Im Frühjahr 2019 begannen in der Hauptstadt Khartum regelmäßige Demonstrationen. Man forderte die Absetzung des Präsidenten Omar Bashir. Nach einigen blutigen Unruhen enthob ihn das Militär seines Amtes und übernahm die Macht. Seit August 2019 haben sich Militär und Opposition auf eine gemeinsame Übergangsregierung geeinigt. In drei Jahren soll es Wahlen geben. Also eine relativ sichere Ausgangslage für eine Reise in den Nordsudan...

Um Jahrzehnte zurückversetzt
Von Karthum führt eine gut asphaltierte Straße in den Norden nach Karima. Schon die erste Rast in einem der "Chai-Houses" katapultiert den Fremden um Jahrzehnte zurück: Auf den Geschäftsschildern ist alles aufgemalt, was es zu kaufen gibt: Stethoskop, Krankenbetten, Teddybären, Rechenmaschinen aus den 50er Jahren, Parfüms oder schwindelerregend hohe High Heels. Obst und Gemüse ist sorgfältig drapiert und kostet fast nichts. Für ein Kilo Mango weiß der Händler keinen Preis zu nennen, also verschenkt er sie einfach. Das Teehaus ist ein schlichter Lehmbau, nach allen Seiten offen. Von der Sonne gebleichte Plastikmöbel, ein paar windschiefe Tische und kein WC. Der größte Luxus ist die Zeit. Bei einem Glas Tee und einem Brettspiel die Stunden verrinnen lassen ist wichtiger als großes Geld zu machen – was ohnehin nicht möglich ist. Denn mit Reichtum ist das Land wahrhaftig nicht gesegnet. Zwar herrscht zwischen Nord- und Südsudan seit 2013 Frieden, und Erdöl fließt wieder vom Süden durch die Pipeline bis Port Sudan. Weil aber der abgesetzte Präsident alle Staatseinnahmen in die eigene Tasche verschwinden ließ, kämpft der Norden nach wie vor mit den Folgen dieser korrupten Führung. Am ehesten finden noch die Bauern ihr Auskommen. Die Ufer des Weißen und Blauen Nils sind fruchtbar, in den Oasen werden Futterpflanzen, Bananen, Mangos und Gemüse angebaut.

Salam aleykum, Fremder!
Für geübte Ägyptenbesucher ist die Einsamkeit der Pyramiden und Tempel im Sudan die große Überraschung. Am Fuße des heiligen Berges Jebel Barkal, in der Wüste bei Meröe, in Naga und Mussawarat ragen sie empor – vergessene Zeugen einer großen Vergangenheit. Die Besucherzahl ist dennoch unerheblich, obgleich es hie und da Bemühungen gibt, den Tourismus anzukurbeln. Pionierin der touristischen Entwicklung war die Italienerin Elena Valdata. Sie errichtete in der Nähe von Karima und bei den Pyramiden von Meröe stilgerechte Unterkünfte. Das "Nubian Resthouse Karima" wurde von fachkundigen Handwerkern im nubischen Stil inmitten eines paradiesischen Gartens gebaut. Rosen, Bougainvillea, Frangipani – eine Duftorgie empfängt den von der Wüstenfahrt müden Reisenden. Gegenüber den Pyramiden von Meröe stehen Luxuszelte und schlichte Bungalows. Dennoch hält sich die Zahl der Reisenden in Grenzen. Liegt es daran, dass die Größe der Pyramiden mit denen in Gizeh nicht vergleichbar ist? Oder dass die Tempel nicht so wuchtig sind wie die in Luxor oder Edfu? Oder dass die Gräber der nubischen Pharaonen nicht so prunkvoll bemalt und ausgestattet sind wie die im Tal der Könige? Aber was machen diese Unterschiede aus, wenn man dafür fast allein zwischen all diesen unbekannten Schätzen umherspaziert?

Keine milden Gaben
Jussif bewacht Tag um Tag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, die Pyramiden von Nuri, die Nekropole des Reiches von Napata. Stolz posiert der Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht vor "seinen" Pyramiden. Was er wohl den ganzen Tag so macht? Seine Antwort ist schlicht: An die Familie denken. Und wenn einmal gar nichts los ist, dann singt er die alten Lieder, die er von den Dorffesten kennt. Manchmal komponiert er neue während der einsamen Stunden zwischen den Pyramiden. Geld will er keines. "Bitte kein Geld oder sonstige milde Gaben verteilen. Die Menschen hier haben ihren Stolz!", ermahnt Khalid Mergani immer wieder. Er ist ein erfahrener Guide und führt kleine Reisegruppen mit viel Sensibilität, weiß, wann man wo und wen fotografieren darf – eigentlich fast immer und überall.

Die Teekocherinnen
In Karima ist Markttag. Bauern verkaufen Grünfutter und Gemüse. Esel und Dieselauto sind gleichberechtigte Transportmittel. Auffallend viele Frauen sind allein oder zu zweit unterwegs, lachen, scherzen und feilschen. Ihre bunten Saris beleben die staubgraue Dorfstraße. Alleinlebende Frauen, Witwen oder Geschiedene, die keine Familie haben, haben die Möglichkeit, ihren Unterhalt als Teekocherinnen in den Chai-Häusern zu verdienen. Awadyia bereitet im Teehaus im Marktzentrum seit vielen Jahren den Tee und Kaffee für Männer und Fremde vor. (Einheimische Frauen sind im Teehaus nicht willkommen.) Je nach Wunsch mischt sie Koriander, Zimt oder Ingwer und natürlich viel Zucker hinein. Jeden Vormittag, wenn er seine Suche nach Gold beendet hat, sitzt Abdel Aziz in dem Teehaus. In seinen Augen und dem leichten Lächeln spiegeln sich die Weite und die Ruhe der Wüste wider. Später wird man ihn an dem Rastplatz sehen, wo sich Lastfahrer treffen. Alle, die die Freiheit und das Leben lieben. Ihre fahrbare Behausung ist liebevoll bemalt, selbst die Scheinwerfer haben ein Augenmakeup. Im Inneren hängen Maskottchen und Gebetsketten, Teppiche und Pölster machen das Nickerchen bequem. Doch jetzt wird nicht geschlafen, sondern gesungen und getanzt. Blitzschnell ist eine Musikkassette eingelegt, die Männer bilden einen Kreis und singen und tanzen. Wie aus dem Nichts tauchen Kinder und Männer als begeistertes Publikum auf. Lebensfreude einfach so, weil das Leben lebenswert ist. Auch ohne Wohlstand oder gar Reichtum.

