Volksmusik, echte, empfundene Volksmusik – nicht die volkstümliche Schlagerversion im Schmähdirndl oder der aufgemotzten Krachledernen – ist die Essenz von Heimatgefühl. Kitschig, fröhlich, bissig oder schlüpfrig, wer seine Heimatlieder hört, vor allem in der Fremde, hat nicht selten mit zumindest feuchten Augen zu kämpfen. "Volksmusik hat einen Lebenszusammenhang", so die Geschäftsleiterin des Österreichischen Volksliedwerkes, Irene Egger. Volkstümliche Musik hingegen, so schreibt Hans Well von der "Biermösl Blosn" "...meidet generell den Widerspruch zur Masse oder herrschenden Meinung. Tümlich kommt – habe ich nachgelesen – von so tun als ob. Nicht das Volk tut hier allerdings ‚so als ob‘, sondern eine verkaufsinteressierte Industrie in bester Kumpanei mit öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, indem sie ein Surrogat an verlogenen Glücksgefühlen und abgefeimten banalen Musikklischees verbreiten." Genau das hat wohl auch Stephan Remmler, ein deutscher Sänger ("Dadada..."), Komponist und Musikproduzent, gemeint: "Diese penetrante Fröhlichkeit, der verlogene Mitmachzwang: Das hat nichts mit Volksmusik zu tun, es ist nur zum Kotzen."
Aber was ist eigentlich Volksmusik? Ursprünglich war es das musikalische Leben abseits der adeligen Höfe und der Klöster. Man musste sich seine Musik selbst machen, Melodie und Texte wurden mündlich weitergegeben. Erst um 1700 findet man Flugblätter oder handschriftliche Noten, davor brachten fahrende Musikanten – als Untermalung gab es Drehleier und Dudelsack – die beliebtesten Balladen und G’stanzln in die Wirtshäuser und auf Jahrmärkte, eine Ergänzung zu den einheimischen Liedern, die schon die Kinder von den Großmüttern lernten. Um 1800 ergänzten dann die Geige und der Kontrabass die Musikergruppe. Das Hackbrett war oft auch daheim die Begleitung, wenn man sich abends zusammensetzte, zum Spinnen, nach getaner Arbeit. Bei festlichen Anlässen, bei Kirtagen, kirchlichen Feiertagen, bei Hochzeiten und zum Erntedank wurde dann groß "aufg’spüt", mit einer Schalmei, einer Art Holzflöte, als schrille Ergänzung .
Erst die Romantik machte Volksmusik salonreif. Die Industrialisierung hatte begonnen, die bisher streng getrennten Stände mit ihren Dünkeln durchmischten sich, eine neue Gesellschaftsordnung entstand, und damit neue Sitten und Gebräuche. Man begann für die Natur zu schwärmen, für das einfache Landleben und die fröhlichen Bauern – was wenig mit der Realität zu tun hatte, das Landleben war weder fröhlich noch einfach. Städter machten jetzt Sommerfrische, kleideten sich in heimische Trachten (sogar der Kaiser!) und mischten sich oft leicht herablassend unter das Landvolk, ließen sich gerne von diesem bespaßen. Die Zither kam in Mode, als Gegenstück zum teuren, nicht transportablen, dem reichen Haushalt vorbehaltenen Klavier, auch Blasmusikinstrumente waren günstig herzustellen und laut genug, um eine lärmende Menschenmenge zu untermalen und unterhalten. Tuba, Horn, Trompete und Klarinette lösten oft die leiseren Geigen ab: Die ländliche Blasmusik war geboren. Und die Marschmusik. Bisher zog man unter Getrommel in die Schlacht, jetzt konnten die Soldaten der Musikkapelle im beschwingten Gleichschritt folgen.
Und noch eine Erfindung änderte die Musikszene, wurde aber erst langsam in der Volksmusik verwendet, obwohl ein Spieler damit ein ganzes Orchester ersetzen konnte: Handzuginstrumente, besser bekannt als Akkordeon und Harmonika. Volksmusikpuristen – die gab es schon damals, wie Johann Gottfried Herder, Philosoph und Dichter, der sich für die Tradition der deutschen Sprache einsetze, auch die von Volksliedern, die er sammelte und kategorisierte – verdammten dieses neumodische Instrument. Das stammt übrigens aus Wien, wurde 1829 von einem gewissen Cyrill Demian als "Accordeon", ein Name, den er erfand, patentiert, und das höchst erfolgreich: In Wien waren 1856 schon 120 Harmonikabauer registriert, die den Aufträgen kaum nachkamen. Verschiedene Versionen und Nachbauten waren bald in der ganzen Welt verbreitet. Und heute gehört das Handklavier, die Quetschkommode, das Schifferklavier, die Quetschn, ganz selbstverständlich in das Volksmusikrepertoire.
