"Der Weise erfreut sich am Wasser", sagt eine chinesische Weisheit. Sie hätte auch aus der Feder von Sebastian Kneipp (1821-1897) fließen können. Für den findigen Weltstar der Heilkunst war das Nass jedoch nicht allein Labsal für Gemüt und Seele, sondern ewiger Quell gegen Krankheit und allerlei Wehwehchen. Als todkranker Student hatte Kneipp die heilende Kraft des Wassers für sich entdeckt und ein bis heute gültiges Erfolgskonzept formuliert. "Unten ohne" im Storchenschritt durch kniehohes kaltes Wasser schreiten und gelegentlich durchs Moor stapfen, gelten seither als Kernstück Kneipp’scher Gesundheitslehre.

Entwickelt hat der "Wasserdoktor" seine weltweit anerkannte Heilmethode Mitte des 19. Jahrhunderts im süddeutschen Bauernnest Wörishofen. Weil Frauen bei der Therapie damals ihre Röcke heben mussten, galt die Gemeinde im Allgäuer Schwabenländle als "sündiges Dorf", zählte aber 1893 schon 32.000 Kurgäste. Heute darf sich das elegante Bad Pionierstadt der Naturheilkunde nennen. Wörishofen ist eines von neun Mitgliedern, die 2018 das 40jährige Bestehen der Schwäbischen Bäderstraße feierten.

"Schuhe aus!"

Fesch schaut er aus: Barfuß, in Lederhose und mit zum Zopf gebundenen grauen Rasterhaaren könnte Toni Fenkl die optisch coole Variante des berühmten Schwaben sein. Im idyllischen Garten des zum Hotel umgebauten Dominikaner-Klosters empfängt Toni seine Gäste. In der beschaulichen Ruheoase wandelte vor mehr als 160 Jahren Sebastian Kneipp. Hier verfeinerte und vertiefte er sein Wissen, das zuvor ihn selbst und andere Kranke kuriert hatte.

"Schuhe aus und immer der Nase nach", führt der Guide seine Gäste auf Barfußpfaden in einen Aromagarten im nahen Kurpark, dessen Fläche Platz für 23 Fußballfelder Platz bietet. Wie die Duft- und Heilkräuter so wirke auch Wasser als natürlicher Reiz und fördere lindernde Reaktionen des Körpers, erklärt Toni und taucht seine Arme langsam in ein Betonbassin mit kaltem Wasser. Der "Kneippsche Espresso" rege an, aber nicht auf. Nach 30 Sekunden beendet Toni das Armbad, andere in der Gruppe schaffen gerade einmal 10 Sekunden. Ein- bis zweimal am Tag könne jeder auch Zuhause seine Arme in eine 10 bis 14 Grad kalte Wasserschüssel tauchen um richtig wach zu werden, den Herzmuskel zu durchbluten und Stoffwechsel anzuregen. Wenn das Kältegefühl spürbar wird: abbrechen. Mehr als 40 Sekunden halte es ohnehin niemand in der gefühlten "Eisschale" aus.

Unterwegs zu einem moorigen Schlammloch erzählt der Barfußführer von Kneipps Jugendjahren: Die Sommer habe der junge Sebastian oft als Viehhüter auf der Weide verbracht. Ohne Schuhe über Felder und Wiesen laufen war für ihn das Natürlichste auf der Welt. Nur die Winter setzten dem Jungen zu. Jahrelanges Weben im feuchten Keller des Elternhauses forderte schließlich seinen Tribut. Von Tuberkulose geschwächt, schreibt er sich an der Universität München für Theologie und Philosophie ein, besucht jedoch kaum eine Vorlesung. Fast am Ende seiner Kraft entdeckt der Student in der Bibliothek ein Buch, das Lungenkranken empfiehlt, morgens und abends in einem kalten Quell oder Fluss zu baden. An einem Novembertag steigt Sebastian zum ersten Mal in die eiskalte Donau. "Kaltes Wasser bringt Kraft und Frische in meinen Körper zurück", notiert er. Kneipp wird gesund und besteht sein Examen. Während Ärzte ihn des Hokuspokus bezichtigen, ist der Theologe von der Heilkraft des Wassers überzeugt und entwickelt alternative Heilmethoden.

