Da liegt sie. Im Schilf liegt eine Frau. Sie ist nackt, hat sich zur Seite gedreht und schläft, die Beine angewinkelt. Sie ist tief in den Schlaf versunken, eine zauberhafte Ruhe umgibt sie.

Die Statue der Schlafenden am Ufer des alten Mühlteiches ist eine der vielen Skulpturen, die auf dem Grundstück des Bildhauers Wander Bertoni zu sehen sind. In mehr als fünf Jahrzehnten hat der Künstler rund um die Gritsch-Mühle in der Ortschaft Winden, Burgenland, ein Zauberreich errichtet: Entwürfe für christliche Madonnen, Figurengruppen rund um den indischen Gott Shiva, bildhauerische Abstraktionen des Begriff Bewegung, Skulpturen, die einzelnen Buchstaben des Alphabets gewidmet sind, und vieles andere mehr. Auf den ausgedehnten Wiesen am Fuß des Leitha-gebirges ist ein schöpferisches Universum versammelt, ein Zauberreich, in dem man sich tagelang umsehen könnte, immer wieder aufs Neue überrascht. Wie sagte Bertoni einmal: "Ich habe oft behauptet, dass mein gesamtes Werk ein Tagebuch sei, tatsächlich sind fast alle meine Arbeiten ein Niederschlag und Reaktionen auf Ereignisse meines Lebens, die nicht kultureller Natur waren."

Überall gibt es etwas zu entdecken: Zum  Beispiel  die Allegorie des Windes, die zum Energiebrunnen von 1993 gehört. - © Christoph Liebentritt
Überall gibt es etwas zu entdecken: Zum  Beispiel  die Allegorie des Windes, die zum Energiebrunnen von 1993 gehört. - © Christoph Liebentritt

Naheverhältnis der Kirche zur faschistischen Partei

Mittlerweile steht der Meister im 94. Lebensjahr. Im Jahr 1925 kam er in der kleinen italienischen Ortschaft Codisotto zur Welt, Provinz Reggio Emilia. Sein Vater war Baumeister und überzeugter Gegner der Faschisten, was zu jener Zeit selbstverständlich kein Vorteil war. Und weil sich der Vater so sehr über das Naheverhältnis der katholischen Kirche zur faschistischen Partei ärgerte, wollte er keinem seiner Kinder einen christlichen Vornamen geben. Also nannte er seinen Sohn Wander, ein Name, der sich aus der etruskischen Tradition im nördlichen Italien ableitet.

Die dramatischen historischen Ereignisse in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gaben Bertonis Leben von allem Anfang an eine ganz spezielle Richtung. Von den deutschen Truppen als Zwangsarbeiter verschleppt, schuftete er ab 1943 in Wien in der Rüstungsindustrie. "Der Winter 1943/44 war besonders kalt", sollte er später anlässlich seiner Plastik "Der Sonnenanbeter" sagen. "Damals arbeitete ich als Zwangsarbeiter zwölf Stunden am Tag. Ich sah buchstäblich kaum die Sonne. Seit damals habe ich zu der Sonne eine fast religiöse Beziehung."

In jenen harten Jahren begegnete der Achtzehnjährige aber auch der Bildhauerin Maria Biljan-Bilger, die ihn zwischenzeitig versteckte und ihn später unterstützte, als sein Leben eine ganz neue Richtung nahm. Als der Nazi-Spuk zusammenbrach und Wien im Trümmern lag, war Bertoni zwanzig Jahre alt und begeistert von der Welt der Kunst. Im Jahr 1946 war er der erste ausländische Student an der Akademie der Bildenden Künste bei Wotruba.