Sommerzeit ist Urlaubszeit ist Zerwürfniszeit. Nicht selten passiert es, dass in Beziehungen in der Frage von Urlaubsdestination und Aktivitätspotenzial gegensätzliche Modelle aufeinander prallen. Steht für einen Teil der Lebensabschnittspartnerschaft unbedingt Kunst und Kultur – meist mit urbanen Destinationen – ganz oben im Kalender, hat für den zweiten Teil das Auffüllen des sich in roten Zahlen befindlichen Bewegungskontos oberste Priorität. Durch die Natur zu wandern oder auf Berge zu steigen wird gegenüber der beschaulichen Kunstbetrachtung in dezent klimatisierten Räumen bevorzugt. Ein gefährliches Terrain. Die Beziehungsgeschichten zeigen, dass derart divergente Auffassungen, wie die wertvolle Urlaubszeit verbracht werden muss, oft zum Scheitern ebendieser geführt haben. Daher sind Anregungen zur idealen Verbindung beider Vorstellungen willkommen. Und solche Destinationen sind nicht schwer zu finden – rund um den Globus. Zwei Kunstströmungen der vergangenen Jahrzehnte, die ineinander greifen, machen es möglich, sich in frischer Luft mit zeitgenössischer Kunst auseinanderzusetzen. Mit Land Art und Kunst im öffentlichen Raum lassen sich sportliche Outdoor-Aktivitäten bestens mit kulturellem Anspruch auffetten.
Bevor hervorstechende Open-Air-Kunstdestinationen vorgestellt werden, eine kunsthistorische Unterfütterung, woraus Land Art und Kunst im öffentlichen Raum entstanden sind. Land Art entwickelte sich in den 1960er-Jahren in den USA und stellt den Anspruch, geografischen Raum in ein Kunstwerk umzuwandeln. Von kleinen Eingriffen in die Natur bis zur Umgestaltung ganzer Landstriche – mit dem Einsatz vorgefundener Materialien, aber auch mit Beton und massiven Baugeräten. Land Art war und ist eines der radikalsten Kunstkonzepte. Auch darum, weil die beteiligten Künstlerinnen und Künstler, wie zum Beispiel Robert Smithson, Richard Long, Andy Goldsworthy, Maya Lin, Christo, Hamish Fulton oder Richard Nonas, mit ihren Werken eine gesellschaftskritische Komponente hinzufügten. Sie haben ihre Werke nicht nur den tradierten Präsentationsplattformen wie Galerien und Museen entzogen, sondern auch dem Kunstmarkt, weil sie dezidiert ortsbezogen, nicht transportabel, meist mit einem Ablaufdatum versehen und somit nicht für die Ewigkeit bestimmt waren.
Eine der Ideen im Kontext von Kunst im öffentlichen Raum (Public Art) ist, Werke aus unterschiedlichen Epochen und Medien einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Anfänge der Präsentationen liegen im städtischen Umfeld, in Parks, auf Straßen und Plätzen. Jedoch hat sich die Idee in den Jahrzehnten verstärkt auch aufs Land verschoben und trifft hier, wenn auch mit unterschiedlichen künstlerisch-konzeptuellen Ausformungen, auf Werke der Land Art. Aber nun zu künstlerischen Top-Destinationen und exemplarischen Arbeiten, die unbedingt zu besichtigen sind und nicht, wie zum Beispiel die weithin bekannten Arbeiten von Christo & Jeanne-Claude, nur für bestimmte Zeit zu sehen und zu begehen waren.
Ein Meilenstein der Land Art ist die "Spiral Jetty" des Künstlers Robert Smithson bei Rozel Point am Großen Salzsee in Utah. Die 460 Meter lange und 4,60 Meter breite Spirale ragt in den Salzsee und wurde 1970 fertiggestellt. Seitdem ist sie den Kräften der Natur ausgesetzt und es war die Intention des Künstlers, der jedoch bereits 1973 verstorben ist, dass sie sich sukzessive auflösen sollte. Sie macht, selbst wenn sie manchmal überflutet ist, bis dato keine Anstalten, von der Erdoberfläche zu verschwinden. Die Widerstandskraft der Spirale brachte es mit sich, dass sie sich zu einem der bedeutendsten Ausflugsziele des Mormonenstaates entwickelt hat und folgerichtig im Jahr 2017 zu einem offiziellen Wahrzeichen Utahs ernannt wurde.
