Vor 194 Jahren trat auf den Lofoten ein junger Norweger seinen Dienst als "Amtmann" an. Als er die kahlen grauen Berge sah, soll er in sein Tagebuch notiert haben: "Hier kann die Vorstellung von Schönheit nur als Entbehrung aufkommen…". Fast eine Million Besucher sehen das Lofoten-Wunderland heute mit anderen Augen. Die 150 Kilometer lange Bergwand der Lofoten und "Moby Dick" sind die beliebtesten Fotomotive in der norwegischen Inselwelt. Das sehen mittlerweile auch Scharen asiatischer Besucher so. Touristiker ringen derzeit um Antwort auf die Frage, wie viel Tourismus das Inselreich verträgt, ohne seine Einsamkeit und ungezähmte Natur aufs Spiel zu setzen.

Unter dem hellblauen Himmelsdach des Hafenstädtchens Svolvaer spiegeln sich rote Fischerhäuser im Wasser. Dem weiten Blick über das Meer stellen sich hier und da nur mit Schnee betupfte schroffe Felstürme in den Weg. Plötzlich schieben sich Riesenschwaden finsterer Wolken über den Hafen der Insel Austvägoy. So hurtig wie das Regendunkel kommt, macht es der Sonne wieder Platz. Im Winter und Spätherbst verwandelt sich Norwegens vorgelagerte Inselkette in ein Energiezentrum der Natur mit launischem Wetter, dramatischem Licht und einer mystischen Landschaft voll mit Schlupfwinkeln für die Seele.

Im Pfahlbau

Ferienhaus Nummer 15: Ein Holzsteg führt zu der Pfahlhütte mit Schlafkammern, Wohnküche und Bad. "Rorbuer" (Rudererbuden) heißen die mit roter Tranfarbe vor Wind und Wetter geschützten modernisierten oder nachgebauten ehemaligen Fischerquartiere. Ein König ließ im 12. Jahrhundert die ersten Rorbuer für Fischer errichten, die im Winter mit Ruderbooten in die ertragreichen Fjorde kamen. Als die einst üppig sortierte Speisekammer des Meeres den Lofot-Fischern nur noch reduzierte Angebote machte, kamen immer weniger Lachs- ,Dorsch-, Heilbutt- und Heringsjäger in die nassen Jagdgründe. Die Pfahlbauten vergammelten oder wurden von Winterstürmen ins Meer gefegt. Dem Fremdenverkehr sei es zu verdanken, dass diese inseltypische Dorf-architektur nicht verschwunden ist, erklärt Tourismusmanager Ole.

Der Wind pfeift in den nostalgischen Ferienhütten nicht mehr durch die Ritzen, und er treibt auch keinen Schnee mehr durch die Balken. In stürmischen Nächten, wenn das Meer unter den Fenstern wütet, kommt aber wie vor Jahrhunderten "Bewegung" in das Gebälk und schaukelt den Quartiergast in den Schlaf. Die unfreiwillige Wackelpartie ist dann die nächtliche Einstimmung auf den kommenden Tag, wenn es an Deck eines Motorschiffes hinaus aufs Meer zur Wal-beobachtung geht. Ein Dutzend in Regenkleidung gehüllte Deutsche, Engländer und Schweden stehen morgens an der Reling, als das Schiff Svolvaer verlässt.

Mit 50 km/h scheucht Captain Odd den Trawler durch die Wellen. Vor dem Bug spannt sich ein arktischer Himmel über das Meer, Backbord droht von den Bergen ein Tief das Schiff einzuholen. Durch wulstiges Küstengrau lugen die zackigen Berge der Lofoten wie eine Armee unheilvoller Zyklopen hervor: ein Bild wie ein Szenengemälde aus einem dämonisch schönen Nordlandmärchen.

