Sonnenaufgänge gehören Liebenden und Bäckern. Wenn der Rest der Stadt noch schläft, die Touristenströme auf die Eröffnung des Frühstücksbuffets warten und der Pendlerstrom noch nicht in die Stadt eingezogen ist, gibt es dieses eine kleine Zeitfenster für einige Wenige. Doch bevor diese Zwischenwelt in Erscheinung treten kann, zeigt die Stadt ihr zweites Gesicht. Kaum ein Ort, der bei Dunkelheit nicht eine ganz andere Seite zeigt, die auch gänzlich andere Bewohner zu beherbergen scheint. In der Nacht kann man einen Einblick in eine Parallelwelt der Metropole erhaschen. Wenn die letzten After-Work-Hängengebliebenen der Stoßzeit entflohen und mit einem kleinen Spitz die Stadt verlassen haben, dann beginnt der Nachtrhythmus der Stadt zu pulsieren. Dieser Text ist ein Versuch, einen Teil des Wiener Nachtlebens einzufangen. Ein Rundgang zwischen den Welten zur späten Stunde: von den Nachtschwärmern, den Bewohnern der nächtlichen Stadt bis hin zu den arbeitenden Menschen. Am Tag ist Wien schon gut erwandert und bekannt, doch wenn es dunkel ist, kann man noch einiges entdecken.

Die Stadt in der Stadt

Eine ganz eigene Welt eröffnet sich in der Nacht in der Stadt in der Stadt: dem AKH. Wer schon einmal im Spital war, kennt den Tagesablauf. Aber das Nachtleben ist nicht weniger belebt. Das Pflegepersonal und die Ärzte, die Rettungsfahrer und die Notfall-ambulanz, ein eingespieltes Team in der Nacht – es hat zwar meist weniger mit "Greys Anatomy" zu tun, als sich Außenstehende erhoffen, aber auch der Alltag kann in manchen Nächten wahrlich filmreife Geschichten schreiben. Jede Notaufnahme hat ihre eigenen Geschichten zu bieten. "Einmal stürmte eine Frau sichtlich sehr alkoholisiert in die Ambulanz und hat wie am Spieß geschrien. Als wir sie beruhigt hatten und fragten, was sie hätte, hielt sie die Hand hoch und meinte, sie hätte sich einen Nagel eingerissen und blute", so Paulina (Name von der Redaktion geändert, Anm.), die in ihrer Zeit als Jungärztin so einige Geschichten erlebt hat. Man habe der Dame ein Pflaster gereicht, sie aber sehr schnell wieder aus dem Gebäude gebracht. "So eine 25-Stunden-Schicht ist ganz schön anstrengend, da ist man zwar froh, wenn was los ist, aber immer auch sehr glücklich, wenn es keine Katastrophen gegeben hat." Wer tagsüber durch die Gänge des Krankenhauses geht, wird sich wundern, wie ruhig und leer die Gänge in der Nacht sein können. Es riecht immer noch nach Spital, aber vielleicht weniger nach menschlichen Emotionen. Der Geruch von Aufregung, Angst und Krankheit weicht ein Stück weg. Manchmal spaziert ein Krankenhauspyjama-gewandeter Patient durch die Gänge. Hin und wieder kann man leise Gesprächsfetzen auffangen. Ein Mikrokosmos mit einem ganz eigenen Lebensrhythmus lebt in den zwei Türmen mitten in der Stadt. Und wer einmal das Glück hat, vom Dach des AKH über die erleuchtete Stadt schauen zu können, der wird Wien mit anderen Augen sehen und sich ewig daran erinnern.
Die Nachtschichten im Pflege- und Gesundheitsbereich oder auch in der Sozialarbeit zählen wohl zu jenen unsichtbaren Welten die die Stadt durchziehen und am Leben erhalten, ohne dass man es merkt. Zumindest solange es keine Zwischenfälle gibt. Nur wenn man entfernt eine Sirene hört oder das Blaulicht in den Fenstern durch die Nacht reflektieren sieht, bemerkt man die Anwesenheit der Nachtarbeiter.

