Fitznow weiß sich gefällig zu benehmen: Tadellos sein Auftreten, elegant seine Kleidung, frappant die Ähnlichkeit mit Douglas Fairbanks, dessen unwiderstehliches Filmstar-Lächeln er gekonnt imitiert. Wiewohl selbst nicht von Adel, ist Fitznow doch "der Enkel einer badischen Prinzessin und der Neffe zweier alter Exzellenzen", was er zuweilen wie nebenbei kundtut.

Szene aus Balzacs "Verlorene Illusionen" in einem zeitgenössischen Stich. - © Adrien Moreau
Szene aus Balzacs "Verlorene Illusionen" in einem zeitgenössischen Stich. - © Adrien Moreau

Der fesche Fitznow hat seinen Auftritt im Roman "Feine Leute oder Die Großen dieser Erde", den Kasimir Edschmid 1931 im Wiener Zsolnay-Verlag veröffentlicht hat. Grand Hotels waren damals ein sehr beliebter Romanschauplatz, also porträtierte auch der seinerzeit viel gelesene Romancier Edschmid eine internationale Schickeria, die sich in den exklusiven Hotels am Lido von Venedig zusammenfindet, um sehr viel Geld auszugeben. Dass Italien von den Faschisten beherrscht wird, stört die Privilegierten nicht. Ganz im Gegenteil: In einem Kapitel des Romans finden sie durchaus Gefallen am stilsicheren Auftreten der Machthaber.
In diesem Ensemble ist Fitznow allerdings eine arme Randfigur. Er verfügt nur über eine "kleine Offizierspension", die ihm aus dem Ersten Weltkrieg geblieben ist. Also nächtigt er in einer Billigstabsteige und nährt sich meist von Butterbroten. Trotzdem ist sein wahres Triebziel nicht der Wohlstand, sondern der mondäne Glanz. Täglich schleicht er durch den Dienstboteneingang in die Lobby des Luxushotels, wo er mit raffinierter Verstellungskunst den wohlhabenden Herrn aus guter Familie markiert. Welche Tricks und Camouflagen er dabei einsetzt – das schildert Edschmid mit großer Einfühlungsgabe.

Die interessante Figur des Hochstaplers Fitznow steht in einer langen Reihe vergleichbarer Gestalten. Schon in den französischen Gesellschaftsromanen des 19. Jahrhunderts waren die Pariser Salons Jagdgründe für ehrgeizige Aufsteiger, die mit Charme, Talent und Härte einen Platz in der besseren Gesellschaft zu erobern suchten. Im Hauptberuf meist Dichter oder Journalisten, machten sie gerne Gebrauch von diversen Künsten der Hochstapelei. Lucien Chardon zum Beispiel nannte sich selbst "de Rubempré", um eine adelige Herkunft vorzutäuschen. Honoré de Balzac, dessen eigener Adelstitel übrigens auch nicht über jeden Zweifel erhaben war, porträtierte Lucien im dreibändigen Roman "Verlorene Illusionen" (1837 bis 1844). Vierzig Jahre später brach der Heirats- und Gefühlsschwindler Georges Duroy die Herzen reicher und einflussreicher Frauen in Guy de Maupassants Roman "Bel Ami". Der plumpe Hochstapler agiert als Erpresser, der elegante betört als Verführer.

Verlust der Sicherheiten

Was im 19. Jahrhundert begann, setzte sich im 20. fort. Vor allem die Literatur der Zwischenkriegszeit ist voll von zwielichtigen Herren und gelegentlich auch Damen, die auf krummen Touren zu Geld, Macht und Einfluss kommen wollen. In ihrem Buch "Österreichische Literatur zwischen den Kriegen" (Sonderzahl Wien 2012) hat Evelyne Polt-Heinzl den Hochstapler als "Zeitfigur" beschrieben und als Krisenphänomen gedeutet: "Wenn Gesellschaften sich überhastet umwälzen, schleichend oder auch über Nacht tradierte ökonomische wie mentale Sicherheiten wegbrechen oder doch relativ werden, schlägt die große Stunde des Hochstaplers, der vom Wegfall einigermaßen nachprüfbarer Kriterien zur Einschätzung sozialen und ökonomischen Handelns profitiert."
Die Literaturwissenschafterin unterscheidet dabei zwei Typen: Der eine will hochkommen und tilgt zu diesem Zweck alle Spuren seiner bescheidenen Herkunft. Ihm begegnet man in den genannten Romanen des 19. Jahrhunderts, aber auch in der 1930 erschienenen "Hochstaplernovelle" von Robert Neumann, die 2011 in der Wiener "Edition Atelier" neu aufgelegt wurde. Neumann zeigt hier einen jungen Mann kleinbürgerlicher Herkunft bei der Arbeit, der über gutes Aussehen und perfekt einstudierte Manieren verfügt. Sein Geld verdient er durch Falschspiel und Erpressung. Die Schlusspointe der witzigen Novelle besteht darin, dass der Hochstapler einen professionellen Fehler macht: Er verliebt sich. Candida, die Gattin des rumänischen Fürsten Balearu, verwirrt ihm die Sinne. So entgeht ihm, dass sie und ihr angeblich fürstlicher Gemahl ebenfalls Erpresser sind, die es auf ihn als Opfer abgesehen haben. Man einigt sich schließlich gütlich – sozusagen unter Kollegen.

