Auf der Hafenmole von Victoria, Vancouver Island, steht dicht gedrängt eine Menschenmenge. Zahlreiche Boote sind aufs Meer hinausgefahren, um sie noch früher in Empfang nehmen zu können. Seit Tagen warten nämlich alle auf die Heimkehr einer schmächtigen alten Dame: Jeanne Socrates.

Die zierliche Britin, eine frühere Mathematik-Dozentin, ist vor elf Monaten von hier ganz allein mit ihrem Segelboot "Nereida" aufgebrochen. Ihr Ziel war, die Welt ohne Zwischenstopp zu umrunden. Und nun hat sie es tatsächlich geschafft. Im vierten Versuch, nachdem sie davor einige Male gescheitert war. Oder sie hat es fast geschafft: Denn seit Tagen treibt sie in einer quälenden Flaute auf dem Pazifischen Ozean südlich von Victoria und entfernt sich sogar zwischendurch vom Zielhafen, anstatt sich ihm zu nähern, weil eine tückische Strömung gegen sie arbeitet.

Als die "Nereida" dann am 7. September tatsächlich in Victoria einläuft, ist der Jubel unbeschreiblich. Die segelverrückten Kanadier und Briten können sich sehr gut vorstellen, welche gewaltigen körperlichen Anstrengungen die zierliche alte Dame hinter sich hat. Vor Neuseeland hat sich zum Beispiel das knapp zwölf Meter lange Boot in den gewaltigen Wellen des Südpolarmeers 150 Seemeilen (277 Kilometer) südwestlich von Neuseeland überschlagen. Sie selbst überstand den Salto unversehrt, brauchte aber viel Zeit für die notwendigsten Reparaturen. "Ich glaube, das ganze Schiff wird nur noch notdürftig mit Draht und Klebstreifen zusammengehalten", scherzte sie in bester britischer Manier nach ihrer Rückkehr.

Bemerkenswert ist, dass die inzwischen hochdekorierte Segelheldin keineswegs mit Booten und dem Meer aufgewachsen ist. Sie war älter als fünfzig Jahre, als sie das Segeln erlernte und hatte eigentlich nichts anderes im Sinn, als gemeinsam mit ihrem Mann George, mit dem sie zwei Kinder hat, in der Pension viel Zeit auf dem Boot zu verbringen. Doch dieser Plan scheiterte, da George vor sechzehn Jahren, unmittelbar nach seiner Pensionierung, überraschend an einem Krebsleiden starb. Danach stand die Sechzigjährige alleine da mit dem gemeinsamen Boot. "Es war eine gewaltige Herausforderung, mit der ‚Nereida‘ vertraut zu werden", sagt sie, beschloss aber trotzdem, alleine weiter zu segeln und die Asche ihres Ehemanns auf dem Meer zu verstreuen, wie sie es versprochen hatte.

"Wieder Muskeln aufbauen"

Zu ihrer Überraschung war sie letztlich aber sehr gut in der Lage, alleine mit der 12-Meter-Yacht zurechtzukommen, musste aber in den darauffolgenden Jahren einige schwere Rückschläge hinnehmen, die manchem anderen die Lust am Segeln genommen hätten. So strandete sie bei ihrem ersten Versuch, die Welt allein zu umsegeln, vor der Küste Mexikos. Ein andermal musste sie in schweren Stürmen vor dem berüchtigten Kap Hoorn aufgeben und die Seenotrettung alarmieren.
Im Jahr 2013 schaffte sie es dann zum ersten Mal, die Welt alleine und nonstop zu umsegeln. Damit war sie die älteste Frau, die je eine solche Leistung vollbracht hatte.

Sie dachte jedoch nicht daran, sich nun endgültig zur Ruhe zu setzen, sondern wollte unbedingt noch einmal aufbrechen. Nach einigen technischen Problemen und einem schweren Unfall, der einen Spitalsaufenthalt nach sich zog, musste sie den Start immer wieder verschieben, bis sie es schließlich schaffte, im Oktober des Jahres 2018 den Hafen von Victoria erneut zu verlassen.

Aber hat sie sich nie gefragt, ob sie nicht zu alt sei für solche Abenteuer? "Für mich ist das Alter nur eine Zahl", antwortet Socrates auf die Frage. "Alles, worauf es wirklich ankommt, ist doch deine Gesundheit und deine mentale Einstellung." Und mit Blick auf den überraschenden Tod ihres Mannes setzt sie hinzu: "Ich habe das Motto, dass man immer versuchen muss, das Beste aus seinem Leben zu machen."

Deswegen hat sie auch nicht allzu viel Zeit für lange Interviews. Denn bei ihrer Rückkehr nach Victoria war sie schockiert darüber, wie dünn sie in den entbehrungsreichen Monaten auf See geworden ist: "Ich muss jetzt vor allem daran denken, wieder Muskeln aufzubauen."

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