Spieleideen finden also auf unterschiedlichsten Wegen in die Verlage. Etwa 1000 sind es in einem Jahr, die man bei Piatnik entweder auf Spielemessen aktiv aufgabelt oder passiv durch Einsendungen erhält. Was davon wirklich fest ins Programm aufgenommen wird, ist von vielen Kriterien abhängig: Trifft die Idee den Zeitgeist? Eignet sie
sich überhaupt für die unterschiedlich-sten Spieltypen? Und gibt es das Spiel nicht sogar schon? Besonders wichtig sind allem voran aber die Spielregeln: "Kurz ist besser als lang, aber wichtig ist, dass man sie versteht", sagt Strehl. Die Hemmschwelle, das Spiel zu spielen, soll bei massentauglichen Sozialkatalysatoren also möglichst gering sein.

Unzählige Testrunden

Etwa 25 neue Brettspiele bringt Piatnik im Jahr heraus. Tendenz: steigend. Das Angebot wird immer vielfältiger, und auch die Autorenschaft vergrößert sich zusehends. "Vor 30 Jahren gab es vielleicht 150 neue Spiele in einem Jahr von 10 Firmen im deutschsprachigen Raum, heute sind es ungefähr 70 Firmen und 3000 Spielneuheiten", sagt Strehl. Und die müssen natürlich erst einmal exakt ausgearbeitet werden, um über das allabendliche Fernsehprogramm zu triumphieren. Was am Ende der Spaß für die ganze Familie sein soll, ist zu Beginn mühsame Kleinstarbeit für den Verlag. Unzählige Testrunden müssen abklären, was man verbessern könnte, was überflüssig ist und ob auch wirklich jeder die gleichen Gewinnchancen hat. Dazu brauchen die Spiele auch noch ein ansprechendes Design, einen prägnanten Namen und oft jede Menge Kleinteile vom Mini-Spiegel bis zur Schlafmaske, die man erst einmal auftreiben muss. Was in der Buchbranche den Lektoren über ist, machen hier die Redakteure. Rollen die Würfel dann endlich so, wie sie sollen, geht es an die Produktion. Die übernimmt Piatnik nur zum Teil im eigenen Haus. Alles andere wäre angesichts der Fülle an verschiedenem Zubehör auch utopisch. Anleitungen, Karten und Spielekartons druckt und stanzt man im 14. Bezirk direkt, die Schachteln werden am Fließband befüllt. Das Übrige liefern europäische Hersteller.

So kommt ein Spiel also auf den Markt. Oder es kommt ganz anders. Ivo Antunic hat "World Control" 2018 nicht über einen Verlag herausgebracht, sondern ist kurzerhand selbst zum Verleger geworden. Denn als Architekturstudent ist ihm die Ausgestaltung ein ganz besonderes Anliegen. Die Idee stammt allerdings nicht von ihm, auch da ist er kein klassischer Spieleautor. Eigentlich wurde "World Control" 1991 von einem Amerikaner entwickelt, den Antunic bei seinem Aufenthalt in den USA als Gastschüler kennenlernte. Bereitwillig überließ er ihm seine Idee. Damals war sie laut Antunic noch "zu politisch inkorrekt, weil Gesellschaftsspiele immer familienfreundlich sein mussten." Heute hat man mit politischer Inkorrektheit anscheinend kein Problem mehr, oder in zwei Worten: Donald Trump. Ihm ist es zu verdanken, dass "World Control" endlich Gestalt annahm, sagt Antunic: "Als Trump die goldene Rolltreppe hinuntergefahren ist, habe ich gesagt: Jetzt muss es raus!"
Also machte er sich an die ersten Entwürfe, bastelte immer wieder neue Prototypen, erst aus Karton, dann aus Holz, organisierte zahlreiche Testspielrunden mit sehr geduldigen Freunden und startete eine Crowdfunding-Kampagne, dank der er sein Spiel bei einer deutschen Produktionsfirma herstellen lassen konnte. 700 Spiele hat er bereits verkauft, hauptsächlich über seinen Online-Shop. Zusätzlich zu der massenproduzierten Variante stellt er auch selbst in seiner Werkstatt eine Luxus-Ausführung her mit eigens gefrästem, vertieftem Spielbrett und bedrucktem Plexiglas-Aufsatz. Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören, als er beschreibt, wie aufwändig die Herstellung ist. Deshalb schafft er auch nur etwa 30 Stück vor der Weihnachtszeit, der umsatzstärksten Zeit im Jahr. Eines davon kostet 200 bis 300 Euro, dagegen sind die 50 bis 60 Euro für die Otto-Normal-Variante ein echtes Schnäppchen. Bei den ersten Exemplaren hatte Antunic Hilfe von einem obdachlosen Straßenkünstler, den er eine Zeitlang in seiner Werkstatt wohnen ließ: "Letztendlich kommt das vielleicht luxuriöseste Brettspiel der Welt, in dem es darum geht, dass Multimillionäre um die Welt zocken, von einem armen Studenten und einem Obdachlosen", lacht er.