Bilder aus der Tiefe der Zeit
Bei einem Spaziergang durch die Dörfer wird sich so manch Ägyptenreisender an die nubische Architektur erinnern, wie er sie aus dem Museum in Assuan und von der Nilinsel Elephantine kennt. Im Nordsudan ahnt man den nubischen Einfluss in der Architektur, reichte doch das Reich der Nubier bis tief in den Süden des Sudan. In manchen Dörfern, wie etwa in Kobushia, glaubt man sich noch in die Zeit zurückversetzt, als die nubischen Pharaonen über Ägypten herrschten. Zwar gibt es einen Bahnhof, aber ob und wann ein Zug vorbeikommt, das wissen wahrscheinlich nur die Esel und Kühe. Denn dann verlassen sie eventuell die Gleise, wo sie das bisschen Grün abrupfen. Ein vergilbter Plastiksessel steht neben den Schienen. Unter den windschiefen Säulen der Arkaden lässt es sich gut ruhen, Tee trinken. Nur keine Eile. Jenseits der Gleise liegen mächtige, alte Bauernhöfe. Sie wirken in ihrer strengen Schlichtheit fast archaisch. Knapp zwei Meter hohe Lehmmauern, wie mit einem Lineal gezogen, umschließen die quadratisch angelegten Höfe. Die Mauern im Innenhof, dem eigentlichen Wohn- und Schlafplatz, sind weiß gekalkt.

Fatehia ist zufrieden mit ihrem Leben. Die Ernte war gut, jetzt hat sie Zeit, die Wände des Innenhofes mit einfachem Blumenmuster zu bemalen. Von den acht Kindern sind zwei Mädchen schon gut verheiratet, die beiden anderen Töchter leben noch zu Hause. Die vier Söhne helfen bereits fleißig bei der Arbeit mit. Fatehia will unbedingt fotografiert werden, ihren Stolz und die Lebensfreude auf dem Bild festgehalten sehen. Mit den ersten drei Fotos ist sie nicht zufrieden. Dann legt sie sich den Sari kunstvoll über ihr volles Haar, richtet sich auf und lässt in ihren Augen Würde und Erhabenheit aufglimmen. Ja, dieses Foto ist ihrer Meinung nach gut geworden. Auf die Frage, ob sie sich mehr als Araberin oder als Nubierin fühlt, antwortet sie, ohne zu zögern: "Als Nubierin!"

Ein freies Leben
Dem freien, ungebundenen Leben abschwören würde wohl keiner aus den Nomadenfamilien, die rund um den Brunnen mitten in der Wüste lagern. Drei Clans kommen täglich von weit her, um für Tiere und Menschen Wasser zu schöpfen. Ein kräftiger junger Bursch zieht mit scheinbarer Leichtigkeit den prallen Ledersack am Seil hoch und leert das Wasser in einen Blechbehälter. Trotz sengender Hitze ermüdet er nicht. Währenddessen lagern die anderen – Männer und Frauen gemischt – gemütlich im Sand und vertreiben sich die Zeit mit Teetrinken und Tratschen. Die Kamele und Esel stehen geduldig in der Sonne, nur manchmal stößt ein Tier einen langen Klagelaut aus.
Welch ein Bild, das sich in die Seele einprägt! Als hätte die Zeit vor Jahrhunderten angehalten.

Tanzen für den Frieden
Freitagnachmittag in Karthoum: Vor dem Mausoleum des ehemaligen Scheichs Hamed al Nil tanzen, singen und beten Sufis, Anhänger einer mystischen Form des Islam, für Frieden und innige Gottesnähe. Bevor das Ritual beginnt, finden sich die Vorbeter ein. Man erkennt sie an der wilden Haartracht, dem bunten Gewand, den vielen Gebetsketten und vor allem an dem Holzgewehr, das sie fotogen über ihren Köpfen schwingen. Ohne Scheu lassen sie sich fotografieren. Im Gegenteil, vielmehr scheint ein Wettbewerb unter ihnen auszubrechen, wer mehr Fotos aufweisen kann. In weißen, langen Gewändern nähern sich die Trommler und die Sänger. Die Gläubigen stellen sich im Kreis auf und bewegen sich wie in Trance im Rhythmus des Gesanges langsam vor und zurück. Hin und wieder springt einer der Vorbeter in die Mitte des Kreises und dreht sich in wilden Schwüngen so lange, bis er in kurze Trance fällt. Frauen dürfen nicht mittanzen, sie sitzen gemütlich in Kleingruppen und sehen dem Treiben gelassen zu. Und trinken Tee. Vor Sonnenuntergang zerstreuen sich die Menschen. Am nächsten Freitag werden sie wieder tanzen. Für Frieden und Gottesnähe.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Kneissl Touristik.