Verwandte einlädt, die schwedische Flagge über Nacht gehisst lässt und die Majstång aufstellt, mit grünen Blättern und Blumen geschmückt. Die hat übrigens nichts mit dem Mai und unserem Maibaum zu tun, "maja" heißt: mit Blumen schmücken. Darum herum wird getanzt und gesungen, eines der Lieder handelt zum Beispiel von einem Frosch, dessen Bewegungen man dann beim Tanz imitiert. Man isst die ersten Jungkartoffeln, meist mit Hering, Sauerrahm, Schnittlauch, Knäckebrot und Käse serviert. Dazu werden Trinksprüche ausgebracht, Schnaps auf Ex getrunken und mit Öl (Bier) angestoßen.

In Norwegen oder Dänemark, in Estland, Lettland und Finnland ist Juhannus, Jaanipäev, Jāņi und Sankt Hans wie bei uns dem Heiligen Johannes gewidmet, und wird mit Feuer und Geisterbeschwörungen zelebriert. In Dänemark wird eine Strohhexe verbrannt, in Estland auch ein altes Boot, in Finnland versammelt man sich mit viel Gelärme für das Feuerfest an Uferplätzen und bringt speziell gebrautes Bier mit, von dem es heißt, je mehr man davon trinkt, desto besser wird die Ernte. In Lettland schmückt man Frauen mit Blütenkränzen, Männer tragen Eichenlaub, und sogar die Tiere werden geschmückt. Hier gibt es Kümmelkäse und natürlich möglichst viel Bier dazu.

Sonnwend in Österreich

In Österreich werden die Gipfelfeuer zu Sonnwend mit großer Begeisterung entzündet, allein in der Zugspitzarena in Tirol sollen es 10.000 sein, ein Bild, das die Unesco 2010 zum immateriellen Kulturerbe erklärt hat. An der Donau werden auch Schiffe und der berühmte Tausendeimerberg mit Fackeln beleuchtet, im Tannheimertal Feuerkreuze, Hirsche oder Tauben feurig an die Berghänge gezeichnet. Beim Holz einsammeln für die Sonnwendfeuer werden in manchen Bundesländern Sprüche aufgesagt, wie: "Der heilige St. Veit / Tat bitn um a Scheit; / Wan’s ins koan Scheid nöd göbt’s / So mocha ma koan Sunwendfeur nöd!"

Dem Feuer werden dann Strohpuppen in alten Kleidern (Sunnawendhansl und Sunnawendgretl) übergeben, die Reste des Maibaums, alte Besen oder der dürre Fronleichnamsschmuck, die Asche wird dann als Erntezauber auf die Felder gestreut. Es werden Kräuterkränze gebunden und als Sonnwendkranzl an Türen und Fenstern aufgehängt. Man sammelt grüne Nüsse für besonders wirkungsvollen Magenschnaps, isst Hollerstrauben (gebackene Hollerblüten), Krapfen oder Pofesen. Und trinkt – Bier.