Zur selben Zeit entdeckten Frankreichs Maler die Mittelmeerküste als gelobtes Land – ihnen verdankt Nizza eine Reihe hochkarätiger Museen. "Als ich begriff, dass ich jeden Morgen dieses Licht sehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen", schwärmte Henri Matisse. 1916 zog er nach Süden, um seine Bronchitis auszukurieren. Er blieb der Stadt bis zu seinem Tod 1954 treu. Manchmal traf er sich mit seinem Kumpel Pablo Picasso, der ab 1946 im nahen Antibes arbeitete. Das flirrende Licht des Südens führte auch Yves Klein den Pinsel. Der Künstler aus Nizza erfand ein Ultramarinblau, das ihn weltberühmt machte. Es sei nichts anderes als "jener blaue Himmel, den er am Strande seiner Heimatstadt liegend, wie eine Vision wahrgenommen hatte", gab er einmal zu Protokoll. Dick überzog er Leinwände und Objekte mit seinem "International Klein Blue" – und mit sonst nichts. Die Werke von "Monsieur Monochrome" nehmen in Nizzas Museum für moderne und zeitgenössische Kunst – kurz MAMAC – einen Sonderplatz ein und gelten längst als Klassiker der modernen Kunst.

Nizzas Charakter hat sich gewandelt

Nizzas Charakter hat sich gewandelt, das Sehen und Gesehenwerden ist der Stadt allerdings geblieben. Erste Adresse ist die sieben Kilometer lange Promenade des Anglais. Vor über 250 Jahren als einfacher Spazierweg angelegt, mauserte sie sich zum berühmtesten Strandboulevard der Welt. Müßiggänger, Jogger, Radler und E-Scooter-Fahrer nützen die milden Spätherbsttage, um noch einmal richtig Sonne zu tanken. Nebenan braust der Verkehr unter einem Spalier von hohen Palmen dahin. Mittendrin thront ein Glamour-Tempel mit einer rosafarbenen Kuppel und einer üppigen Art-Déco-Fassade.

Während andere Belle-Éopque-Hotels wie das Regina zu Appartements umgewandelt worden sind, verwöhnt das Negresco die Hautevolée der Welt bis heute mit Fünf-Sterne-Luxus, Savoir-Vivre und mit einer Kunstsammlung, die viele Museumsdirektoren neidisch macht. Könige und Kurschatten, Dichter und Denker sowie Künstler von Salvador Dali bis zu den Beatles sind im Negresco abgestiegen. Nizzas Tourismus-Institution Nr. 1 erzählt aber auch von dem wohl traurigsten Moment der Stadt: Als am 14. Juli 2016, Frankreichs Nationalfeiertag, ein Terrorist mit einem Lkw in die feiernde Menge raste und 86 Menschen in den Tod riss, wurde das Luxushotel zu einem Lazarett umfunktioniert.

Die vom Strandboulevard abzweigende Promenade du Paillon zählt zu den Bemühungen, die verkehrsgeplagte Stadt wieder lebenswerter für Bewohner und Touristen zu gestalten. Eine spiegelnde Fläche aus dunklem Stein zieht die jungen Besucher magnetisch an. Nach einer Choreographie des Zufalls schießen aus dem Miroir d’Eau 128 Fontänen in den Himmel und verleihen der Überquerung den Thrill eines Hindernisparcours. Die Wasserspiele knüpfen ein Band zu dem lange schon in den Untergrund verbannten Fluss Paillon. Blumen und Bäume aus allen Weltgegenden, die einander auf dem 1,2 Kilometer langen Grün-Korridor ein Stelldichein geben, setzen wiederum die Tradition exotischer Garten-Kunstwerke fort.

Fünf Millionen Besucher im Jahr

Kosmopolitisch und vor allem zahlreich ist auch das Publikum. Fünf Millionen Besucher sind es im Jahr, umso erstaunlicher, mit welcher Selbstverständlichkeit die Niçois ihren Platz behaupten. Doch vielleicht liegt es auch nur an der späten Jahreszeit, dass die Einheimischen selbst am Garibaldi-Platz nicht in der Unterzahl erscheinen. In den Brasserien treffen sich elegant gekleidete Damen zum Lunch; in den Bars fließt am späten Nachmittag der Pastis in Strömen, nach Einbruch der Dunkelheit bevölkert sich der verkehrsberuhigte Platz am Rande der Altstadt mit jungem Volk.