Der Schnittpunkt der Nachtaktiven

Das Nachtleben pulsiert aber vor allem rund um das AKH. Wer den Gürtel entlang spaziert, der kommt bei unzähligen Lokalen vorbei. In den Gürtelbögen pulsiert das Nachtleben. Viele Bögen standen jahrzehntelang leer, ehe Ende der 1990er Jahre die Stadt Wien eine Initiative zur Wiederbelebung der Stadtbahnbögen setzte, worauf sich im Bereich des 8. und 9. Bezirks einige Szenelokale ansiedelten. Wer kennt die Zufluchtsorte der Nacht nicht? Das Chelsea, B72 und wie sie alle heißen. Nächtelange Partys, unzählige Konzerte und Geschichten. Neben der Inneren Stadt gehören die Gürtelbögen längst zum Hotspot der Nachtschwärmer: Von einem Lokal zum nächsten ziehen und dabei immer auch die Geschichte der Stadt mitbekommen. Der Gürtel bildet dabei einen wesentlichen und wichtigen Abschnitt, um Wien in der Nacht zu entdecken und zu erkunden. Immer weiterwandern, wenn das Abendprogramm noch nicht ganz den eigenen Vorstellungen entspricht. Immer ein Stück tiefer in die Nacht. Und trotzdem mit dem Wissen, dass es hier ein Kreislauf ist. Obwohl die wenigsten Nachtschwärmer wohl schon eine ganze Gürtelrunde absolviert haben, so weiß man doch, wo die neuralgischen Kreuzungspunkte der abendlichen Unterhaltung und Ablenkung zu finden sind. Wer dann Richtung Donaukanal vom 9. Bezirk in den "Ersten" flaniert, wird Zeuge, wie die Stadt auch endlich ihren Fluss in das Leben miteinzubeziehen sucht. Auch entlang des Donaukanals wurden in den Jahren 2008 und 2009 beim Zaha-Hadid-Haus 13 Bögen als Teil einer neugeschaffenen Kunst- und Gastronomiemeile revitalisiert. Davor war es wahrlich keine wirklich einladende Gegend. Aber ob es nun die "Grelle Forelle" oder das "Flex" ist, Strandbar oder Badeschiff, gerade im Sommer ist hier einiges zu erleben.

Von kleinen und großen Mikroabenteuern

Ein großer Trend sind sogenannte Mikroabenteuer. Eine Art Kurztrip in der eigenen Stadt und rund um Großstädte, um einen neuen Blick auf eine Umgebung, die schon als bekannt galt, dann aber doch andere Seiten zeigt. Um drei Uhr früh mit geschlossenen Augen in der Blutgasse still der Nacht lauschen etwa. Wer schon einmal in der Nacht den ersten Schneefall in der Wiener Innenstadt erlebt hat, der weiß, wie ruhig und sanft eine Metropole sein kann. Die Geräusche verschwinden unter einem Mantel aus Weiß, das genaue Gegenstück zur hochsommerlichen Tropennacht, in der die Stadt vor Hitze nicht schlafen kann und aus ihren Poren teerig tropft.
Und wer an den Wochenenden unterwegs ist und das "Rund-um-die-Uhr-U-Bahn-fahren" gewohnt ist, der wird sich an einem Mittwochmorgen zu Fuß auf so manches Abenteuer einlassen können, wenn der Weg in die Außenbezirke zum Ausnüchtern genutzt werden muss.

Vom Essen und Fahren

Wobei das mit dem Ausnüchtern so eine Sache ist. Nachtschwärmerei mit überbordendem Alkoholkonsum gleichzusetzen, wäre keine gute Sache. Den Nüchternen wird die Welt des Alkoholmissbrauchs in der Nacht mit einer richtigen "Gnackwatschn" serviert. Eine Mischung aus Fremdschämen und Mitleid gepaart mit Ekel und dem Wunsch nach einem absoluten Verschwinden aller Geruchsrezeptoren macht sich breit. Wobei die Stadt in der Nacht schon seit jeher etwas anders riecht.
Die positive Ausprägung ist eine Taxifahrt mit offenem Fenster durch eine halbwegs grüne Zone. Da spielt es olfaktorisch alle Stücke. Wenn die Grünflächen ihren Sauerstoff in die Stadt ausatmen und jeder Baum die Last des Tages fallen lässt. Und auf der anderen Skala dann die schon erwähnten alkoholbedingten Geruchsbelästigungen – ein nicht wissenschaftlich belegter Fakt scheint zu sein, dass man in der Nacht weniger dem Hundekot als Erbrochenem ausweichen muss, aber auch hier ist Wien eine Perle von Großstadt. Ein Kurztrip nach Berlin macht sicher, es geht wahrlich viel, viel schlimmer.
Und weil wir schon beim Essen sind, eine echte Wiener Institution bleibt dies natürlich auch nachts. Der Würstlstand ist einer der Treffpunkte der Nachtschwärmer und Nachtarbeiter. Wer vom Donaukanal in die Innenstadt gekommen ist, dem wird das kulinarisch eindeutig verbesserungswürdige, im alkoholisierten Zustand aber wahrlich überlebenswichtige Essensangebot am Schwedenplatz bekannt sein. Die Vermischung von Taxifahrern und Nachtbewohnern und vor allem eine Durchmischung, wie man sie selten so divers in Wien findet, erlebt man beim Bitzinger bei der Oper, am Hohen Markt oder aber am Schottentor. Wenn die Theaterbesucher zu lange hängen geblieben sind, die Taxifahrer ihre Pausen machen und die Nachtvögel zwischen den Lokalen noch etwas zu Essen suchen, dann hier. Und dann wird man ganz Wien auf wenigen Quadratmetern inhalieren können. Vor der Wurst sind alle gleich. Besonders in der Nacht. Das verbindende Element eint und danach spuckt es die Menschen wieder in alle Himmelsrichtungen aus. Ins Bermudadreieck oder zurück zum Arbeitsplatz, nachhause oder doch noch zu einem "Fluchtachterl" eine Gasse weiter.

