Die Windsbraut lässt die Sandkörner tanzen und zerrt an den Jacken der Wanderer, die mit tief ins Gesicht gezogenen Kapuzen am Sylter Weststrand ihre Kilometer herunterspulen. Das Salz der nahen Gischt ist auf den Lippen zu schmecken. Ein Herbststurm hat Treibgut am Dünenrand verteilt. Hier ist ein Muschelfriedhof zu entdecken, dort hat ein Meereswirbel eine ausgeblichene Boje mit einem Bündel Seetang zu einer abstrakten Skulptur arrangiert. Rippen aus hartem Sand massieren die Fußsohlen, eiskalt umspült die Nordsee die Zehen. Nur abgehärtete Naturen stürzen sich noch in die Wellen. Die Strandkörbe, die noch nicht ins Winterlager verfrachtet worden sind, werden zur sturmfreien Bude auf Zeit. In den Strandbars haben statt Champagner Grog und Kakao mit Rum Saison.

Wetterkapriolen gehören zwar zum Alltag, doch dafür zeigt sich die Inselschönheit im Norden Deutschlands im Herbst von ihrer geruhsameren Seite. Im September und Oktober lösen riesige Vogelschwärme die Touristenschwärme ab. Am seichten Wattenmeer, das sich von der Ostküste bis hin zum Festland erstreckt, legen Scharen von Gastvögeln eine Rast auf ihrem Trip nach Süden ein. Mit High-Tech-Optik haben sich an der Vogelkoje in Kampen Birdwatcher in Stellung gebracht. Vogelkoje – das klingt nach Wellness für die gefiederten Inselgäste: Von wegen, dahinter verbarg sich eine tückische Wildentenfanganlage! Ein blauer Weiher machte den müden Federtieren schöne Augen, Lockenten stimmten ihr "Alles okay hier unten"-Gequake an, Fangreusen traten in Aktion. So endete der Traum vom Süden für Abertausende Wildenten bereits in Friesland, erfährt man auf einem Naturlehrpfad.

1921 war damit Schluss. Heute ist die in ein dunkles Erlenwäldchen eingebettete Vogelkoje Teil des Weltnaturerbes Wattenmeer. Ein Gellen und Gekreische erfüllt die Luft, ein heilloses Durcheinander herrscht an der nahen Küste, wo ein Ausguckposten eingerichtet wurde. Wer Basstölpel, Drei-zehenmöwen, Austernfischer und Co. auseinanderhalten will, dem stehen die Hobby-Ornithologen gerne mit Tipps und Bestimmungsbüchern zur Seite.

Heringsschmaus für Willi

Längst nichts mehr zu befürchten haben auch die Kegelrobben, die sich auf den Sandbänken vor Sylt und Amrum aalen. Statt von Robbenjägern erhalten die Flossenfüßer bis in den Herbst hinein reichlich Besuch von Ausflugsschiffen. In Hörnum am Südzipfel von Sylt sorgt Willi für ein Kennenlernen unter umgekehrten Vorzeichen. Als Stammgast im Hafenbecken ist die Kegelrobbendame berühmter als so mancher B- und C-Promi auf Sylt. Aus dunklen Augen taxiert sie das Publikum auf der Kaimauer. Dazu bewegen sich sacht die Flossen. Was aussieht wie eine Geste inständigen Bittens, ist schlicht ein Manöver, das Willi in Balance hält. Wie dem auch sei, bald öffnen sich die Geldbeutel für einen "Willi-Hering" von der Imbissbude nebenan. Mit dieser Masche hat sich die Hafen-Kostgängerin auf ein Gewicht von gut 200 Kilogramm hochgefuttert – ein Viertel mehr als gleichaltrige Artgenossinnen, die sich ihren Heringsschmaus noch traditionell auf dem offenen Meer besorgen.