Die "sprechenden Grabsteine" von Amrum

Besucher bilden seit mehr als 100 Jahren das wirtschaftliche Rückgrat der größten deutschen Nordseeinsel. Die Verheißungen von Sommer und Sonne, Strand und Schampus lockten 2017 gut eine Million Gäste nach Sylt – ein neuer Rekord. Nach Amrum führt nur ein kurzer Fähren-Trip und es scheint doch Welten entfernt. Schickimicki-Treiben und Massenandrang haben sich die Amrumer vom Leib gehalten, Flug- und Golfplatz gibt es auf dem nur 20 Quadratkilometer großen Eiland nicht. "Zu uns kommen sogar Sylter auf Urlaub", erzählt ein Amrumer mit süffisantem Lächeln. Gerne beschwören die Fans der ungleichen Schwestern die Vorzüge: Sylt stehe für elitär, Amrum für bodenständig. Fest steht: Auf Amrum klingt die Feriensaison noch einen Tick geruhsamer aus.

Im Hafen von Wittdün stehen Fahrräder für Ausflüge bereit. Häuser im altfriesischen Stil und eine Windmühle aus alten Tagen begleiten den Weg nach Nebel. Der kleinen Ortschaft haben Walfang-Kapitäne und Seefahrer ein einzigartiges Erbe hinterlassen – den Friedhof der "sprechenden" Grabsteine. Von einem abenteuerlichen Lebensweg erzählt der Grabstein von Hark Olufs. 15jährig geriet er in die Gewalt von Piraten und wurde nach Nordafrika verschleppt. Vom Sklaven stieg er zum Schatzmeister des örtlichen Fürsten und später zum General auf. 1736 bekam Hark Olufs die Freiheit geschenkt, doch nach seiner Heimkehr mussten ihn die Amrumer erst wieder integrieren. "Er lief immer in Pluderhosen herum, was nicht angenehm auffiel", erzählt Guide Ralf Simon. Schlusssatz der Biographie, die in verschnörkelter Schrift unter den Insignien von Turban und Säbel im Sandstein eingemeißelt ist: "Hier liegt der grosse Kriegesheld, ruht sanft auf Amrom Christenfeld."

Reliefs stattlicher Schiffe zieren viele der 170 historischen Grabsteine rund um die St. Clemens-Kirche. Sie rufen das harte Leben der Grönland-Fahrer in Erinnerung, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundert von Amrum, Sylt und Föhr zum Wal- und Robbenfang ins Polarmeer aufbrachen. Von Reisen bis ans Ende der Welt und Tragödien auf See künden die Inschriften.

Glanz und Elend der Walfänger-Ära

Zurück nach Sylt, wo das Heimatmuseum in Keitum der schillernden Ära der Walfänger weitere Facetten hinzufügt. Ein Tor aus den Kieferknochen eines Finnwals geleitet Besucher zu dem stattlichen Haus, das sich ein Walfang-Kapitän im Jahr 1759 am Grünen Kliff errichten ließ. In der Ecke blitzt ein Harpunen-Wald. Zähne von Pottwalen, die kunstsinnige Seeleute mit Schnitzereien versahen, schmücken die Vitrinen. Mit den Einkünften aus dem Wal-Öl hielt der Komfort Einzug. Holländische Kacheln, feines Porzellan, ein gusseiserner Ofen und bemalte Möbel illustrieren im Altfriesischen Haus nebenan das Savoir-vivre der zu Wohlstand gekommenen Seefahrer. Dabei war es einst blanke Not, so erfährt man, die die Seefahrer-Tradition der Nordfriesen begründete. Nachdem im Jahr 1634 eine Sturmflut das Land verwüstet hatte, wandten sie sich dem Meer als Erwerbsquelle zu.