Scheller und Roller, Hexen, Vogelhändler, Kaminer, Labara und Bären ziehen durch das Städtchen: In Imst herrscht Ausnahmezustand. Alle vier Jahre findet im Rahmen der Imster Fasnacht das große Schemenlaufen statt. 900 Einheimische (ausschließlich Männer) sind aktiv beteiligt – und die ganze Stadt sowie Heerscharen von Gästen sind auf den Beinen.

Mullerlaufen in Innsbruck - © Bernhard Aicher
Mullerlaufen in Innsbruck - © Bernhard Aicher

Das Schauspiel ist tief in der Bevölkerung verankert: Es ist spektakulär, farbenprächtig, quirlig und voll Bewegung – und nach einem alten Ritual haargenau geregelt. Die beiden Hauptfiguren des Umzugs sind der Scheller und der Roller. Beide sind aufwändig gestaltet und verlangen von ihren Darstellern Kondition: Der Scheller in dunkler "Larve" (Holzmaske) trägt sechs bis acht große Kuhschellen an Bauch und Rücken – mit einem Gewicht von 35 Kilogramm. Die Glocken werden durch Bewegungen in zwei verschiedenen Rhythmen angeschlagen: entweder im wuchtigen Wechselschritt – oder aus der Hüfte heraus.

Ein wahres Kunststück, das lange Übung erfordert, doch gerade der Zusammenklang der verschiedenen "Gschaller" ergibt den charakteristischen, dumpfen Klangteppich der Imster Fasnacht. Akustischer Gegenpart ist das "Gröll" des Rollers: Der zierliche, knabenhafte Partner des Schellers trägt einen verzierten Hüftgurt mit 50 kleinen Rollen (Glöckchen). Die tänzelnde Fortbewegung des Rollers mit grazilen Sprüngen lässt diese silbrig hell erklingen.

Hinter den beiden Hauptfiguren trotten die sogenannten "Laggepaare", humorvolle Karikaturen von Roller und Scheller. Verschiedene Ordnungsfiguren sorgen dafür, dass die Zuschauer am Straßenrand genügend Abstand bewahren: Die Sackner mit ihrem ballonartigen Stoffsack, die Wifligsackner mit schweren Faltenröcken, die Ture- und Bauresackner. Die Spritzer wiederum verschaffen sich mit kalten Fontänen aus ihrer großen Wasserspritze Platz. Hexen tanzen zu schauerlichen Klängen und Bären tapsen durch die Gassen. Mit von der Partie sind weiters die bildschönen Imster Vogelhändler in barocker Tracht; die Kaminer spotten Zuschauerinnen in den oberen Stockwerken aus und die Labara prangern prominente Imster ironisch an.

Das Imster Schemenlaufen ist äußerst komplex, die einzelnen Rollen und Masken sind überaus begehrt. Sie werden hauptsächlich innerhalb der Familien weitergegeben und verlangen jahrelange Vorbereitung, sowohl was die Kostüme als auch das Training für die Darstellung betrifft. Die Bevölkerung ist stets mit Feuereifer dabei. Wegen des gewaltigen Aufwandes kann dieser spektakuläre Faschingsbrauch nur alle vier Jahre stattfinden, das nächste Mal am 9. Februar 2020. Die Vorbereitungen dafür laufen bereits jetzt auf Hochtouren (mehr auf www.fasnacht.at/museum).

Woher kommt das alles? Älteste Dokumente gehen auf 1597 und 1610 zurück, vermutlich ist der Ursprung aber noch weit älter. Ist er germanisch, oder heidnisch? Ein Fruchtbarkeitsritus; Lärmbrauch, um Dämonen zu vertreiben; Vertreibung des Winters; ein letztes großes Fest vor Beginn der Fastenzeit? Auch die Bedeutung ist unklar.

Unesco: Immaterielles Kulturerbe

Österreich ist ein Land der alten Bräuche und Traditionen, die bis heute liebevoll gepflegt werden. In letzter Zeit erfahren sie sogar eine gewisse Renaissance, man besinnt sich wieder auf Althergebrachtes. Landauf, landab, zu allen Jahreszeiten ziehen festlich gekleidete, geschmückte, skurrile Gestalten durch das Land. Sie lärmen, jubeln, tanzen, singen oder schweigen andächtig. "Ob mit kirchlichem Hintergrund oder aus alpenländischer Tradition, ob als Zeichen der Dankbarkeit für gute Zeiten oder um die bösen Geister zu vertreiben, ob zur Erinnerung an historische Ereignisse oder als Mahnmal für die Zukunft: Bräuche sind Teil unseres Kulturguts", liest man auf kommunal.at, dem Internetauftritt des Österreichischen Gemeindebundes.

Die Unesco sieht es ähnlich: Seit 2010 dokumentiert und honoriert sie Brauchtum, überlieferte Traditionen, Rituale und Fähigkeiten im Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes weltweit. Ziel ist die Sichtbarmachung (verborgener) Praktiken, die Förderung eines neuen Verständnisses für regionale Besonderheiten, funktionierende Gemeinschaften und den nachhaltigen Umgang mit lokalen Ressourcen. Österreich verfügt aktuell über 117 Einträge.