Parallelwelten

Wer in der Nacht seine Runden dreht, dem wird öfters auch das Auge geöffnet. Manchmal sehr schmerzhaft. Parkbänke fallen nämlich meist nicht auf, sie sind da, oder eben nicht, vor allem dann, wenn man sie braucht. Sie sind in Parks und untertags besetzt von Tratschenden, Eltern und Kindern oder dem Mittagspausierenden. In der Nacht wird die Bank sichtbar. Was nicht an ihr selbst, sondern an der nächtlichen Zwischennutzung liegt. Die Bank als Bett des Obdachlosen sticht in der Nacht ins Auge. Man sieht sich oftmals wesentlich stärker mit der Armut konfrontiert als untertags, wo man ihr ausweichen kann. Wer an dunklen, stillen Orten seine Einsamkeit erleben will, ertappt sich als Eindringling in eine Parallelwelt, die man sonst selten so nahe an sich heranlässt.
Gerade im Winter wird der Schlafsack in einer Hauseinfahrt hoffentlich stärker wahrgenommen als die Bettler im Sommer in der Einkaufsstraße ignoriert werden. Die Nacht macht auf eine gewisse Art aufmerksamer. Die Ablenkungen sind weniger, der Geist kann sich bewegen. Man muss sich seinen Ängsten stellen. Und ja, man muss als Mann vermutlich ein paar Dinge verstehen lernen. So zum Beispiel, dass es bedrohlich wirken kann, wenn man in der Dunkelheit hinter einer Frau geht. So hat auch das Zusammenleben der Geschlechter in der Nacht eigene Gesetze. Wenn Liebende eng umschlungen auf die U-Bahn warten, die Nachtbushaltestelle zum Treffpunkt der Müden wird, dann entfaltet die Stadt eine eigene Magie. Der Nachtbus als verbindendes Element der fahrenden Gruppe. Die Freude auf das eigene Bett. Die Kopfschmerzen und die Blasen an den Füßen vom Tanzen. Eigentlich könnte es eine unglaublich harmonische Zeit sein. Nun ja, manchmal ist es das ja auch.
Und während die Nachtschwämer die Stadt verlassen, ziehen die Bäcker ein. Wer mit der Arbeit beginnt, wenn die anderen noch schlafen oder ans Bett denken, dem gehört diese Zeit. Dummerweise ist die Backstube nun nicht gerade der Ort, wo man seiner singulären Einzigartigkeit in aller Freude frönen kann, aber hiermit ein kleiner Gedanken an die "Vampire der Berufstätigen", deren Brüder und Schwestern im Geiste wohl noch am ehesten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der MA48 sind, die dann den Übergang zu Nacht auf Tag im öffentlichen Raum begleiten.

Die unbekannten Wege entdecken

Man sollte sich bewusst einmal die Zeit nehmen und Wien zu unterschiedlichen Zeiten intensiv in sich aufsaugen. Im Alltag sind die Wege meist bekannt und ausgetreten. Wer geht denn schon an mehr als ein paar Orte – in die Arbeit, zum Einkaufen, zum Arzt und dann? Vielleicht sollte man in Wien als Wiener auch einmal bewusst Urlaub machen und die Stadt zu den "unmöglichsten Zeiten" erkunden.
Das Netzwerk aus Gassen und Plätzen in der Stadt, die in der Nacht so leer und damit viel größer scheinen, erkunden. Sich der Langsamkeit mit vollem Bewusstsein hingeben. Und auch wenn das Problem bei den nächtlichen Spaziergängen nicht die Nacht, sondern der nächste Morgen und das Aufstehen ist, so sollte man es einmal versucht haben.
Und wer weiß, vielleicht gehören die Sonnenaufgänge dann noch anderen Menschen.