Sorgsam legt er die Münze in die Samtkassette. Ein Doppelgulden zur Silberhochzeit von Kaiser Franz Joseph und Sisi aus dem Jahr 1879, der hat in seiner Habsburger-Sammlung gerade noch gefehlt. Losgetreten hat die akribische Sammelei ja eigentlich ein Urlaub, den er als Jugendlicher mit seinen Eltern in Italien verbracht hat. Die paar Lire, die nach der Rückkehr über den Brenner noch übrig waren, durfte er sich behalten. Für seine Eltern hatten sie keinen Wert, für ihn war es der Anfang einer lebenslangen Suche – eine Suche, die mit einer Ehe, zwei Kindern und fünf Enkelkindern Schritt hielt. Zu Ende ist sie erst mit seinem Tod, abgeschlossen freilich nie. Nur wenige Monate später legt seine Frau ihm seinen letzten Doppelgulden als symbolisches Wegegeld in den Sarg. Ganz verstanden hat sie das mit seiner Sammelei wohl nie.

Denn nicht einmal von Charon selbst würde er sich seine mühevoll aufgestöberte Münze abluchsen lassen, da pfeift er lieber auf die Unterwelt. Auch mit den restlichen Münzen können seine Hinterbliebenen herzlich wenig anfangen. Weitersammeln werden weder seine Kinder noch seine Enkelkinder und irgendwann wird irgendwer von ihnen die Kassette aus dem Safe holen und einem Münzhändler ratlos unter die Nase halten. Bleibt nur zu hoffen, dass das fachmännische Auge wohlwollend ist.
Diese Geschichte ist frei erfunden. Doch wie jede Lüge hat auch sie einen wahren Kern: Der prototypische Münzsammler ist fortgeschrittenen Alters, meistens männlich und oft innerhalb seiner Familie relativ allein mit seinem Hobby. Einzelgänger ist er aber – wie seine Münzen – keiner, also schließt er sich bevorzugt Sammlervereinen an, tauscht sich in Facebook-Gruppen und Online-Foren mit Gleichgesinnten aus und pflegt enge Kontakte zu seinen Münzhändlern.

Katharina und Theobald Kovacic betreiben das Münzen Zentrum seit über 40 Jahren. - © Philipp Hutter
Katharina und Theobald Kovacic betreiben das Münzen Zentrum seit über 40 Jahren. - © Philipp Hutter

Davon können etwa auch Harald Mayer in seiner Münzenhandlung in der Opernpassage und Katharina und Theobald Kovacic vom Münzen Zentrum in der Auerspergstraße so manches Lied singen. Das Geschäft in der Opernpassage gibt es seit 1955. Mayer war früher selbst eifriger Stammkunde hier. So eifrig, dass er irgendwann selbst hinterm Tresen gelandet ist. "Der Vorbesitzer hat immer gesagt: Wenn er einmal in Pension geht, soll ich übernehmen. Damals habe ich noch gelacht. Und jetzt stehe ich schon 15 Jahre hier", zwinkert der resolute Alles-Sammler über den Rand seiner Brille hinweg.