"Schau in die Kamera, Tante Mitzi. Nein, in das kleine Loch dort über dem Bildschirm. Genau, und jetzt – okay, nochmal von vorne." Während der 16jährige Großneffe die gesamte Verwandtschaft mit verkrampften Selfie-Versuchen in Atem hält, verlässt Tante Mitzi gedanklich ihren Körper. Sie träumt sich zurück in die 70er Jahre, als die Familienfotos noch nicht in der nach vorne oben gestreckten Hand des Nachwuchses lagen, dessen Schädel neuerdings drei Viertel aller ihrer Gruppenbilder einnimmt, sondern in jener eines professionellen Studiofotografen, vor dem die ganze Truppe geschniegelt und gestriegelt stramm zu stehen hatte.

Und jetzt bitte recht freundlich. Eine unüberschaubare Serie von immer gleichen Selfies des Großneffen mit einer ebenso unüberschaubaren Schar an qualvoll lächelnden Familienmitgliedern, die sich hinter ihm zusammenpferchen, später, hat die Sache endlich ein Ende und Tante Mitzi zwingt sich gedanklich zurück ins Jahr 2019. Das Produkt der an Performance-Kunst grenzenden Verrenkungen ihrer Verwandten sieht sie genau einmal, bevor es in die Untiefen der sozialen Medien entschwindet. Das Offline-Fotoalbum hat schon lange keiner mehr beklebt. Ob es den Studiofotografen aus den 70ern überhaupt noch gibt, überlegt Mitzi, während der Großneffe irgendetwas über Hashtags schwadroniert.

Fotograf Leopold Vodicka hat das ehemalige Fotomodell Anneliese Blazek für einen Teil-Akt vor der Linse. - © Christoph Liebentritt
Fotograf Leopold Vodicka hat das ehemalige Fotomodell Anneliese Blazek für einen Teil-Akt vor der Linse. - © Christoph Liebentritt

Ja, es gibt ihn noch, und zwar in Gestalt von Leopold Vodicka. 1971 eröffnete er sein Fotostudio am Floridsdorfer Spitz – laut eigenen Angaben "Wiens ältestes noch bestehendes Fotostudio". Gut, strenggenommen trifft das nicht mehr zu. Vodicka musste sein 300 Quadratmeter großes Studio aus ökonomischen Gründen auf 70 Quadratmeter verkleinern und in die Stryeckgasse umsiedeln. "Nachdem die Fotografie heute nichts mehr wert ist, waren Energie, Miete und alles drumherum nicht mehr tragbar", zieht Branchenveteran Vodicka sein resigniertes Fazit. Gleich darauf kommt er aber vergnügt mit einer seiner stolzen Anekdoten aus seiner langen, umtriebigen Schaffenszeit ums Eck; Innungsmeister war er, Lehrherr, Zeitungsfotograf, Filmproduzent. Vor allem ist er aber eines: Fotograf aus Leidenschaft, sagt er. Denn mit über 70 hätte er längst aufhören können, ginge es allein um die Marie. Nach all den Jahren ist es heute vor allem der Spaß, aus dem er sein Ein-Mann-Unternehmen zusammen mit freiwilligen Helfern schupft. Seit seinem 14. Lebensjahr ist Vodicka Berufsfotograf. "Tag und Nacht, Samstag und Sonntag. Darum bin ich ja auch nicht verheiratet." Mit seinem Beruf ist er es jedenfalls, könnte man meinen.

Meinen könnte man auch, dass diese Beziehung eine eher einseitige ist. Doch ganz so brach liegen jene Studios, die sich halten können, nicht. Nur haben sich die Anlässe und Bedingungen verändert. Passfotos lassen die meisten inzwischen beim Schnellfotografen schießen, da ist es günstig und zweckorientiert. Aber wenn es um Image schärfendere Bilder geht, ist das Fotostudio offenbar nach wie vor willkommene Anlaufstelle. Bewerbungsporträts und Businessfotografien, also Fotos für den Webauftritt von Unternehmen, das ist Vodickas Tagesgeschäft im Studio. Und nicht nur in Floridsdorf: Roland Faistenberger hat sein Fotostudio Interfoto 2012 im 4. Bezirk eröffnet und sich diese Sparte zum Hauptstandbein gemacht. Und das scheint aufzugehen. "Im Sommer ist weniger los. Im Winter haben wir zehn bis 15 Shootings an einem Tag", sagt er.

