An der Loire wurde nicht dem Krieg, sondern der Liebes- und Lebenslust gefrönt. Wahrscheinlich deswegen, weil die Täler der Loire und ihrer Nebenflüsse Chèr, Vienne und Indre von solch bezwingender Lieblichkeit sind, dass selbst Karl VII. die Begeisterung am Hundertjährigen Krieg verging. An die tausend Schlösser erzählen von einem unglaublichen Luxusleben.

Man vergleicht die Loire gern mit einer Frau – sanft, kapriziös, grazil, eigenwillig, unbezähmbar. Ihre Ufer wurden nie reguliert und so nimmt sie bis heute ungehindert ihren Lauf durch die Landschaft. Ständig wechselt sie ihr Aussehen, umspült helle Sandbänke und Inseln, umfasst mit einer Schleife ein Dorf, ein Schloss, fließt ruhig an idyllischen Gärten und dunklen Wäldern vorbei.

In dieser Bilderbuchlandschaft feierten Könige Feste, zerstreuten sich bei der Jagd nach Hasen und Frauen. Gar manche Schöne fand an der Loire das Glück ihres Lebens: Sie wurde die Geliebte eines Königs und bekam ein Schloss und das dazugehörige Land rundum geschenkt. An die tausend solcher Liebesnester zählt man an der Loire und ihren Nebenflüssen – die Zahl sagt alles über die Kraft der königlichen Lenden aus. Intrigen, eine ménage à trois, rauschende Feste – das Leben war aufregender als jeder Hollywoodfilm heute. Während sich Könige und Minister den Kriegen oder Regierungsgeschäften widmeten, blieben ihre Frauen und Geliebten als unumschränkte Herrscherinnen in den Schlössern zurück. Erlesener Geschmack, Schönheit und ein brillanter Geist waren die unverzichtbaren Eigenschaften einer Anwärterin auf die Liebe eines Königs und auf den Besitz eines Schlosses.

Die Schöne von Loches

An den Ufern des Indre, einem Nebenfluss der Loire, liegt Loches. Eine verwirrende Ansammlung und Mischung aus Türmen, alten Dächern und Wällen. Eigentlich eine einzige große Befestigungsanlage mit Wohnhäusern. Eine Schlossstadt über der Stadt. Uneinnehmbar, trotzig.
Die Geschichte des Schlosses ist eng mit der geheimnisumwitterten Agnès Sorel verbunden. "Sie hatte das schönste Gesicht, das man je gesehen hat", soll Papst Pius von ihr gesagt haben. Sie verkörperte das Schönheitsideal des ausgehenden Mittelalters: blond, blauäugig, schmale, leicht geschwungene Nase, ovales Gesicht, makellose Zähne, eine hohe Stirn, Augenbrauen und Haaransatz epiliert. Als exzellente Reiterin und passionierte Jägerin hatte sie die besten Voraussetzungen, die Frau brauchte, um einem König zu gefallen. Ihre Körperrundungen sollen allen Männern den Kopf verdreht haben. Von 1443 bis zu ihrem Tod 1450 war sie die Geliebte des König Karl VII. Ihre Ausgaben wurden in den königlichen Kassabüchern angeführt. Somit war sie die erste offiziell anerkannte Mätresse Frankreichs. Der König hat sie so sehr geliebt, dass er seinen Sohn, den Dauphin Ludwig, vom Hof verbannte, weil dieser seiner Geliebten nicht den nötigen Respekt erwies.

An ihrer Schönheit hat sich die Fantasie der Männer entzündet. Ein unbekannter Künstler aus der Schule von Fontainebleau malte sie im züchtigen weißen Schleier und entblößter Brust. Ganz schön gewagt für die damalige Zeit.

Über ihren Tod erzählt man sich verschiedene Versionen: Sie sei vergiftet worden, sagen die einen, sie sei bei einer Fehlgeburt gestorben, erzählen die anderen.

Die Damen von Chenonceau und Chaumont

Wenn ein Schloss seine Existenz Frauen verdankt, dann Chenonceau. Sieben Frauen haben sein Schicksal gelenkt. Am bekanntesten ist Diane de Poitiers. König Heinrich II., mit der – wie man kolportiert – ziemlich frigiden und nicht sehr reizvollen Katharina von Medici verheiratet, verliebt sich in die um 19 Jahre ältere Diane, schenkt ihr Chenonceau und verurteilt seine Frau Katharina zu einer "ménage à trois". Diane ist die unumschränkte Herrin des Schlosses und des Königs. Sie ist nicht nur schön, sondern auch klug. Deshalb mahnt sie Heinrich, ja regelmäßig seine Ehepflichten zu erfüllen, damit sich endlich der ersehnte männliche Erbe einstellt. Denn es bestand die Gefahr, dass Heinrich Katharina gegen eine fruchtbare Ehefrau austauschen würde, die eventuell Diane von ihrer Vormachtstellung vertreiben könnte. Zur Sicherheit verschreibt sie ihm Potenzmittel und Katharina Kräuter gegen die Unfruchtbarkeit. Beides wirkt: Katharina gebiert neun Kinder, sechs überleben, darunter drei Knaben.