Nach der großen Erschütterung des Ersten Weltkriegs schlägt allerdings auch die Stunde jenes anderen Hochstapler-Typus: Er verfügt durchaus über einen ansehnlichen gesellschaftlichen Hintergrund, muss aber verbergen, dass er verarmt oder verkommen ist. Er ist also ein Absteiger, während sein Widerpart ein Aufsteiger ist. Diesem Muster entspricht der eingangs vorgestellte Fitznow.

Das auffällig häufige Auftreten von Hochstaplern in Romanen und Novellen erklärt Polt-Heinzl mit der Beobachtung: "Prinzipiell ist der Hochstapler für die Literatur eine interessante Figur, denn er lebt von der ‚Erzählung". Das ist gewiss richtig beobachtet, denn die Hochstaplerkunst besteht ja vor allem darin, der Mitwelt etwas einzureden, was den Tatsachen nicht entspricht, aber trotzdem (oder gerade deshalb!) überzeugt oder fasziniert. Es liegt nahe, den Hochstapler als einen Meister der "message control" zu bezeichnen. Das hat er aber nicht nur mit einigen gegenwärtigen Politikern, sondern auch mit vielen Schriftstellern gemeinsam. Über Polt-Heinzl hinaus ist nämlich zu bemerken, dass der Hochstapler nicht nur für "die Literatur" interessant ist, sondern auch für die Urheber derselben.

Der Autor als Komplize

Viele Autoren, die sich mit dem Thema "Hochstaplerei" beschäftigten, verspürten selbst gewisse Neigungen in diese Richtung. Kasimir Edschmid, der von Haus aus den Allerweltsnamen Eduard Schmid trug, beteiligte sich in den zwanziger Jahren recht begabt an den narzisstischen Spielen der mondänen Gesellschaft. Als "Don Eduardo Schmidos" wurde er dafür in Robert Neumanns satirischem Parodienbuch "Mit fremden Federn" verspottet.
Walter Serner, der 1927 ein "Handbrevier für Hochstapler" veröffentlichte, gab diesem Pseudo-Ratgeberbuch zwar eine zynische Note, hielt sich aber in seiner öffentlichen Selbstdarstellung durchaus an seine Ratschläge zur gewissenlosen Selbstvermarktung.
War Walter Serner ein exzentrischer Snob, so war Thomas Mann ein seriöser Bürger. Und doch sagt sein Roman "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" schon im Titel, wer hier vorgestellt wird. Mit keinem anderen Buch hat sich Mann so lange abgegeben wie mit diesem: 1910 machte er erste Entwürfe, die endgültige Fassung erschien 1954, ein Jahr vor dem Tod des Autors. Hätte er länger gelebt, wäre möglicherweise noch ein zweiter Band mit Hochstapler-Bekenntnissen erschienen, denn der erste bricht mitten im Geschehen ab.

Diese anhaltende Beschäftigung deutet auf eine tief gehende Identifikation hin, die Thomas Mann auch gar nicht bestritten hat. Wenn Krull etwa in Lissabon eine junge Dame aus ehrbarer Familie und zugleich auch deren sittenstrenge Mutter verführt, dann hat er den Segen seines Erfinders. Dass Krull diesen erotischen Doppelsieg in der Maske eines Marquis von Venosta errungen hat, findet ebenfalls Thomas Manns Zustimmung.
Wie auch nicht? Schließlich hat er selbst sich ebenso in eine Rolle begeben. Für aufmerksame Leser durchaus bemerkbar, feiert er eine heimliche Komplizenschaft zwischen sich, dem Künstler, und dem hübschen kleinen Hochstapler, dem die Herzen aller Frauen und mancher Männer zufliegen.

Im tatsächlichen Leben wäre der Nobelpreisträger gewiss nicht zu den Streichen imstande gewesen, die er seinem Helden andichtete. Indem er dessen Bekenntnisse jedoch in Ich-Form schrieb, konnte er – als Krull verkleidet – eigene, verborgene Wünsche artikulieren. Auch das ist eine Spielart der Hochstapelei, wiewohl eine harmlose, die niemanden schädigt.

Und so zeigt sich hier wie in anderen Fällen, dass die beste Literatur zum Thema von Autoren stammt, denen die Lust am anmaßenden Rollenspiel und an stilvollen Betrügereien nicht ganz fremd ist.