Küstenschutz brachial und mit Feingefühl

Die Nordsee – bis in die Gegenwart ist sie Fluch und Segen zugleich. Seit Generationen tüfteln die Inselfriesen an Maßnahmen, ihren Lebensraum vor dem Ansturm des Meeres zu schützen. Diese Saga veranschaulicht die geführte Dünenwanderung, die vom "Erlebniszentrum Naturgewalten" in Deutschlands nördlichstem Ort List ihren Ausgang nimmt. Die Route zum stürmischen Weststrand ist mit Bohlen ausgelegt. Unterwegs erzählt Naturführerin Anna Schareck von den "Groten Mandränken" der Jahre 1362 und 1634, die Tausende Menschen in den Tod rissen und die Küstenlinie Nordfrieslands neu modellierten.

Aus der Luft betrachtet erscheint Sylt wie eine grazile Ballerina. 38 Kilometer lang ist das Eiland, doch mancherorts sind Ost- und Westküste gerade einmal 500 Meter voneinander entfernt. Holz- und Betonhindernisse ließ man einst in den Meeresboden rammen, um die Wucht der Wellen umzulenken – mit bescheidenem Erfolg. Seit gut 50 Jahren kommen "Hopperbagger" zum Einsatz. Die Baggerschiffe saugen Sand vom Meeresgrund in ihre Laderäume und spülen ihn durch Rohrleitungen an die Strände, wo Planierraupen die neue Auflage verteilen. Eine Küstenschutzmaßnahme, die Millionen verschlingt.

Auf den Spuren des "Blanken Hans"

Doch auch weniger brachiale Eingriffe in die Natur entfalten Wirkung. Am Dünenrand ragen die Halme des Strandhafers aus dem goldgelben Sand. "Strandhafer ist hier die Wunderwaffe, und damit hat man für etwas Ruhe gesorgt", erklärt Anna Schareck. Das genügsame Gras verfestigt den Untergrund und stärkt so den Dünenriegel, an dem die Energie des Meeres zum Großteil verpufft. Über die Jahrzehnte verdichtet sich die Vegetation, eine Humusschicht bildet sich, schließlich siedeln sich Heidesträucher an.

Im September lässt die Besenheide das Hinterland von List in Tönen von Zartrosa bis Rotviolett erblühen und sorgt für das letzte farbenfrohe Naturspektakel des Jahres. Bald beginnt die Zeit des "Blanken Hans" – so heißen die winterlichen Sturmfluten, die halbe Strände verfrachten und wieder an der Substanz von Sylt zu nagen beginnen. Wer diese Elementargewalt näher kennenlernen will, steuert im "Erlebniszentrum Naturgewalten" den "Sturmraum" an, schließt die Tür hinter sich und lässt sich bei Windstärke 8 einmal ordentlich "durchpusten".