Die steilen Treppen führen direkt vom Trottoir der Roseggergasse 33-35 in ein Kellergewölbe: eine Werkstatt, eindeutig. Man erwartet grell beleuchtete Räume, die im besten Fall nach Holz riechen, im schlimmsten Fall nach Metall und Männerschweiß. Hier ist es anders. Diese Treppen führen in eine Werkstatt von Frauen für Frauen – kurz: Craftistas Wien. Wer sich nun aber gerahmte Gobelins an pastellfarbigen Wänden und Stricknadeln in bunten Wollknäueln vorstellt, irrt ebenfalls. Hier gibt es eine Holzschneidemaschine ebenso wie Sägen, Schrauben und Nägel in allen Größen, Zangen und alles, was Profihandwerker brauchen – verstaut in unzähligen Regalen und Schachteln aller Art.

Gebastelt wird hier auf keinen Fall, sondern repariert und gebaut. Der Verein setzt sich für Geschlechtergerechtigkeit ein und richtet sich an Mädchen und Frauen jeden Alters, die am Werkeln, an Technik und auch an Nachhaltigkeit interessiert sind. Klischeedenken und -sprech sind fehl am Platz. "Beim Wort ,basteln‘ beginnt es ja schon: Damit wird oft nur weibliches Handwerk benannt", sagt Craftistas-Gründerin Melanie van Bemmel ein wenig verärgert. Zu einem Mann, etwa einem Tischler, würde man das nie sagen. "Ich bin gelernte Tischlerin, und ,was basteln Sie da‘ habe ich öfter gehört." Wenn Frauen, die am Feld arbeiten, selbst Traktoren reparieren und richtig zupacken, würde niemand von Basteln reden. Von diesem Word-ing abzukommen, ist eines der Ziele der Frauenwerkstätte. "Es geht darum, Handwerk zu einer Selbstverständlichkeit für Frauen zu machen, und Frauen die Möglichkeit anzubieten, Dinge umzusetzen, ohne auf irgendjemanden angewiesen zu sein. Nach dem Motto: Oh je, meine Lampe ist schon seit Monaten kaputt, und niemand repariert sie – ich kann es auch selbst", so van Bemmel. Dann nimmt Frau ihre kaputte Lampe und besucht einen passenden der zahlreichen Workshops, um ihren Leuchtkörper wieder zum Einsatz zu bringen. "Mittlerweile macht man sich ja auch gar nicht mehr die Arbeit. Hier kann man es wenigstens probieren", meint die Gründerin. Und das mit Hilfe eines Profis: "Wenn es etwa um Holzarbeit geht und Maschinen bedient werden, dann muss die Workshop-Leiterin ausgebildet sein. Alles andere wäre fahrlässig. Beim Silberschmieden etwa geht es darum, Erfahrung weiterzugeben, und wir bekommen auch viel Wissen von den Teilnehmerinnen wieder zurück", so die gelernte Tischlerin.

Ferner stehen etwa auch Kosmetik, Arbeiten mit Textilien, Schweißen und Nachhaltigkeit auf dem Programm. "Von der Tafel bekommen wir Gemüse, und da geht es in einem Projekt mit Migrantinnen darum, Lebensmittel nicht zu verschwenden und sie haltbar zu machen: fermentieren, einkochen oder Säfte", erzählt Team-Mitglied Helene Schröer. Ein weiteres Projekt startete Craftistas mit dem Flüchtlingsheim in Ottakring. Für van Bemmel ein Erlebnis: "Das Ziel war eigentlich die Übung der Sprache und ging thematisch über Seife, Kosmetik und Kochen. Bis zum Ende des Projekts war zu erkennen, mit welcher Selbstverständlichkeit die deutsche Sprache verwendet wurde. Und diese unglaubliche Entwicklung war den Teilnehmerinnen nicht bewusst gewesen. Es ging nicht um die Sprache, obwohl es um die Sprache ging."

2013 wurde der Verein Craftistas gegründet aus der Lust heraus, Wissen an Frauen weiterzugeben. "Eine Gruppe von Frauen, die im Bereich Handwerk und Technik zusammengearbeitet haben, entwickelte die Idee, dass wir doch mit unseren Maschinen an Frauen herantreten könnten, um Klischees und auch um der Angst entgegenzutreten", erzählt van Bemmel. "Denn so einen großen Unterschied zwischen einem Handmixer und einer Bohrmaschine gibt es nicht." Und der Name? Craftistas entstand aus Art und Craft. "Es ist eine Bewegung, die sich der Sichtbarkeit des Handwerks von Frauen widmet und nicht nur aus Nähen und Häkeln besteht. Handwerk kann ja durchaus auch künstlerisch und lustvoll sein", ist Bemmel überzeugt.

Heute besteht die Frauenwerkstätte aus einem ehrenamtlichen Team. Sie finanziert sich mit Unterstützungen der Frauenabteilung der Stadt Wien und aus verschiedenen Töpfen im Bereich Umwelt, Gesundheit und Migranten sowie über Teilnahmekosten: "Wir staffeln diese sozial: Wenn eine Frau teilnehmen will, aber wenig Geld hat, dann kann sie weniger bezahlen", sagt Schröer. Der Richtwert für die Teilnahme an den eineinhalb Tage dauernden Workshops beträgt rund 75 Euro. Teilnahmebedingungen gibt es keine. Außer eine Frau zu sein.