Im Wesentlichen ist "World Control" ein Mix aus Monopoly und Risiko, und das auch noch auf politisch. Klingt kompliziert, ist es auch. Die Kurzfassung: Der Homo sapiens ist tot, der Homo ludens schachert in Gestalt einzelner Milliardäre um das Schicksal der Welt. Was für große Verlage wie Piatnik wahrscheinlich schon ein Ausschlusskriterium wäre, ist für Antunic der springende Punkt: "Ich bin überzeugt davon, dass immer mehr Leute nach Komplexität und Tiefgründigkeit suchen." Auch oder gerade beim Spielen. Darin liegt wohl der große Unterschied zwischen massentauglichen Gesellschaftsspielen und Independent-Werken für anspruchsvolleres Publikum – leicht verdaulicher Mainstream-Pop versus Free Jazz, der sich nur jenen offenbart, die bereit sind, sich schon auch ein wenig dafür zu martern.

Homepartys

Ob aufwendiges Liebhaberspiel oder Mensch-ärgere-dich-nicht, Dungeons and Dragons oder Schere Stein Papier – gespielt wird jedenfalls nach wie vor. Und das längst nicht mehr nur zuhause, um die Kinder für ein paar Momente des Hütchen schiebenden Adrenalinrausches zu beschäftigen, sondern auch in aller Öffentlichkeit. Neben der SpielBar im Achten ist auch das Brot & Spiele ums Eck beliebte Anlaufstelle für Gesellschaftszocker. Gerade berät Mitarbeiter Andreas Puff ein junges Paar vor dem eng gefüllten Spieleregal hinter der Bar. Während die beiden sich noch nicht so recht für ein Spiel entscheiden können, ist eine Frauenrunde auf der anderen Seite der Bar in "Cards Against Humanity" vertieft, am gegenüber stehenden Tisch macht sich eine größere Gruppe gerade für ein Brettspiel bereit. 150 Mal Spaß in Schachteln gibt es hier zum Ausborgen vor Ort, darunter altbekannte Klassiker. "Activity geht immer, weil es niemand mehr erklären muss. Alle haben das mindestens schon einmal gespielt", sagt Puff. Und auch Risiko gefährdet nach wie vor regelmäßig Freundschaften.
Neben den üblichen Dauerbrennern gibt es aber auch Trends: "In letzter Zeit sind gruppendynamische Spiele sehr beliebt", meint Puff. Werwolf wäre so eines, wenn auch schon etwas älter – es ist vom Zeitvertreib in Schulbussen längst zur letzten Stimmungsrettung auf einschlafenden Homepartys geworden. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass seine ursprüngliche Zielgruppe im Schulbus nichts mehr zu suchen hat. Wer spielt, lässt sich jedoch kaum auf ein Alter einschränken, außer natürlich in der Spielanleitung. Auch wenn das Brot & Spiele als typisches Studentenlokal gilt, sitzen hier längst nicht mehr nur Frühzwanziger, um sich von der stressigen Prüfungszeit abzulenken, im Gegenteil: Sowohl jüngere als auch ältere Gäste kommen immer öfter. Und das, obwohl man dem Homo digitalis doch ein Dauerverschmelzen mit dem Bildschirm vorwirft. "Ich denke, die Leute haben im Beruf schon so viel mit Computern zu tun, dass die Freizeit nicht auch noch voll davon sein muss. Man sucht wieder stärker nach Möglichkeiten der analogen Unterhaltung", sagt Puff. Während also tagsüber online kommuniziert wird, sucht man abends wieder den echten Kontakt, ein physisches Gegenüber und teilt Emotionen nicht in Form von Emojis, sondern ärgert sich lieber von Angesicht zu Angesicht über die schlecht gemischten Karten. Eskapismus zurück in die Realität.