"Fotografie wird immer wichtiger"

Gerade bereitet sich einer seiner Kunden auf sein Einzelshooting vor. Die Fotos will er auf Businessplattformen wie Xing und LinkedIn verwenden. Später soll Fotografin Theresa aber auch noch ein paar Schnappschüsse für seinen privaten Online-Auftritt auf Facebook schießen. Warum, ist leicht erklärt: Nach dem 50. unvorteilhaften Selfie hat er sich entschlossen, doch lieber den Profi ranzulassen. Dass Kunden bei Faistenberger und seiner Crew Shootings für Social Media und sogar Dating-Plattformen wie Tinder buchen, ist durchaus üblich. Die Tatsache, dass heutzutage privat so viel fotografiert wird wie nie zuvor, macht den Fotostudios also nicht unbedingt Konkurrenz, sie spielt ihnen sogar in die Hände.

"Gerade heutzutage mit Social Media, gerade online wird Fotografie meiner Meinung nach immer wichtiger", meint Faistenberger. Die ständige visuelle Selbstdarstellung in sozialen Medien, die für Millennials und jünger fast schon obligatorisch geworden ist, verlangt also manchmal nach professioneller Fremddarstellung. Bewusst sind sich dessen freilich noch nicht alle, sind sich Vodicka und Faistenberger einig. Denn die Bilderflut im Internet trägt offenbar auch dazu bei, dass man das Gefühl dafür verloren hat, wie viel ein gutes Foto eigentlich kosten darf, und am falschen Ende spart.

Gleichzeitig geben aber Plattformen wie Instagram den Schein des Spontanen, die Ästhetik des Schnappschusshaften vor. Dass hinter einem scheinbar ganz nebenbei entstandenen lächelnden Foto am Pool oft unzählige Fehlversuche und zum Knipsen zwangsverpflichtete Partner stecken, ist freilich kein Geheimnis. Nur sehen soll man das bitte nicht. Das wirkt sich auch auf die Bildsprache professioneller Fotos aus. Selbst bei Bewerbungsfotos geht der Trend längst weg vom stocksteifen, mittelgescheitelten Musterbild und hin zu einer lockereren Darstellung. Auch der Interfoto-Kunde posiert für seine Business-Fotos nicht auf einem Hocker vor blauem Wolkenhintergrund, sondern im Jeanshemd lässig gegen die Wand gelehnt, oder im T-Shirt vor einfarbig schwarzem oder grauem Hintergrund. Minimal gewollt, maximal authentisch.

Dynamisch-intim

Anders als bei einem selbständigen Fotografen, den man wegen seines speziellen Stils bucht, geht es bei Fotostudios vorrangig darum, wie sich der Kunde selbst inszenieren möchte. "Im Studio arbeiten wir nach Gefälligkeit", sagt Faistenberger. Daher ist trotz Hauptfokus auf Businessfotografie auch so ziemlich alles möglich, man richtet sich nach der Nachfrage – Familienbilder, Babybauch-Fotos, ja sogar Aktshootings macht man bei Interfoto ab und zu. Was die Vielfalt hier dennoch eint, ist das Bekenntnis zum Reduzierten.

Aufwändige Requisiten und bunt gesprenkelte Leinwände sucht man vergeblich. Die Hintergründe sind bewusst einfarbig gehalten, die Bildsprache ist dynamisch-intim. Es geht nicht mehr um Hochglanz und Brachialretusche, im Vordergrund steht die Echtheit, dem Zeitgeist sehr entsprechend. Wäre das Heute eine Pose, wäre es wohl ein lässiges Nicken mit dem Kinn, das zuhause vor dem Spiegel unzählige Male geübt wurde, ehe es der Öffentlichkeit als Understatement verkauft wird. Bevor die Fotografin die Facebook-Fotos des Kunden schießen soll, zeigt er ihr noch schnell ein Selfie von sich, das ihm an sich ganz gut gefallen würde. Sie soll es, nun ja, eben besser machen. Theresa nickt und lächelt milde, es ist nicht das erste Mal, dass man ihr ein Selfie als Orientierungshilfe hinhält.

