"Was, euer ganzes Land hat nur knapp neun Millionen Einwohner, nicht mehr?" Hemant Singh Rathore kann sein Lachen kaum verbergen. "Da sind ja alleine heute hier bei der Kumbh Mela mehr Menschen versammelt, als in ganz Österreich leben!" Er ist fassungslos. Genau wie wir. Die Anreise von der nahen Millionenstadt Allahabad zum Festgelände war mühsam: Wir wurden auf den letzten drei Kilometern bei sieben Kontrollpunkten angehalten, diverse Essensstände mussten zur Seite geräumt und Menschentrauben umgeleitet wurden, damit unser Fahrer passieren konnte. Verdreckt und durstig erreichen wir das Royal Heritage Camp. Hemant Singh Rathore ist Besitzer der 32 Luxus-Zelte, die hier im sandigen Schwemmland unweit der Fluten des Ganges aufgebaut sind. Echten Luxus stellt sich der Europäer zwar anders vor, doch die Hauszelte sind tatsächlich komfortabel und die Steinmauer um das staubige Areal schirmt uns zumindest optisch von dem ohrenbetäubenden Wahnsinn um uns herum ab.

Bevor uns Hemant dem Trubel überlässt, erklärt er: Die 49 Tage dauernde Kumbh Mela ist das größte Fest der Welt und sollte von jedem Hindu zumindest einmal im Leben besucht werden (ähnlich der Pilgerreise Hadsch nach Mekka für gläubige Moslems), zuletzt fand sie vom 15. 1. bis 4. 3. 2019 statt. Das Wasser des Heiligen Flusses Ganges reinigt im spirituellen sowie religiösen Sinn, befreit von Sünden und ebnet den Weg ins Jenseits. Bei der Kumbh Mela ("Fest des Kruges") wirkt es noch tausendmal stärker. Allahabad im Bundesstaat Uttar Pradesh (die Stadt wurde im Vorjahr offiziell in ihren Sanskrit-Namen "Prayagraj" – "Ort der Opfergabe" – umbenannt) wiederum ist die allerheiligste Stätte, denn hier beim "Sangam" fließen die drei heiligen Flüsse Ganges, Yamnua sowie der Strom der Erkenntnis, die mythische unterirdische Saraswati, zusammen.

Die spirituelle Generalamnestie funktioniert allerdings nur, wenn Jupiter, Mond und Sonne in einer bestimmten Konstellation stehen. Das wird von Astronomen in einer komplexen Prozedur berechnet. Theoretisch findet die "Kumbh" alle drei Jahre an vier verschiedenen Orten in Nordindien statt, praktisch aber können die Zeiträume dazwischen je nach religiös-astrologischen Berechnungen auch kürzer sein. So steigt das nächste Fest des Kruges angeblich bereits 2021 in Haridwar, 750 Kilometer stromaufwärts am Fuße des Himalayas. Die vier Kumbh-Mela-Orte sind Allahabad und Haridwar am Ganges, Ujjain am Fluss Shipra sowie Nashik am Godavari.

Ursprung im Schöpfungsmythos

Seinen Ursprung hat das Pilgerfest in einem zentralen vedischen Schöpfungsmythos: Einst beschlossen Götter (Devas) und Dämonen (Asuras), gemeinsam den Nektar der Unsterblichkeit (Amrita) zu destillieren und begannen dafür, den "Milchozean" zu quirlen (mit Hilfe einer riesigen heiligen Schlange, die durch gegengleiches Ziehen an Kopf und Schwanz den Berg Mandara quasi in einen gewaltigen Standmixer verwandelte). Das derart gequirlte Amrita wurde in einem Krug gesammelt. Doch es kam, wie es kommen musste, Götter wie Dämonen beanspruchten den heiligen Trank für sich und verfielen in Streit. Dabei fielen vier Tropfen Amrita auf die Erde – genau da, wo heute die Pilgerorte liegen. Während der Kumbh Mela manifestiert sich die Kraft des Amritas im Wasser der Flüsse und befreit so von nahezu allen Sünden.

Heilsverkündigung in temporären Ashrams

Derart gut vorbereitet brechen wir – begleitet von Hemant – ins Gewühl auf. Keine andere öffentliche Unterkunft liegt dem Sangam näher als das Royal Heritage Camp (welches freilich für die meisten Inder mit umgerechnet ab 120 Euro pro Person und Tag mit Vollverpflegung unerschwinglich ist). Nur rund 1,5 Kilometer trennen es vom Zusammenfluss Sangam. "Heute ist es relativ ruhig" erklärt Hemant. "Vollmond ist nur der fünftwichtigste Badetag. Die Polizei rechnet mit zwölf bis 14 Millionen Besuchern heute, an Spitzentagen sind es 30 Millionen."

Der heiligste (und erste) Badetag ist zu Neumond. Dieser Eröffnungstag ist den Inkarnationsritualen der Sadhus (Bettelmönche) vorbehalten. Diese heiligen Menschen des Hinduismus (knapp zehn Prozent sind übrigens Frauen) strömen aus dem ganzen Land sowie Nepal herbei und huldigen ihren vielfältigen Gottheiten. Als besitzlose Eremiten entsagen sie der Welt und verlassen oft ganz plötzlich Familie, Beruf und Zivilisation. Zurückgezogen im Wald oder in Höhlen geben sie sich Spiritualität, Askese sowie (oft schmerzhaften) Ritualen hin und bereiten sich so auf den Übergang ins Nirwana vor.

