Ursprung im Schöpfungsmythos

Seinen Ursprung hat das Pilgerfest in einem zentralen vedischen Schöpfungsmythos: Einst beschlossen Götter (Devas) und Dämonen (Asuras), gemeinsam den Nektar der Unsterblichkeit (Amrita) zu destillieren und begannen dafür, den "Milchozean" zu quirlen (mit Hilfe einer riesigen heiligen Schlange, die durch gegengleiches Ziehen an Kopf und Schwanz den Berg Mandara quasi in einen gewaltigen Standmixer verwandelte). Das derart gequirlte Amrita wurde in einem Krug gesammelt. Doch es kam, wie es kommen musste, Götter wie Dämonen beanspruchten den heiligen Trank für sich und verfielen in Streit. Dabei fielen vier Tropfen Amrita auf die Erde – genau da, wo heute die Pilgerorte liegen. Während der Kumbh Mela manifestiert sich die Kraft des Amritas im Wasser der Flüsse und befreit so von nahezu allen Sünden.

Heilsverkündigung in temporären Ashrams

Derart gut vorbereitet brechen wir – begleitet von Hemant – ins Gewühl auf. Keine andere öffentliche Unterkunft liegt dem Sangam näher als das Royal Heritage Camp (welches freilich für die meisten Inder mit umgerechnet ab 120 Euro pro Person und Tag mit Vollverpflegung unerschwinglich ist). Nur rund 1,5 Kilometer trennen es vom Zusammenfluss Sangam. "Heute ist es relativ ruhig" erklärt Hemant. "Vollmond ist nur der fünftwichtigste Badetag. Die Polizei rechnet mit zwölf bis 14 Millionen Besuchern heute, an Spitzentagen sind es 30 Millionen."

Der heiligste (und erste) Badetag ist zu Neumond. Dieser Eröffnungstag ist den Inkarnationsritualen der Sadhus (Bettelmönche) vorbehalten. Diese heiligen Menschen des Hinduismus (knapp zehn Prozent sind übrigens Frauen) strömen aus dem ganzen Land sowie Nepal herbei und huldigen ihren vielfältigen Gottheiten. Als besitzlose Eremiten entsagen sie der Welt und verlassen oft ganz plötzlich Familie, Beruf und Zivilisation. Zurückgezogen im Wald oder in Höhlen geben sie sich Spiritualität, Askese sowie (oft schmerzhaften) Ritualen hin und bereiten sich so auf den Übergang ins Nirwana vor.

Rund 20.000 Sadhus bleiben während des ganzen Festes. Als hinduistische Meister errichten sie rund um den Sangam zahlreiche monströse Ashrams (Meditationszentren) aus Zeltplanen und verkünden hier ihre Heilsbotschaften. Kuppeln und Türmchen zieren die potemkinschen Tempelfronten, dahinter schließen sich Versammlungszelte an. Die hypnotisch monotonen Mantras werden über Hunderte Lautsprechertürme Dezibel-gewaltig verstärkt. Der ohrenbetäubende Krach jenseits der europäischen Schmerzgrenze wummert rund um die Uhr, am lautesten knapp vor Sonnenaufgang, der heiligsten Stunde. Da sind die besten Ohropax machtlos.