Musterbilder sind für Vodicka generell ein No Go. Es gilt: Wer das Know-How hat, hält auch das Ruder. Auch, als er die 73jährige Anneliese Blazek für ein spontanes Teil-Aktshooting vor der Linse hat. "Offiziell komme ich ja aus der Architektur- und Erotikfotografie", sagt er. Das merkt man. Routiniert sagt er dem ehemaligen Fotomodell an, wie sie ihr nacktes Bein auf dem Hocker drapieren soll, streicht ihr widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht und gibt wohlwollendes Feedback: "Gut so, sehr schön, genau so." Die präzise Inszenierung unterscheidet sich maßgeblich von der sonst so angestrebten Laissez-faire-Zufallsoptik. Hier regiert immer noch die alte Schule. Was aber natürlich nicht heißt, dass man rastet, bis man rostet. Im Gegenteil: Um als Studio relevant zu bleiben, hat sich Vodicka immer wieder in Nischen gesetzt, Trends aufgestöbert und selbst versucht, neue anzuzetteln. Vielleicht sogar zu viele. Schneiderpuppen mit bunten Prunkkleidern im Rokoko-Stil harren neben alten Videorecordern aus, im Garten wartet ein neu angelegter Pool auf ein erstes Wasser-Shooting. Von Nostalgiefotos bis zur Überspielung alter Super-8-Filme auf DVD ist also auch in Floridsdorf das Produktportfolio enorm.

Nicht begeistert von Google-Bewertungen

Alles macht Vodicka aber auch nicht mit. Dass seine Bewertung auf Google bei 3,6 Sternen liegt, ist ihm beispielsweise ziemlich gleichgültig. "Ich bin nicht begeistert von Google", sagt er. Während ein besonders hohes Ranking dank gut eingesetzter Schlüsselwörter auf seiner Website für Roland Faistenberger essenziell ist, um Kunden anzulocken, setzt Vodicka nach wie vor hauptsächlich auf Offline-Mundpropaganda. Und die Bilder gibt’s auch nicht via Downloadlink, sondern auf Speicherkarte oder USB-Stick. Immerhin ist ja auch Vodickas Kundschaft im Durchschnitt eher höhersemestrig. Eine Symbiose, sind es doch vor allem ältere Herrschaften, die – siehe da – sogar ihre Passfotos tatsächlich noch beim Profi anfertigen lassen.

Die Studiokette PRESS THE BUTTON bietet das Gegenbild dazu. Hier regiert die wohl größte Angst eines jeden Fotografen: Es gibt keinen mehr. Die Kunden bekommen von den Mitarbeitern eine kurze Einführung in die Materie und sind danach mit mehreren Kameras, Selbstauslöser-Fernbedienungen und schrillen Requisiten ganz auf sich allein gestellt. Das Konzept kennt man mittlerweile von Hochzeiten zur Genüge: die Fotobox. Warum aber dafür extra ein ganzes Studio anmieten? "Man macht so viele Fotos mit dem Handy oder fotografiert andere, ohne selbst draufzusein. Also geht man lieber wieder ins Studio und lässt gemeinsame Fotos machen", sagt Evelyn Geishofer von der Filiale im Alsergrund. Hier macht man sich also zwei Trends gleichzeitig zunutze: einerseits den Hang zum Verspielten, Spontanen, andererseits die Retrowelle, die gewisse Online-Verhaltensweisen wieder zurück ins Offline-Leben spült. "Als ich 2014 hier begonnen habe, hatten wir nur samstags geöffnet. Mittlerweile haben wir nur mehr am Sonntag geschlossen", sagt Geishofer. "Die Nachfrage steigt definitiv an. Wir kommen unter der Woche schon auf sieben bis acht Shootings pro Tag, samstags sogar auf zwölf bis 15." Die Fotos werden nachher minimal bearbeitet, nur Bildausschnitte, Helligkeit und Farbton werden angepasst.

Oft kommen Familien, die nach dem etwas anderen gemeinsamen Schnappschuss suchen, manchmal auch stolze Tierbesitzer, Poltergruppen oder sogar Hochzeitspaare, die nach der Trauung und vor dem Empfang kurz vorbeihuschen. Wenigstens hier schließt sich der Kreis: Früher war es laut Vodicka üblich, dass die Hochzeitspaare gleich nach der Trauung direkt ins Fotostudio vis-à-vis gegangen sind. Und wer weiß, vielleicht ist es ja genau diese Schnittstelle zwischen Do-It-Yourself-Trend und Online-Eskapismus, an der auch Tante Mitzi und ihr Großneffe schließlich auf einen grünen Zweig kommen könnten.