Am auffälligsten für uns Europäer (obwohl zumeist still) sind die Naga Sadhus, liebevoll "Babas" genannt. Sie dominieren die Bilder, die von der Kumbh Mela um die Welt gehen. In ihrer auf die Spitze getriebenen Enthaltsamkeit verschmähen sie Kleidung, irdische Lust und jeden Haarschnitt (scheuen allerdings nicht davor zurück, 1000 Rupie/zwölf Euro zu verlangen, um sie zu fotografieren). Eindrucksvolle Motive liefern sie zu Hauf: Sie reiben ihre völlig nackten, ohne jede Scham präsentierten Körper mit Asche ein – zur Desinfektion und zum Schutz vor Sonne und Kälte. Das lange, verfilzte Haar wird zu einem Turm am Kopf gewunden, Blütenketten beleben die graue Monotonie. Zur Förderung der Spiritualität rauchen sie Canabispfeifen, wohlhabende Inder versorgen sie mit Nahrung. In ihrem Initiations-Baderitus am allerersten Tag geben sie sich gemeinsam spirituell dem Fluss hin.

Mutig ins heilige Gewühl

Je näher uns Hemant über die behelfsmäßig ausgelegten Metallplattenwege und eigens errichteten Pontonbrücken zum Sangam (dem bevorzugten Badeplatz) führt, umso dichter wird das Gewühl. Andere (hellhäutige) Touristen sind nicht zu sehen, aber auch von uns wird kaum Notiz genommen. Menschen mit großen Badetaschen strömen in Horden dem Wasser entgegen. Die Besucherströme werden vorbildlich geleitet, jeder treibt in der feierlich-würdevollen Masse mit, alle sind im Fluss, stehenbleiben ist unmöglich. Beim Wasser am Sangam wird es wirklich eng: Körper an Körper tauchen die Gläubigen in die heiligen Fluten, trinken davon, verneigen sich Dutzende Male, jubeln, schießen Handyfotos oder versinken im Gebet; gesellschaftliche Unterschiede sind aufgehoben.

Wir Europäer verzichten auf ein Bad (auch wenn Hemant versichert, die hygienischen Verhältnisse hätten sich in den letzten Jahren stark verbessert) und entfliehen auf ein kleines Ruderboot. Sanft geschaukelt schauen wir aus der Distanz und ohne Gedränge dem Tun der Gläubigen zu – und vermögen so erstmals, die besondere Spiritualität des Ortes zu spüren.

Totenstadt Varanasi

Auch in Varanasi, rund 150 Kilometer den Ganges abwärts, kann der Indienbesucher die religiöse Spiritualität des Subkontinents erleben. Die Heilige Stadt zählt zu den ältesten, dauerhaften Ansiedlungen der Welt. Sieben Kilometer lang ziehen sich die Treppenanlagen der berühmten Ghats den Ganges entlang. Die dunklen Gebäude aus dem 17. und 18. Jahrhundert dahinter sind von unheimlichem Charme. 50.000 Pilger (und 2000 Touristen) pro Tag reisen an, viele, um auf den Ghats ihre toten Angehörigen zu verbrennen. Für eine freie Fahrt ins Jenseits.
Rund 300 Kremierungen rauchen tagtäglich in den Himmel: Auf den Ghats lodern öffentlich die Flammen der Scheiterhaufen, Kühe stapfen im Dreck dazwischen herum. Eine für uns verstörende Zeremonie. Es braucht viel Brennholz, bis Leichen komplett zu Asche zerfallen, die anschließend in den Fluss gestreut wird. "Das ist sehr teuer, manche Gläubige sparen dafür ihr Leben lang", erzählt Nareesh, unser lokaler Guide. Sollte das Geld nicht ausreichen, muss auf die günstigeren, gasbefeuerten Krematorien ausgewichen werden. Davor warten lange Menschenschlangen neben ihren blumengeschmückten, in Tuch gehüllten Toten.

Vergleichsweise Balsam für die Seele ist da die stimmungsvolle Feuerzeremonie "Ganga Aarti" zu Ehren der lebensspendenden Flussgöttin Ganga am zentralen Dasaswamedh Ghat. Tausende Menschen strömen frühzeitig herbei, um ab 19 Uhr die streng geregelte Synchron-Choreographie mit diversen rituellen Gerätschaften der sieben jungen Priester zu verfolgen. Rhythmische Glockenklänge, der dumpfe Ton aus Meeresschneckengehäusen und getragene Gesänge begleiten das mythische Schauspiel.

Zu Sonnenaufgang finden die rituellen Waschungen im Ganges statt. Auch hier empfiehlt sich wiederum die Distanz eines Ruderboots. Für wenige Rupie ist ein Bootsführer gefunden und vor der nebelverhangenen Kulisse der Ghats und der aufgehenden Sonne am anderen Flussufer spürt auch der rationellste Europäer Ruhe und Seelenfrieden.