Gemeinsam mit Martin Diwald durchschreite ich das bäuerliche Anwesen seiner Familie in Großriedenthal. Vorne befindet sich ein langgezogener Streckhof. Dahinter  passieren wir einen üppigen Bauerngarten und gelangen in einen urigen Stadel, der in liebevoller Weise museal gestaltet ist. Alte Arbeitsgeräte wie Dreschflegel und hölzerne Lesebutten, bejahrte Küchenutensilien, ein altvaterisches Moped, ein schöner schwarzer Pferdeschlitten von anno dazumal und sonstige Relikte aus der Welt der Großväter und Urgroßmütter prägen hier die Aura. Hintenaus überqueren wir sodann eine beschauliche Dorfstraße, an der sich ein nostalgischer Bauernstadel an den anderen reiht.

Schließlich gelangen wir in die Produktionsstätte des Weinguts, die in einem revitalisierten Stadel untergebracht ist. Davor sitzt Hans Diwald, der "Oidbaua" (Altbauer). Eben hat er eine Fuhre Trauben angeliefert, jetzt pausiert er genüsslich bei einem Achterl Wein. "Ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass mein Beruf mein Hobby ist", sagt Diwald senior, der sich eigentlich schon im Ruhestand befindet, dem Betrieb seines Nachfolgers jedoch als Traktorfahrer wertvolle Dienste leistet. Anfang der 1970er-Jahre hatte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Paula Diwald eine gemischte Landwirtschaft, bestehend hauptsächlich aus Ackerbau sowie vier Hektar Weinbau, übernommen. "Wir sind die erste Generation gewesen, die keinen Hunger kennt", erläutert der 1949 geborene Altbauer. Nichtsdestoweniger habe ihn in den 1970ern "eine diffuse Unzufriedenheit" erfasst, die letztlich auch für seinen Umstieg auf biologische Erzeugung ausschlaggebend gewesen sei. Mit viel persönlichem Einsatz engagierte er sich etwa für eine Rauchgasreinigungsanlage im Kohlekraftwerk Dürnrohr, auch bei den "Urgrünen" habe er als landwirtschaftlicher Berater mitgewirkt. Bei der Besetzung der Hainburger Au konnte er "leider nicht dabei sein", weil er Zuckerrüben ernten musste, jedoch habe er den Demonstranten eine Lieferung Wein in die Au hinunter gebracht.

- © Johann Werfring
© Johann Werfring

Bereits seit dem Jahr 1980 erzeugte Hans Diwald Bioweine. Er zählt damit zu den Pionieren des biologischen Weinbaus in Österreich. Freilich war es anfangs noch mühsam gewesen an Informationen zum Thema heranzukommen, man sei damals noch in hohem Maße auf den kollegialen Erfahrungsaustausch zwischen den wenigen – von den konventionell wirtschaftenden Kollegen belächelten – Gleichgesinnten angewiesen gewesen, vieles musste durch gewagte Experimente erprobt werden. Der Umstieg auf Bioweinbau sei im Dorf mit sozialer Ächtung verbunden gewesen. "Als wir damals im Gasthaus auf einem Ball waren, sind wir uns vorgekommen wie Aussätzige ", erzählt Hans Diwald. Während wir uns über die alte Zeit unterhalten, trinken wir etliche Achterl vom Grünen Veltliner Gösing 2018, einem idealen Konversationswein, der enormes Vergnügen bereitet, man wird nicht müde ihn zu trinken und spürt ihn kaum.

Zweigelt Luft und Liebe wird im großen Akazienfass ausgebaut. - © Johann Werfring
Zweigelt Luft und Liebe wird im großen Akazienfass ausgebaut. - © Johann Werfring

Mittlerweile ist das erfolgreich wirtschaftende Bioweingut überregional angesehen. Hans Diwalds Sohn Martin Diwald, der heutige Betriebsführer, absolvierte die Weinbauschule Klosterneuburg und studierte in Krems Exportmanagement. Gleich bei seinem ersten Praktikum heuerte er in Gols bei Hans ("John") Nittnaus, einem der einfühlsamsten Weinmacher des Landes, an. Es folgten weitere Praktika in der Steiermark, im Rheingau und in Neuseeland. Im Jahr 2006 übernahm er die Agenden des Kellermeisters, seit 2011 ist er Betriebsführer.