Ein paar Meilen weiter im Süden der USA, im Bundesstaat Texas, besteht die Möglichkeit zum äußerst exklusiven "Window-Shopping". Die Stadt Marfa beherbergt nicht nur die ausgezeichnete Chinati Foundation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, überdimensionierte Kunstinstallationen und Skulpturen, für die nirgendwo ausreichend Platz zur Verfügung stehen würde, von Künstlern wie Donald Judd, Dan Flavin, Richard Long oder Roni Horn zu zeigen. Sondern in zirka 50 Kilometer Entfernung haben das dänisch-norwegische Künstlerduo Elmgreen & Dragset auch einen weiteren Meilenstein der – wie sie es bezeichnen – "Pop-Architektur-Land-Art" gesetzt: ein nachgebauter Prada Shop mit Luxusprodukten aus dem Jahr 2005. Mitten in der Wüste, im Nirgendwo. Trotzdem wurde das konsumkritische Werk zu einer vielbesuchten Kunstikone.
Ein angenehmeres Wanderklima mit der Möglichkeit zum wasserlosen Wellenreiten finden Interessierte in Upstate New York in der Nähe der Catskills Mountain vor. Hier hat die 1959 geborene Künstlerin Maya Lin, die sich stark in der Umweltschutzbewegung engagiert, auf einer Fläche von 4,5 Hektar ihr "Storm King Wavefield" (2008) realisiert. Ein atemberaubendes, landschaftsarchitektonisches Projekt mit unzähligen, bis zu fünf Meter hohen grasbedeckten Wellen, deren Farblichkeiten und Ausformungen sich je nach Jahreszeit verändern.
Von den Vereinigten Staaten weiter nach Großbritannien. Die unfassbar imposante Skulptur des britischen Künstlers Antony Gormley können Reisende in der Nähe der Stadt Gateshead im Nordosten Englands nicht übersehen: der "Angel of the North". Die 20 Meter hohe rostbraune Stahlskulptur mit einer Flügelspannweite von 54 Metern sticht deutlich hervor. Das Kunstwerk versteht der Künstler als Referenz an die verloren gegangene Stahlindustrie Nordenglands. Um Windgeschwindigkeiten bis zu 160 km/h zu überstehen, musste der Engel noch einmal 20 Meter in die Erde einbetoniert werden.
Um einiges delikater und vergänglicher sind die Arbeiten des Künstlers Andy Goldsworthy: Als derzeit bedeutendster Vertreter der Land Art orientiert er sich fast kompromisslos an einer der Grundmaximen der Kunstrichtung – seine oft fragilen Arbeiten aus Blütenblättern, Ästen oder Grasfasern vergehen schnell. Jedoch dokumentiert er zumindest die Arbeiten fotografisch. Wer beständigere Arbeiten des Künstlers sehen möchte, dem sei ein Besuch des "Yorkshire Sculpture Park" mit Goldsworthys virtuosen "Hanging Trees" empfohlen.
Ein tatsächlich zum Wandern ausgelegter Kunstparcours sind die "24 Stops" von Tobias Rehberger. Der Weg führt von der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zum Vitra Design Museum in Weil am Rhein in Deutschland. Auf der Wanderung passiert man 24 poppige, farbenfrohe Werke des Künstlers, die unterschiedliche Funktionen erfüllen – vom Wetterhäuschen über Straßenlaternen und Brunnen bis zu Bienenhäusern. Seit Juni 2016 erweist sich die Route als erfolgreiches und gut angenommenes Kunstprojekt. Derart erfolgreich, dass das für zwei Jahre anberaumte Projekt nun unbefristet weiter betrieben wird. Die mittlerweile heimisch gewordenen Bienen danken es.
Einige Höhenmeter gilt es zu überwinden, um einen riesigen Hasen bewundern zu können. Auf den Gipfel des Colletto Fava im Piemont (1600m) hat die in Permanenz pubertierende Boygroup Gelatin 2005 einen 60 Meter langen und bis zu sechs Meter hohen, mit Stroh gefüllten rosa Stoffhasen platziert. Wanderer können sich an den manifest gewordenen "Freund Harvey" kuscheln oder auf ihm herumkraxeln. Mittlerweile haben Zerfallserscheinungen eingesetzt und das Stroh drängt vehement ins Freie. Aber nach Gelatins Berechnungen sollte er bis ins Jahr 2025 durchhalten.
Vom Piemont nach Niederösterreich. Das Bundesland war hierzulande im letzten Jahrzehnt absoluter Vorreiter in Sachen Kunst im öffentlichen Raum. Zahlreiche spannende – temporäre wie langfristige – Projekte legen Zeugnis davon ab und können in Publikationen abgerufen werden. Ein überaus intelligentes wie ironisches Projekt stammt vom Künstlerduo Prinzgau/Podgroschek. Die Arbeit "Die Entdeckung der Korridore" bei Paasdorf inszeniert eine archäologische Ausgrabung des Autofahrens: Einige Meter einer gut erhaltenen, vierspurigen Autobahn werden präsentiert. Eine Inszenierung mit Humor und einer gehörigen Portion Nachdenklichkeit.
Selbstverständlich bieten sich zahlreiche Kunstprojekte an. Deswegen wird an dieser Stelle jedoch an den individuellen Forschergeist appelliert.