An einer Ecke strahlte gerade noch eine grelle Orange mit blitzweißem Lachen von der Wand. Nur ein paar Meter weiter trotzen dann zwei mächtige Nashörner den aufgebrachten Wellen des Meeres. Und drumherum? Da erscheint alles ganz so, wie es neben einem anderen Straßenkunstwerk steht: ein "Life in Color". Denn in Wynwood knallen Farbexplosionen vom Beton, wohin man schaut. Hinter jeder Ecke wartet eine visuelle Überraschung – von der überlebensgroßen Barbie bis zum wutschnaubend grünen Baby-Hulk. Überall sind die flachen Funktionalbauten mit Street-Art-Kunstwerken, sogenannten Murals, bemalt, und werden mittlerweile tagtäglich von vielen, vielen Touristen umströmt.

Bis vor wenigen Jahren hätte es noch wenig Grund gegeben, sich in diesen Stadtteil von Miami zu verirren, der aufgrund des hohen Anteils von Einwanderern aus Puerto Rico einst "Little San Juan" genannt wurde. In nördlichen Teil Wynwoods, wo man heute den Kunst-Distrikt findet, war das Straßenbild gesichtslos und vor allem bestimmt von alten, mitunter verlassenen Lagerhäusern, Parkplätzen, Brachen. "Das war nicht die beste Gegend, zu Fuß war hier niemand unterwegs – die Kriminalität war damals ziemlich hoch", sagt Guide Marie Perea auf ihrer Kunst- und Kulinariktour, als sie vor dem berühmten Block steht, der das Epizentrum der Metamorphose war und der das Viertel zu einem der trendigsten in Miami machte: Zwischen der 25. und 26. Straße und der 2. und 3. Avenue befinden sich seit zehn Jahren die Wynwood Walls, eine internationale Open-Air-Street-Art-Galerie.

Tony Goldman war treibende Kraft

Initiator und treibende Kraft für diesen Belebungsschub war damals Tony Goldman. Der Investor und Entwickler, der zuvor unter anderem Soho in New York zu neuer Blüte verhalf, sah Potenzial in der Gegend – und in den vielen kahlen Wänden viele große Leinwände. Vor rund zehn Jahren kaufte er daher zu niedrigen Preisen Grundstücke auf und lud Street-Art-Künstler ein, die Wände der sechs fensterlosen Gebäude zu bemalen. "Es sind wechselnde Kunstwerke. Immer wieder werden seitdem neue Künstler eingeladen", erklärt Perea. Bislang kamen über 50 aus mehr als einem Dutzend Ländern; darunter zahlreiche Größen der Szene.

Wie man auf der Tour von "Miami Culinary Tours" schnell sieht, haben sich die Malereien längst auf viele andere Gebäude bis in die Nebenstraßen ausgebreitet. Die Besitzer und Inhaber engagieren dafür ebenfalls Street-Artists, die mit ihren Graffitis die Fassaden besprühen. Diese Entwicklung wiederum zog eine größere Kunstszene an, so dass man heute von einem ganzen Art-District spricht: Auf über 70 Galerien und über ein halbes Dutzend Museen stößt man mittlerweile, dazu auf trendige Shops und Restaurants an jeder Ecke und dazwischen Kräne und Baustellen, wo manch neues, exklusives Apartmenthaus entsteht. Wie in anderen Städten hat die Gentrifizierung natürlich auch hier ihre Schattenseiten: Die Grundstückspreise sind seit der Entdeckung Wynwoods schwindelerregend rasant gestiegen.