Aber gerade das ist das Schöne an der Volksmusik: Man kann sie nicht wirklich definieren oder abgrenzen. Sie entwickelt sich ständig, nimmt Altes, macht daraus Neues. Ein typisches Beispiel dafür sind die G’stanzln, die gerne zu Hause oder im Wirtshaus, natürlich auch bei Festen, gesungen werden und oft aktuelle Ereignisse oder Personen in den Text einbinden, und in deren Refrain meist die ganze Gesellschaft einstimmt, aber auch Trinklieder, die schon aus dem 13. Jahrhundert bekannt sind – getrunken und dann gerne gesungen hat man offenbar immer. Vom "Stillen Zecher" bis zur "Reblaus" klingt die Freude am Alkohol auch heute noch durch Heurigenlokale und Buschenschank-Gärten, Volksmusik, die in Wien oft ins Philosophische umschlägt. Kategorisiert werden diese Lieder ab dem 18.Jahrhundert auch als "Lumpenlieder", die durchaus selbstkritisch das liederliche Leben und den unvermeidlichen Untergang zelebrieren. Wer heute beim Heurigen Gruppen wie "Die Strottern", die "Mondscheinbrüder" oder "Kollegium Kalksburg" erlebt (und es gibt noch viele andere junge Heurigen-"Satyriker"), kann da viel von einer Entwicklung von Weinerlichkeit zu liebevoller Selbstironie bemerken. Zum klassischen Programm erhöht wurde all das von den Philharmoniker-Schrammeln, die zu den Liedern auch Geschichte und G’schichterln darbringen.
Dass das Volkslied in Österreich seine eigene, vom Vortragsort unabhängige Anerkennung und Verbreitung fand, ist der RAWAG zu verdanken, einem 1924 gegründeten Rundfunksender, der 1932 das RAWAG-Singen veranstaltete, einen Gesangswettbewerb in allen Landesstellen, der unglaublich populär war. Das wussten die Nazis schnell zu nützen, und bis heute haben einige der ursprünglich völlig harmlosen Volkslieder durch diese Instrumentalisierung einen national-fanatischen Beigeschmack, wie auch allgemein die Begriffe Heimat, Volkstracht oder überhaupt das Wort "Volk". "Das Lied kann ja nichts dafür", so Irene Egger, "aber den Kontext sollte man kennen und bei Aufführungen erklären. Wir geben da gerne Auskunft."
Das Österreichische Volksliedwerk, zurückgehend übrigens auf Kronprinz Rudolf, der die Idee hatte, allen Völkern der Österreichisch-Ungarischen Monarchie ein umfassendes Werk zu widmen, das auch die Volksmusik behandeln sollte, ist heute ein Teil der Österreichischen Nationalbibliothek und enthält "Dokumente musikalisch-poetischer Äußerungen". Wer hier nachliest, wird nicht sehr überrascht sein, dass 80 Prozent der österreichischen Volkslieder Liebeslieder sind. Manche durchaus schlüpfrig, mit sehr schwach verdeckten Andeutungen, was da Sache ist beim Fensterln und Umwerben. Es gibt die Gruppe der oft kritischen Arbeitslieder, manche "Ruflieder", die Ware anpreisen. Es gibt die Kinderlieder mit Kose-, Neck- und Kitzelversen, Aufzählreimen und Kniereitern ("...macht der Reiter plumps!"). Nicht zu vergessen Erzählungen, Balladen, die früher auch Nachrichtenübermittler waren. Es gibt Geschichtslieder wie Kriegslieder, historische Erzählungen, auch Widerstandslieder; Heimatlieder, die die Sehnsucht nach zu Hause, das Heimweh, beschreiben, oft rührselig, durch die rosarote Brille geseufzt, für manche kitschig, für andere herzerweichend. Auch die Landeshymnen zählt man dazu. Und Alm-, Jäger- und Schützenlieder sowie die meist tragisch endenden Wilderer-Balladen.
Religiöse Lieder waren oft mit den Jahresbräuchen wie Weihnachten verknüpft, wie "Stille Nacht", vor 200 Jahren entstanden, das von Oberndorf bei Salzburg aus einen Siegeszug in die ganze Welt antrat. Sie wurden zu Wallfahrten gesungen, bei Andachten, entwickelten sich meist aus liturgischen Gesängen. Jodler, die weit tragen können, dienten als Kommunikation von einem Berggipfel zum anderen. Und die Ländler, der Steirer, der Landler und der Schuhplattler, wurden im Ausland zum Inbegriff der Musik in den Alpen. Es gibt Paar- und Gruppentänze, oft mit komplizierter Choreographie, dazu werden G’satnzln gesungen, es wird gestampft und gepascht, Lebensfreude, aber auch Konkurrenzkämpfe und männliche Selbstdarstellungen werden getanzt, zum Gaudium der Zuschauer und der Tänzer. Die Polka ist ebenfalls ein Volkstanz, sogar der Walzer, der seinen Namen vom "auf die Walz (Wanderschaft) gehen" herleitet. Um 1850 begann man, eigene "Volkslieder" zu komponieren, auch die klassische Musik ließ sich von den regionalen Themen inspirieren.
In den 1960er Jahren machte man sich daran, die tradierten Volksweisen zu entstauben. "Die strengen Bestimmungen in der Gesellschaft wurden zunehmend ignoriert, auch die der Volksmusik." Irene Egger zitiert Attwenger, Die Knödel, Wilfried und Hubert von Goisern als einige Beispiele von vielen, die im Dialekt und mit Bezug zur Gegenwart ihre individuellen Botschaften musikalisch verkündeten und verkünden. "Aber auch volkstümliche Musik – die ich gerne mit McDonalds versus Restaurant vergleiche, beide finden ihre Liebhaber – kann irgendwann zu Volksmusik werden, wenn der momentane Hit zum Langzeiterfolg wird." Künstlerischer Anspruch, Botschaft, Kommunikationsaspekt, Regionalkultur, das zeichnet Volksmusik aus. Wenn es die Spatzen von den Dächern singen, ist es noch nicht Volksmusik. Aber sie kann es werden.