"Echtes", öffentliches Brauchtum begleitet den Jahreskreis: Von Dreikönig (Sternsinger, Dreikönigsritt, Glöckler) über Faschingsumzüge, Osterbräuche (Osterfeuer, Palmbuschenweihe), Maibaumaufstellen (samt umschneiden und stehlen), Fronleichnam, Sonnenwendfeiern und -feuer, Erntedankfeste (Weinsegnungen, Martiniloben) sowie Adventveranstaltungen. Im privaten, familiären Kreis gibt es noch weit mehr traditionsverhaftete Gepflogenheiten.

Authentische Brauchtumsveranstaltungen

Der Brauchtumskreis beginnt mit dem Kampf zwischen Winter und Sommer und basiert im Naturglauben: Die Tage werden länger, die Kraft der Sonne nimmt zu. Hässliche Masken ("Schiachperchten") sollen böse Geister verjagen. Schönperchten hingegen sind Glücksbringer: freundliche, glänzende Gestalten als Abbild des Sommers.

In der letzten Raunacht (5. auf 6. Jänner), der sogenannten "Perchtennacht", ziehen am Traun- und Hallstättersee (Gmunden, Ebensee, Bad Goisern, Obertraun) die Glöckler durch die Nacht. Ein wundersames, bildschönes Spektakel: Gruppen ("Passen") von strahlend weiß angezogenen Gestalten tragen große, von innen beleuchtete Objekte am Kopf. Diese sogenannten Lichterkappen sind oft mehrere Meter groß und wahre Kunstwerke aus Papier auf Holzgerüsten. An einem Gürtel tragen die Glöckler schwere Kuhglocken.
Auch der traditionelle "Pongauer Perchtenlauf", der jährlich am 6. Jänner abwechselnd in den vier Gemeinden St. Johann, Altenmarkt, Bischofshofen und Bad Gastein stattfindet, ist ein Umzug der Schönperchten. Rund 400 Mitwirkende, aufgeteilt in 34 Gruppen beziehungsweise Einzelfiguren, sind dabei auf den Beinen.

Im Fasching wird’s turbulent: Weit über Österreichs Landesgrenzen hinaus berühmt ist die Tiroler Fasnacht mit all ihren alpinen Eigenarten. Dazu zählt nicht nur das Imster Schemenlaufen (siehe oben), sondern auch die Schleicher in Telfs (alle fünf Jahre mit rund 500 Aktiven und 20.000 Zuschauern), die Scheller in Nassereith, die Wampelerreiter in Axams oder das Huttler- und Mullerlaufen in Thaur. Die Masken sind mitunter höchst kunstvoll – zum Beispiel die des Spiegeltuxers in Thaur. All das ist Jahrhunderte alte Kultur- und Glaubensgeschichte in Farbe und Bewegung.

Weitere Zentren des Maskentreibens sind das steirische und oberösterreichische Salzkammergut. Im Ausseer Fasching machen Trommelweiber (ulkige, gutmütige Gestalten in altmodischen Nachthemden und Schlafhauben) fürchterlich Krach. Sie bilden einen Eliteverein mit 200jähriger Geschichte: Bevor sie ins Nachthemd schlüpfen und auf die Trommel hauen dürfen, müssen sie einen Eid ablegen. Prunkstück des Ausseer Faschings sind aber die Flinserl: Die wunderschönen, bunten, glitzernden Gestalten in fantastischer Aufmachung erinnern an den venezianischen Karneval. Beim Ebenseer Fetzenzug am Traunsee tadeln die "Fetzen" (Figuren in alten Frauengewänder, Fetzenhüten und kunstvollen Holzmasken) die Zuschauer.

Feuerbräuche im Frühling, Erntedank im Herbst

Weiter im Jahreskreis geht es mit diversen Feuerbräuchen, etwa den Osterfeuern. In Vorarlberg verbreitet sind Funkenfeuer oder Funkenbrennen: Auf einen mächtigen Holzstoß wird eine Strohpuppe, die Hexe, gebunden. Sie soll möglichst spektakulär in Flammen aufgehen. Zu den kultischen Bemühung um ein gutes, ertragreiches Jahr zählen auch das Aper- und Peitschenschnalzen im Salzburger Land.

Zwischen Fronleichnam und Maria Himmelfahrt zieht im Salzburger Lungau und im steirischen Murau ein sonderbarer Riese durch das Land: Der Samson geht um. Diese gigantische, sechs Meter hohe, bärtige Figur in Uniform und Helm ist ein friedfertiger, höflicher Geselle. Er macht den Honoratioren der Gemeinden seine Aufwartung und wagt so manches Tänzchen. Ein wahres Kunststück in dem schwankenden, bis zu 100 Kilogramm schweren Holzgerüst des Riesen!

