Meinen könnte man auch, dass diese Beziehung eine eher einseitige ist. Doch ganz so brach liegen jene Studios, die sich halten können, nicht. Nur haben sich die Anlässe und Bedingungen verändert. Passfotos lassen die meisten inzwischen beim Schnellfotografen schießen, da ist es günstig und zweckorientiert. Aber wenn es um Image schärfendere Bilder geht, ist das Fotostudio offenbar nach wie vor willkommene Anlaufstelle. Bewerbungsporträts und Businessfotografien, also Fotos für den Webauftritt von Unternehmen, das ist Vodickas Tagesgeschäft im Studio. Und nicht nur in Floridsdorf: Roland Faistenberger hat sein Fotostudio Interfoto 2012 im 4. Bezirk eröffnet und sich diese Sparte zum Hauptstandbein gemacht. Und das scheint aufzugehen. "Im Sommer ist weniger los. Im Winter haben wir zehn bis 15 Shootings an einem Tag", sagt er.

"Fotografie wird immer wichtiger"

Gerade bereitet sich einer seiner Kunden auf sein Einzelshooting vor. Die Fotos will er auf Businessplattformen wie Xing und LinkedIn verwenden. Später soll Fotografin Theresa aber auch noch ein paar Schnappschüsse für seinen privaten Online-Auftritt auf Facebook schießen. Warum, ist leicht erklärt: Nach dem 50. unvorteilhaften Selfie hat er sich entschlossen, doch lieber den Profi ranzulassen. Dass Kunden bei Faistenberger und seiner Crew Shootings für Social Media und sogar Dating-Plattformen wie Tinder buchen, ist durchaus üblich. Die Tatsache, dass heutzutage privat so viel fotografiert wird wie nie zuvor, macht den Fotostudios also nicht unbedingt Konkurrenz, sie spielt ihnen sogar in die Hände.

"Gerade heutzutage mit Social Media, gerade online wird Fotografie meiner Meinung nach immer wichtiger", meint Faistenberger. Die ständige visuelle Selbstdarstellung in sozialen Medien, die für Millennials und jünger fast schon obligatorisch geworden ist, verlangt also manchmal nach professioneller Fremddarstellung. Bewusst sind sich dessen freilich noch nicht alle, sind sich Vodicka und Faistenberger einig. Denn die Bilderflut im Internet trägt offenbar auch dazu bei, dass man das Gefühl dafür verloren hat, wie viel ein gutes Foto eigentlich kosten darf, und am falschen Ende spart.

Gleichzeitig geben aber Plattformen wie Instagram den Schein des Spontanen, die Ästhetik des Schnappschusshaften vor. Dass hinter einem scheinbar ganz nebenbei entstandenen lächelnden Foto am Pool oft unzählige Fehlversuche und zum Knipsen zwangsverpflichtete Partner stecken, ist freilich kein Geheimnis. Nur sehen soll man das bitte nicht. Das wirkt sich auch auf die Bildsprache professioneller Fotos aus. Selbst bei Bewerbungsfotos geht der Trend längst weg vom stocksteifen, mittelgescheitelten Musterbild und hin zu einer lockereren Darstellung. Auch der Interfoto-Kunde posiert für seine Business-Fotos nicht auf einem Hocker vor blauem Wolkenhintergrund, sondern im Jeanshemd lässig gegen die Wand gelehnt, oder im T-Shirt vor einfarbig schwarzem oder grauem Hintergrund. Minimal gewollt, maximal authentisch.

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