Der große Bonus bei Historiendramen ist ja: Man kann so viel lernen. Über Geschichte, Gesellschaft, Mode gar. Oder über das Leben selbst. Da machte auch die britische Serie "Downton Abbey" keine Ausnahme. Die führte einem vielerlei Weisheiten vor Augen. Zum Beispiel: "Man sollte nie einen Gast einladen, dessen Abreisedatum nicht schon fixiert ist." Oder: "Sympathie macht Pastinaken nicht geschmeidiger." Und schon da sieht man: Die vermeintliche Kluft der Klassen, die so oft als Kern der Serie analysiert wurde, die ist so tief nicht. Denn erstere Feststellung stammt von der Gräfinwitwe Lady Violet Grantham, zweitere von der Köchin Mrs. Patmore. In ihrer so trockenen wie bestechenden Wahrhaftigkeit sind sich beide gleich.

Adelige Geschicke
Die Geschicke der Bewohner von Downton Abbey, sowohl in den oberen Geschoßen, wo die Herrschaft residiert, als auch im Keller, wo die Bediensteten arbeiten und leben, haben sechs Staffeln lang das Fernsehprogramm bereichert – von Adelskenner Julian Fellowes ersonnen und mit britisch-raffinierten Dialogen versehen. Dann verabschiedeten sich die Granthams und ihre erweiterte Personal-Familie mit einem Happy-end-reichen Finale von den Bildschirmen. Groß war die Vorfreude daher, als bekannt wurde, dass ein Kinofilm geplant ist. Am 19. September kommt dieser nun in die Lichtspieltheater.
Alle sind wieder dabei – bis auf jene Schauspielerin, die sich bereits außerhalb des Downton-Universums eine passable Karriere aufgebaut hat (Lily James als Cousine Rose). Und natürlich ohne all die Seelen, die schon im Lauf der Serie das Zeitliche gesegnet haben. Denn im Ausmustern von Charakteren hatte "Downton Abbey" ähnlich wenig Skrupel wie eine andere Kultserie, "Game of Thrones".

Gleich in der dritten Staffel wurde ein Gutteil der Hauptfiguren ausgelöscht. Nach allerlei Liebeswirren und einem halbwegs intakt überstandenen Weltkrieg schaffte es etwa Matthew Crawley (Dan Stevens) endlich in die Arme der zickigen, aber patenten Lady Mary (Michelle Dockery), sie gebar ihm einen Sohn und am Heimweg von diesem freudigen Ereignis starb Matthew einen reichlich banalen Autounfalltod. Die nie um einen schnittigen Spruch verlegene Lady Violet (Maggie Smith) konnte ihre Zunge zwar in diesem Fall zügeln, hätte ihm aber gleich sagen können, dass dieses technische neumodische Zeug nur in den Untergang führt. Wie auch das Telefon. Oder die Heizung.

Aber noch ein weiteres Familienmitglied wurde den Sehern schon nach drei Jahren entrissen: Sybil (Jessica Brown-Findlay), die jüngste Tochter des Lord Grantham (Hugh Bonneville), überlebte die Geburt ihres Kindes nicht – die Frucht ihrer schwer erkämpften Liebe zum Chauffeur der Familie.

Moderne Seifenoper in altem Gewand
Das klingt kitschig? Je nun. Das mag stimmen. Ist doch "Downton Abbey" im Grunde auch nichts anderes als eine Seifenoper. Eine Art "Dallas", wenn die Southfork Ranch im satten britischen Grün stehen würde statt im cowboybehüteten Texas. Oder eine Art "Beverly Hills 90210", wenn die frechen Highschool-Girls bodenlange Kleider tragen würden und kein Mitspracherecht in irgendwas hätten. Das ist eins der Geheimnisse des Erfolgs von "Downton Abbey": Dass es mit den eingelernten Motiven dieser kommerziellen Straßenfeger arbeitet und sie in ein überaus kultiviertes Umfeld übersetzt.

Da gibt es etwa den Fixpunkt "fescher Fiesling": In der britischen Serie ist es der Butler Thomas Barrow (Robert James-Collier). Er ist nicht nur ein Naturtalent in Intriganz, er ist auch noch homosexuell. Dazumals eine verbrecherische Verhaltensstörung, was seine Gemeinheiten umso prickelnder macht, weil man, je nach Sympathielage, um seine Entlarvung fürchten muss oder darf.

