In Österreichs Hauptstadt Wien leben rund 1,9 Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 415 Quadratkilometern. Rund 200 Quadratkilometer davon sind Grünland: Parkanlagen, private Gärten, Friedhöfe, stadtrandnahe Busch-, Wald- und Wiesenflächen sowie Ufer- und Aulandschaften bieten einen attraktiven Lebensraum für tausende Wildtiere. Aber sogar in der Innenstadt ist das eine oder andere anzutreffen, wie das Beispiel eines Rehs zeigt, das im Mai 2017 am Parkring mit einem Auto kollidierte. Es hatte sich offenbar in den Stadtpark verirrt, woher es ursprünglich kam, konnte nicht eruiert werden.

Doch auch wenn Autos die größte Gefahr für Wildtiere in der Stadt darstellen, sie haben den Umgang mit den "Blechbüchsen" im Großen und Ganzen recht gut gelernt – und weichen auf ihren Beutezügen längst zum Großteil in die Abend- und Nachtstunden aus. Dann werden sie nicht von (allzu vielen) Menschen belästigt, der Autoverkehr ist wesentlich schwächer und sie können relativ ungestört überall nach Fressbarem suchen. Und da gibt es für alle etwas: Speisereste in Mülltonnen, auf Komposthaufen und am Gehsteig, Futterstellen für Vögel, Reste von Hunde- und Katzenfutter, Gemüsebeete, Fallobst, Insekten, Schnecken, Regenwürmer, Mäuse, Ratten und einiges mehr.

Meistens bemerkt man die Wildtiere, die da mitten unter uns leben, gar nicht, höchstens im Nachhinein: hier ein umgekippter Abfallkübel, da abgeknabberte Triebspitzen, dort ein wie umgepflügt aussehender Garten. Letzterer erfreut den Besitzer natürlich gar nicht, verantwortlich dafür ist meistens ein Wildschwein. Oder besser gesagt mehrere; sie durchwühlen den Boden auf der Suche nach Wurzeln, Würmern oder sonstigen Leckereien mit ihren kräftigen Schnauzen. 2018 hatte sich eine Rotte von ihnen in Donaustadt beim Biberhaufenweg so breitgemacht, dass die MA 49, das Magistrat für Land- und Forstwirtschaft der Stadt Wien, eingreifen musste: Die Tiere wurden in Lebendfallen gefangen und weit entfernt von der Stadt wieder freigelassen.

Bejagt werden dürfen die Wildtiere nicht, in Wien gilt ein grundsätzliches Abschussverbot (nur in Ausnahmefällen darf ein Jäger oder Angehöriger der Polizei-Spezialeinheit Cobra ein Tier erschießen, wie jenen Keiler, der Kinder auf einem Spielplatz angegriffen hatte und sich weder einfangen noch vertreiben ließ) – noch ein Vorteil für die Wildtiere. Doch grundsätzlich sind sie sowieso scheu und meiden den Kontakt mit den Menschen. Außer man füttert sie, dann können sie zur selbstgemachten Plage werden – daher weder das entzückende Reh noch den putzigen Fuchs mit Nahrung versorgen, sonst wird man die Tiere nicht mehr los. Und noch ein Tipp von den Experten: Nichts herumliegen lassen, besonders Füchse stehlen gerne Schuhe oder Spielsachen, damit sich ihre Welpen damit amüsieren können. Aber auch Marder sind diversen Dingen menschlicher Provenienz nicht abgeneigt – diese dienen dann ihrer eigenen Unterhaltung.

Nicht so frech ist der Dachs, obwohl auch er zur Familie der Marder gehört. Das beeindruckende Tier mit dem schwarz-weiß gestreiften Kopf ist jedoch äußerst aufmerksam und scheu, daher bekommt man es trotz seiner doch recht beeindruckenden Größe (der Dachs wird ohne Schwanz bis knapp 90 Zentimeter lang und an die 14 Kilogramm schwer) nur sehr selten zu Gesicht. Doch auch Meister Grimbart hat es sich in Wien gemütlich gemacht: Reichlich Nahrung, kaum Feinde, kein Jagddruck und viele Versteck- und Unterschlupfmöglichkeiten sowie höhere Temperaturen speziell im Winter machen ihm und seinem Nachwuchs, der meist Ende Februar/Anfang März geboren wird, das Überleben leichter.

Die Fledermäuse

Wer von Frühling bis Herbst in den Abend- oder den frühen Morgenstunden seinen Blick nach oben richtet und geduldig Straßenlampen im Auge behält, kann mit etwas Glück eine Fledermaus bei der Jagd nach Insekten beobachten. Die meisten Arten im dicht bebauten Stadtgebiet sind sogenannte "Spaltenbewohner": Sie nutzen Spalten an Gebäuden oder hinter loser Baumrinde als Quartier. In Wien finden sie erstere meist hinter Wandverschalungen, in Dehnungsfugen und in anderen engen Hohlräumen ab etwa 1 bis 1,5 Zentimetern Breite. In Österreich kommen 28 der 38 europäischen Fledermausarten vor, Wien allein beherbergt 22 davon und ist somit derzeit im deutschsprachigen Raum die Hauptstadt mit der vielfältigsten Fledermausfauna. Allerdings gehören die streng geschützten Tiere heute zu den am stärksten gefährdeten Wirbeltiergruppen, Ursachen dafür sind unter anderem Lebensraumveränderungen und Quartierverluste. In der Stadt machen den Fledermäusen vor allem Bautätigkeiten wie Renovierungen oder thermische Sanierungen zu schaffen, da durch diese immer wieder unbemerkt Fledermaus-Quartiere verloren gehen. Der rechtliche Schutz erstreckt sich deswegen nicht nur auf die Tiere selbst, sondern vor allem auch auf ihre Quartiere. Diese müssen bei Bautätigkeiten erhalten werden. In Wien sind die nächtlichen Flugkünstler nach dem Wiener Naturschutzgesetz und der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der EU streng geschützt.

Wer doch lieber nach unten schaut, kann je nach Örtlichkeit zu nächtlicher Stunde auch Igel, Feldhamster, Biber, Marder oder das Wiener Nachtpfauenauge entdecken. Und wer will, kann seine Sichtung sogar melden: Seit 2011 beschäftigt sich die Veterinärmedizinische Universität Wien mit der Erfassung von Wildtieren im urbanen Lebensraum. Das Projekt "StadtWildTiere" wird vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie betrieben und betreut, seit 2015 kann man auf der Homepage www.stadtwildtiere.at eine Wildtierbeobachtung melden und sogar ein Foto hochladen – sofern man nicht vergessen hat, vor lauter Überraschung eines zu machen. Eine genaue Zahl zu den in Wien lebenden Wildtieren gibt es nicht, selbst Schätzungen sind mit Vorsicht zu genießen. Doch so lange das Mit- und Nebeneinander von Menschen und Wildtieren in der Stadt weitgehend reibungslos verläuft, ist es ja auch gar nicht so wichtig, wie viele Füchse, Rehe oder Igel in Wien eine neue Heimat gefunden haben.