Während Katharina mit Geburt und Aufzucht beschäftigt war, ließ Diane de Poitiers einen prunkvollen Garten anlegen, wo rauschende Feste gefeiert wurden. Vor allem hatte sie den genialen Einfall, das Schloss durch eine mächtige Bogenbrücke mit dem gegenüberliegenden Ufer des Cher zu verbinden. Nach dem Tod des Königs wird sie von Katharina aus Chenonceau vertrieben und in das das düstere Schloss Chaumont verbannt. Nun hat Katharina freie Hand in Chenonceau. Um ihre Vorgängerin zu übertrumpfen, lässt sie die Brücke mit einer Galerie überbauen, die als Ballsaal fungiert. Gegenüber dem Garten der Diane lässt sie einen eigenen errichten, allerdings etwas kleiner, aber in der Konstruktion ähnlich, wo sie die Tradition der prunkvollen Gartenfeste fortsetzt. Mit der besonderen Pikanterie, dass die Männer als Frauen verkleidet und die Frauen mit nacktem Oberkörper und in Hosen auftreten.
Nach dem Tod Katharinas ist es eine Weile mit den Festen vorbei. Einmal schaut Ludwig XIV. vorbei, verlässt aber schnell und gern dieses verfallende Schloss. Im 18. Jahrhundert wird es von der Schauspielerin Louise Dupin aus seinem Dornröschenschlaf erweckt und zum Zentrum für Künstler und Philosophen gemacht. Montesquieu, Voltaire, Rousseau sind Dauergäste. Anfang des 20. Jahrhunderts ersteht die Familie Menier dieses Kleinod, in deren Besitz es noch heute ist.

Im Schloss Chaumont hält sich Diane de Poitiers zwar nicht oft und lange auf, aber sie gestaltet es nach ihrem Geschmack um, dekoriert es ähnlich wie in Chenonceau mit wertvollen Tapisserien, Gemälden und Prunkbetten. Im Schloss Anet, wo sie mit König Heinrich zur Jagd ging, gefällt es ihr besser. Dort frönt sie ihrer Lieblingsbeschäftigung, der Jagd. Statuen im Garten zeigen sie als Göttin der Jagd mit Pfeil und Bogen. Die zahlreichen Porträts bezeugen ihre sprichwörtliche Schönheit. Ihre bis ins hohe Alter straffe Haut und das blonde Haar verdankt sie angeblich einem Schönheitsmittel, das so geheimnisvoll wie unglaublich ist: Ärzte behaupten nach einer ausführlichen Knochenanalyse, sie habe täglich Wasser mit feinem Goldstaub versetzt getrunken. Wenn es nicht wahr ist, dann ist es gut erfunden. Vielleicht von Diane selbst, die sich bestens vermarkten und für einen schillernden Nachruf sorgen konnte. So ließ sie neben dem Schloss schon zu Lebzeiten ihre Grabkapelle, die eher einem Mausoleum gleicht, errichten. Ein mächtiger schwarzer Sarkophag thront auf vier Damenbüsten mit prallen nackten Brüsten. Oben steht Diane im Gewand einer betenden Büßerin.

Chaumont erlebt heute eine großartige Renaissance. Nach dem Tod von Diane wechselte es oftmals die Besitzer, verfiel immer mehr. Bis es die Region aufkaufte. 2007 begann mit Chantal Colleu-Dumond eine neue Ära. Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung im internationalen Kunstgeschehen formte sie das Schloss zu einem Zentrum für Kunst um und schuf in dem 32 Hektar großen Park das Aufsehen erregende "Internationale Gartenfest". Jährlich lädt sie Gartenarchitekten, Landschaftsplaner und Künstler aus allen Sparten ein, einen Garten zu vorgegebenen Themen zu gestalten. Für 2019 rief sie das Thema "Paradies" aus, wohl, um den unsicheren Zeiten einen Friedensgedanken entgegen zu setzen. 25 interessante Konzepte zum Paradies wurden realisiert. Die Künstler spielten mit Ironie und Witz das Thema durch: Ein Ring aus weißen Federn spannt sich unter dem Tiefblau des Himmels auf. Plastikblumen und gebogene Spiegel bilden ein "Fakeparadies". Da und dort zwitschern Vögel vom Tonband. In goldglänzenden Matten spiegeln sich echte Pflanzen und bilden eine abstrakt-schöne Welt. Lila Plastiksäcke auf hohen Stangen schwingen im Wind… Die Ideen sind so zahlreich wie unterhaltsam zugleich. Man feiert in Frankreich 500 Jahre Renaissance. Im Schloss Chaumont, selbst einer der markantesten Bauten dieser Epoche, wird der Gedanke der Renaissance neu gedacht.