Wenn der Sommer vorüber geht, wird es Zeit für Erntedank- sowie Kulinarikfeste, im September und Oktober für feierliche Almabtriebe mit geschmücktem Vieh: All das ist Ausdruck der Freude, dass Sommer und Ernte gut waren. "Herbst- und Erntedankfeste sind ein lebendiges Zeichen bäuerlicher Kultur und gelebter Regionalität. Für die bäuerliche Bevölkerung sind sie ein willkommener Anlass, mit berechtigtem Stolz ihre Produkte und ihre Arbeit zu präsentieren und den Konsumenten und Gästen einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren" erläutert Matthias Pöschl, Geschäftsführer der Agrarmarketing Tirol.

Ab Martini, dem 11. November, geht es Richtung Winter. Doch davor soll noch gevöllert werden: Martiniloben und das Ganslessen sind Bräuche, die sich die Gastwirte in Ostösterreich längst zunutze gemacht haben. Mit den furchteinflößenden Umzügen der Perchten und Krampusse zwischen Ende November und 6. Dezember (die Schiachperchten treiben vor allem im Salzburger Pinzgau ihr Unwesen) geht das Brauchtumsjahr zu Ende.

Echtes Brauchtum oder Touristenrummel?

"Bräuche sind immer noch ein wichtiger Bestandteil des Alltags, unserer Festkultur und des gesellschaftlichen Lebens", meint Alexandra Munk von der Volkskultur Niederösterreich GmbH. "Brauchtum und alte Traditionen haben ihren Ursprung zumeist in christlichen Ritualen oder stammen aus dem bäuerlichen Leben. In den letzten Jahren ist das Interesse an diesem schon fast vergessenen Kulturgut wieder gestiegen." Um alte Bräuche zu erhalten, bedarf es gestaltender Persönlichkeiten und Menschen, die sich um die Traditionen bemühen. "Ein Brauch kommt von ‚brauchen‘ und stirbt aus, wenn man ihn nicht mehr ‚gebraucht‘. Dafür entstehen dann wieder neue", so Munk.

Neuere Bräuche sind etwa das populäre Narzissen-Fest im Ausseerland (www.narzissenfest.at): Es wurde vor exakt 60 Jahren "erfunden" und ist als Startschuss in die Sommersaison aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Gründen nicht mehr wegzudenken. "Über 3000 fleißige Helfer aus der Region beteiligen sich an den aufwändigen Arbeiten für die Blumengestecke", berichtet Narzissenfestverein-Obmann Rudolf Grill, der mit seinem Team ehrenamtlich im Einsatz ist. "Durchschnittlich wird das größte Frühlingsfest des deutschsprachigen Raums von rund 25.000 Gästen besucht." Das Retzer Kürbisfest in Niederösterreich wurde erst vor 25 Jahren als folkloristisches Erntedankfest ins Leben gerufen – und ist mittlerweile auch voll etabliert.

"In der Ethnologie sprechen wir vom Erfindungsmoment von Bräuchen: Sie wurden stets erfunden", erklärt Universitätsprofessorin Alexa Färber vom Institut für Europäische Ethnologie der Uni Wien. "Halloween etwa ist ein ganz neuer, konsumorientierter Brauch aus den USA, wird aber auch von der Bevölkerung in Österreich gerne angenommen. Vor 40 Jahren dachte niemand, dass wir Halloween ‚brauchen‘."

Brauchen wir Brauchtum?

Brauchtum fördert die Gemeinschaft und schafft Identität. Färber: "An Brauchtum als festliches Miteinander ergeht unter anderem die Anforderung, Öffentlichkeit herzustellen. Es kann einen Sinn für die Strukturierung sozialer Gemeinschaft erfüllen." Laut Statistik Austria gibt es in unserem Land 1299 Brauchtumsvereine (Stand 2015). Diese erfüllen eine wichtige Brückenfunktion: "Brauchtumsvereine fördern das dörfliche Leben und holen auch die Jungend mit ins Boot. Im Brauchtum verschmelzen die Generationen", freut sich Peter Ellmer, Bürgermeister von Bad Goisern, und ergänzt: "Brauchtum kann aber niemals aufgesetzt oder von oben befohlen sein, sondern muss von innen heraus wachsen und gelebt werden."

Aber keine Frage: Brauchtum lässt sich auch touristisch nutzen. Alexandra Munk skeptisch: "Wenn Bräuche als Großveranstaltungen angelegt werden, verlieren sie schnell ihren ursprünglichen Sinn und gehen ins Folkloristische, Touristische über." Ist Brauchtum in Österreich also noch echt – oder sind es Marketingveranstaltungen für den Tourismus, fragen wir Ethnologin Alexa Färber: "Man kann nicht sagen: entweder – oder, das wäre ein falscher Gegensatz. Es gibt viele Menschen, die Tourismus wollen oder an gewissen Orten selber Touristen sind. Von der touristischen Öffentlichkeit für Brauchtum profitieren viele. Touristische Nutzung steht nicht im Konflikt mit Brauchtum. Im Gegenteil: In der Europäischen Ethnologie herrscht seit Langem die Einsicht, dass Brauchtum etwas ist, das nicht im Sinne unverändert überlieferter Tradition authentisch ist. Brauchtum ist stets in Gebrauch – und so wandelt sich die Nutzung."