Schwarzblau glänzende Rücken

Von Oktober bis Jänner locken riesige Heringsschwärme Wale in den warmen Golfstrom am nördlichen Polarkreis: "Beste Aussichten für eine Whale-Watching-Tour", wagt der Captain eine optimistische Vorhersage. Während der kulinarischen Festmonate der im Vestfjord lebenden Schwertwale (Orcas) gebe es eine fast hundertprozentige Chance auf ein Rendezvous mit "Moby Dick". Der aber lässt auf sich warten. Ob der in fast allen Weltmeeren zu findende Kosmopolit gerade zu Tisch ist? Wenn der Hunger ihn plagt, stehen alle Sorten von Fisch auf seinem Speiseplan. Sogar vor Pinguinen, Schildkröten, Delphinen und Seehunden macht der weltreisende "Killerwal" nicht Halt.

Plötzlich gleiten 200 Meter Steuerbord zwei, vier, sechs Rückenflossen wie spitze, schwarze Segel durch die silbrig schimmernde See. Atemfontänen spritzen in den Himmel. Das Schiff legt ein paar Knoten zu, dann pirscht es sich langsam an die Meeressäuger heran. Endlich stoppt der Captain den Dieselmotor. "Ein Familienverband", stellt der Skipper fest. Nur wenige Delphinsprünge vor der Bootsreling stoßen die prustenden Schwimmer durch die Wellen. Schwarzblau glänzende Rücken wölben sich aus dem Wasser, fallen nach vorne und verschwinden wieder im Meer. "Look right, look right – he's jumping", ruft aufgeregt ein Schwede: Ein fast neun Meter langer Killerwal reckt übermütig seinen weiß-schwarzen Leib aus den Fluten. Mit einem scheinbar breiten Grinsen im Gesicht blickt er Sekunden die Schaulustigen an, dann lässt der Koloss seinen Tonnen schweren Körper krachend auf das Meer klatschen. Die mächtige Schwanzflosse steht senkrecht im Wasser, als der Orca in die spritzende Gischt taucht. Dreimal wiederholt sich das majestätische Schauspiel. Zum Staunen bleibt kaum Zeit. Kameras klicken, Handys machen "raatsch".

Im Umkreis einer halben Seemeile gehen weitere Beobachtungsschiffe in Position. Ein Schnellboot flitzt über die Wellen, nimmt Kurs auf einen zweiten, immer näher kommenden Walverband.
Es scheint, als würden sich die Tiere zu einem großen Fest versammeln. Ihr Weg durch das Meer sei nicht beliebig, weiß Captain Odd. Mit einem Stimmenuniversum aus melancholischen Gesängen, Pfiffen und Rufen verständigen sich die Orcas: Wo schwimmen wir hin, was ist geplant? Oder: Schnauze weg – das ist meine Dame!

Es ist Abend geworden. Starr ruht die Insellandschaft unter dem silberweißen Licht des scheinbar nahen vollen Mondes. Winter auf den Lofoten, das ist die Farben verliebte Zeit der bunten Lichterspiele. Das Nordlicht macht am Himmel Theater, schwebt wie wallende Schleier aus Grün, Gelb und Violett über Schwärme von Buchten, Fjorden und Scheren. Im März steigt das Licht vom Himmel wieder auf die Eilande herab. Die Tage dauernd mindestens zehn Stunden, und im Mai feiern in der warmen Mitternachtssonne Tage und Nächte eine Licht-Party.
In Solvaers "Magic Ice Bar" zeichnen Lichtmaschinen über einem Dutzend kristallklarer Eisskulpturen das Nordlicht nach. So wie der bunte Zauber in der fünf Grad Minus eisigen Kunstbar, wechseln auch draußen vor der Tür die heiteren Lichtsymphonien unversehens in ein graues Moll. Ole nimmt einen kräftigen Schluck vom beerenstarken "Frost"-Schnaps. Vielleicht habe jener Amtmann im Jahr 1825 seine Tagebuchnotiz ja an einem dieser regnerisch milchigen Tage geschrieben, überlegt Ole. Wahrscheinlich hat er recht.