Weil es zumindest in Seifenopern in gewisser Hinsicht  Gleichberechtigung der Geschlechter gibt, darf auch die "schmallippige Schlange" nicht fehlen. Am Anwesen der Granthams stammt die im gesellschaftlichen Ausgleich zum bösartigen Butler aus der Oberschicht: Lady Mary Grantham, die älteste Tochter der Granthams. Sie hält sich nicht nur, wie es sich für rechtschaffene Bitches gehört, für schöner und besser als alle anderen, sondern auch für intelligenter. Umso größer die Befriedigung, wenn auch sie in die Bredouille gerät, wie gleich in der ersten Staffel, wenn sie für Turbulenzen mit einem toten türkischen Diplomaten sorgt.

Weil die Serie aber auch über ihr das Füllhorn an Schicksalsschlägen gar üppig ausleert – siehe verunfallter Gatte –, lässt dieser frivole Zauber für Zuseher irgendwann nach. Freilich nimmt auch die Schnippischheit der Lady Mary über die Jahre und mit dem Erringen von Verantwortung – sie wird von ihrem Vater als Verwalterin in schwierigen Zeiten eingesetzt – ein wenig ab. Gut, dass es noch eine weitere Person gibt, die es sich bis ins hohe Alter nicht nehmen lässt, Menschen an ihre generelle Unzulänglichkeit zu erinnern: die bereits erwähnte Lady Violet, die große alte Dame der Satz gewordenen hochgezogenen Augenbraue.

Der ewige Verlierer
Weiteres wichtiges Personal einer Seifenoper ist der ewige Verlierer: In "Downton" können manche Figuren da fast in Streit geraten, wem dieser Titel mehr gebührt. Wobei – er ist einfach wieder gerecht auf beide Schichten aufgeteilt: Im Dienstbotengeschoß gebührt er Butler Bates (Brendan Coyle) und seiner Frau Anna (Joanne Froggatt), die mit allerlei unverschuldeten Unglücksfällen von einer Malaise in die nächste stolpern, Gefängnisaufenthalte inklusive. Das bleibt dem Hascherl aus der Oberschicht zwar erspart, aber sonst praktisch nichts: Lady Edith (Laura Carmichael) droht erst das Schicksal des unvermittelbaren Bleibbeimhaus, bis sie doch Anschluss findet, aber wieder einmal der Partner exitusbedingt abhanden kommt – Edith aber bereits schwanger ist. Bis sie dieses verheimlichte Kind endlich zurückadoptieren kann, fließen einige Tränenbäche die Themse hinunter.

Das symbolische Bindeglied zwischen "Oben" und "Unten" ist der Chauffeur Tom Branson (Allen Leech), dem es gelingt, als Bürgerlicher, und noch dazu als Ire, in die Familie einzuheiraten. Für ihn und für den "Downton"-Kosmos hat sich Julian Fellowes im neuen Film eine feine, weil schließlich in die Moderne weisende Pointe ausgedacht.
Apropos Moderne: Der Film kommt gerade recht. Hat sich doch bei dem einen oder anderen im bizarren Brexit-Trubel die Britenliebe ein wenig abgekühlt. Der Film erinnert nicht nur daran, dass es Briten durchaus auch auszeichnen kann, kultiviert zu sein. Er führt auch vor Augen, was diese Inselbewohner in der Lage sind, der europäischen Kultur zu schenken. Zu Herzen gehende Epen, wendige Dialoge und eine gute Portion Selbstironie. Man wünschte sich außerdem zu hören, was Lady Violet über Boris Johnson zu sagen hätte.

Würdiger Abschluss
Ein letztes Mal also öffnet "Downton Abbey" nun seine Tore. Danach muss man sich endgültig an den verstörenden Anblick in Film und Fernsehen gewöhnen, dass die Menschen, die man nur in ihren hundert Jahre alten Roben kennt, plötzlich moderne Haarschnitte und womöglich einen Minirock tragen. Und niemand sagt ihnen, wie es Violet sagen würde: "Liebes, Vulgarität ist kein Ersatz für geistreichen Witz."