Aus den ehemals 4 Hektar sind mittlerweile 20 Hektar Anbaufläche geworden. Martin Diwald exportiert seine Weine höchst erfolgreich in 18 Länder auf drei Kontinenten. Im Marketing und Verkauf wird er nach Kräften von seiner Ehefrau Ulli Diwald, einer Psychologin, unterstützt. Das Portefeuille an herkunftstypischen Weinen fokussiert auf Grüner Veltliner und Riesling, wobei im Keller sanfte Kelter mit 100 Prozent Spontanvergärung angesagt ist. "Mit Spontanvergärung werden die Weine vom Typ her wesentlich komplexer und sortentypischer, weil eine vielfältigere Hefeflora mitwirkt", erläutert Martin Diwald. Reinzuchthefe hingegen bringe die Frucht zumeist allzu plakativ in den Vordergrund. Im Hause Diwald sind Weine mit Profil und Persönlichkeit gefragt, eben "keine Barbiepuppenweine". Vom anspruchsvollen Furmint wurde zuletzt ein halber Hektar ausgepflanzt, heuer gibt es davon die Jungfernlese – man darf gespannt sein!

Aus dem Weinportefeuille:

Grüner Veltliner Gösing 2018 (13 % Alk., 13 Euro)
Einladend gelbfruchtig im Bouquet, dahinter getrocknete Kräuter, auch Ginster-duftig, sehr eleganter Schmelz, saftig, zupackend und zugleich feingliedrig, sehr bekömmlich, schöne Säurestütze, gute Länge, "aus einem Guss", man wird nicht müde ihn zu trinken – ein Wein, von dem man viel im Keller haben möchte.

Grüner Veltliner Goldberg 2018 (13 % Alk., 19 Euro)
Elegantes Bouquet, Golden Delicious, gut ausgereift, passendes Säurespiel, vollmundig und druckvoll, völlig in Harmonie, tolle Länge – ein Edeltröpfchen für feierliche Anlässe.

Riesling Fuchsentanz 2018 (12 % Alk., 10 Euro)
Anklänge nach Gelbfrucht und Blutorangen, reichhaltig, gediegen, balanciert und super saftig – der leichte Restzucker, der von der Säure trefflich gepuffert wird, steht dem Siegerwein des Bewerbs "Wiener Zeitung Weine 2019" in seiner charmanten Art recht gut.

Riesling Eisenhut 2017 (12,5 % Alk., 19 Euro)
Nobles hellfruchtiges Riesling-Bouquet, Limetten, Kräuter und Heublumen im Nachhall, kühlfruchtig, legt mit Luftzufuhr beträchtlich zu, engmaschig, knackig und fein ziseliert, die Mineralik schwingt im Säurebogen beachtlich mit – ein erstaunlicher Premium-Riesling vom Wagram für Schätzer des Purismus und der Grazilität.

Zweigelt Luft und Liebe 2017 (12,5 % Alk., 15 Euro)
Fruchtbetonte Kirschnase, gefolgt von einem pfiffigen Pfefferl, vitales Säurespiel, straff strukturiert, knackiges Fruchtspiel, frisch und geradlinig, süffig auf gehobenem Niveau – ein erstaunlicher Sortenvertreter vom Wagram.

INFO
Bioweingut Martin Diwald

3471 Großriedenthal, Hauptstraße 35
Tel. 02279/7225, www.weingut-diwald.at

Print-Artikel erschienen am 4. Oktober 2019
In: "Wiener Zeitung", Beilage "Wiener Journal", S. 22–23