Rund 20.000 Sadhus bleiben während des ganzen Festes. Als hinduistische Meister errichten sie rund um den Sangam zahlreiche monströse Ashrams (Meditationszentren) aus Zeltplanen und verkünden hier ihre Heilsbotschaften. Kuppeln und Türmchen zieren die potemkinschen Tempelfronten, dahinter schließen sich Versammlungszelte an. Die hypnotisch monotonen Mantras werden über Hunderte Lautsprechertürme Dezibel-gewaltig verstärkt. Der ohrenbetäubende Krach jenseits der europäischen Schmerzgrenze wummert rund um die Uhr, am lautesten knapp vor Sonnenaufgang, der heiligsten Stunde. Da sind die besten Ohropax machtlos.

Am auffälligsten für uns Europäer (obwohl zumeist still) sind die Naga Sadhus, liebevoll "Babas" genannt. Sie dominieren die Bilder, die von der Kumbh Mela um die Welt gehen. In ihrer auf die Spitze getriebenen Enthaltsamkeit verschmähen sie Kleidung, irdische Lust und jeden Haarschnitt (scheuen allerdings nicht davor zurück, 1000 Rupie/zwölf Euro zu verlangen, um sie zu fotografieren). Eindrucksvolle Motive liefern sie zu Hauf: Sie reiben ihre völlig nackten, ohne jede Scham präsentierten Körper mit Asche ein – zur Desinfektion und zum Schutz vor Sonne und Kälte. Das lange, verfilzte Haar wird zu einem Turm am Kopf gewunden, Blütenketten beleben die graue Monotonie. Zur Förderung der Spiritualität rauchen sie Canabispfeifen, wohlhabende Inder versorgen sie mit Nahrung. In ihrem Initiations-Baderitus am allerersten Tag geben sie sich gemeinsam spirituell dem Fluss hin.

Mutig ins heilige Gewühl

Je näher uns Hemant über die behelfsmäßig ausgelegten Metallplattenwege und eigens errichteten Pontonbrücken zum Sangam (dem bevorzugten Badeplatz) führt, umso dichter wird das Gewühl. Andere (hellhäutige) Touristen sind nicht zu sehen, aber auch von uns wird kaum Notiz genommen. Menschen mit großen Badetaschen strömen in Horden dem Wasser entgegen. Die Besucherströme werden vorbildlich geleitet, jeder treibt in der feierlich-würdevollen Masse mit, alle sind im Fluss, stehenbleiben ist unmöglich. Beim Wasser am Sangam wird es wirklich eng: Körper an Körper tauchen die Gläubigen in die heiligen Fluten, trinken davon, verneigen sich Dutzende Male, jubeln, schießen Handyfotos oder versinken im Gebet; gesellschaftliche Unterschiede sind aufgehoben.

Wir Europäer verzichten auf ein Bad (auch wenn Hemant versichert, die hygienischen Verhältnisse hätten sich in den letzten Jahren stark verbessert) und entfliehen auf ein kleines Ruderboot. Sanft geschaukelt schauen wir aus der Distanz und ohne Gedränge dem Tun der Gläubigen zu – und vermögen so erstmals, die besondere Spiritualität des Ortes zu spüren.

Totenstadt Varanasi

Auch in Varanasi, rund 150 Kilometer den Ganges abwärts, kann der Indienbesucher die religiöse Spiritualität des Subkontinents erleben. Die Heilige Stadt zählt zu den ältesten, dauerhaften Ansiedlungen der Welt. Sieben Kilometer lang ziehen sich die Treppenanlagen der berühmten Ghats den Ganges entlang. Die dunklen Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert dahinter sind von unheimlichem Charme. 50.000 Pilger (und 2000 Touristen) pro Tag reisen an, viele, um auf den Ghats ihre toten Angehörigen zu verbrennen. Für eine freie Fahrt ins Jenseits.
Rund 300 Kremierungen rauchen tagtäglich in den Himmel: Auf den Ghats lodern öffentlich die Flammen der Scheiterhaufen, Kühe stapfen im Dreck dazwischen herum. Eine für uns verstörende Zeremonie. Es braucht viel Brennholz, bis Leichen komplett zu Asche zerfallen, die anschließend in den Fluss gestreut wird. "Das ist sehr teuer, manche Gläubige sparen dafür ihr Leben lang", erzählt Nareesh, unser lokaler Guide. Sollte das Geld nicht ausreichen, muss auf die günstigeren, gasbefeuerten Krematorien ausgewichen werden. Davor warten lange Menschenschlangen neben ihren blumengeschmückten, in Tuch gehüllten Toten.

Vergleichsweise Balsam für die Seele ist da die stimmungsvolle Feuerzeremonie "Ganga Aarti" zu Ehren der lebensspendenden Flussgöttin Ganga am zentralen Dasaswamedh Ghat. Tausende Menschen strömen frühzeitig herbei, um ab 19 Uhr die streng geregelte Synchron-Choreographie mit diversen rituellen Gerätschaften der sieben jungen Priester zu verfolgen. Rhythmische Glockenklänge, der dumpfe Ton aus Meeresschneckengehäusen und getragene Gesänge begleiten das mythische Schauspiel.

Zu Sonnenaufgang finden die rituellen Waschungen im Ganges statt. Auch hier empfiehlt sich wiederum die Distanz eines Ruderboots. Für wenige Rupie ist ein Bootsführer gefunden und vor der nebelverhangenen Kulisse der Ghats und der aufgehenden Sonne am anderen Flussufer spürt auch der rationellste Europäer Ruhe und Seelenfrieden.