In den Moorwannen

Als die ersten "Schwarzfußindianer" wieder aus der Moorgrube steigen und sich tapfer mit nackten Füßen über einen Steinparcours plagen, gibt Toni ganz im Sinne von Kneipp zu bedenken: "Quäle deinen Körper, sonst quält er dich." Zu viel Gesundheit sei aber ungesund. Der "kalte Halsguss" in einem Biergarten sei ganz sicher auch im Sinne des Pfarrers und Lehrers Kneipp. In geselliger Runde erfährt der Gast, dass Kneipp zwar Bad Wörishofens unumstrittene Lokalgröße ist, Rainer Werner Fassbinder das Städtchen aber hin und wieder ebenso in die Schlagzeilen bringt – meistens an dessen runden Geburtstagen. Das denkmalgeschützte Elternhaus des Filmregisseurs steht noch heute im Garten des Hotels "Sonnengarten".

Auf der 180 Kilometer langen Wellness-Straße zwischen Bad Wörishofen und Überlingen sprudelt in der "Waldseetherme" in Bad Waldsee Oberschwabens heißeste Quelle in sechs Thermalbecken. Während Sportlehrer im Gesundheitszentrum Besucher mit medizinischen Check-ups auf aktive Urlaubstage vorbereiten oder Tipps beim Wasserradeln geben, entspannen andere in 42 Grad Celsius heißen Moorwannen ihre Muskulatur. Damit der flüssige Torf seine wohltuende Wirkung auf die Haut auch nach dem Bad entfalten kann, bleibt die Seife im Kulturbeutel, nur abspülen ist erlaubt. Anschließend wandert der Badezusatz aus den Hochmooren zur Renaturierung wieder zurück ins Ried. Die mystische Urlandschaft dieser Naturschatzkammer erleben Passagiere bei einer Fahrt mit dem "Torfbähnle" in Bad Wurzach.

Im "Haus am Stadtsee" von Bad Waldsee servieren flinke Hände schwäbische Spezialitäten wie Schupfnudeln, Flädlesuppe sowie Obst und Gemüse. Zwar "predigte" auch Kneipp gesunde Ernährung, scherte sich aber einen Deibel um Diäten und Askese. "Oifach babbsadd" zu werden war aber auch nicht sein Ding: "Wenn du merkst, du hast gegessen, dann hast du schon zu viel gegessen." Gut. Aber trotzdem noch einen kleine Erdbeervariation mit Eis und einem Schuss Marillenbrand als Nachspeise. Derweil berichtet der Kurchef, dass das Projekt "Bäderstraße" keine Schnapsidee war, sondern aus einem kommunalen Schulterschluss hervor ging, der sich zunächst gegen den Lärm eines dann stillgelegten Militärflughafens richtete.

Nahezu geräuschlos und "elektrisierend" ist eine E-Bike-Tour vorbei an adretten Gärten, durch blühende hügelige Wiesen und durch kleine von Bächen durchzogene Wäldchen ins 12 Kilometer entfernte Aulendorf. Ein Seitensprung auf leisen Reifen hat hier durchaus seinen Reiz. Jenseits des Bäderradwegs öffnen sich Täler, über denen der Sommer wie Perlen im Licht flimmert.

Ins Schwäbische Oberland nach Aulendorf kommen Ausflügler erstens um zu baden wie "Gott in Schwaben" und zweitens, um zu essen und zu trinken wie die alten Rittersleut. Die Schwaben-Therme verbindet unter ihrem gläsernen Kuppel-Schiebedach auf 900 Quadratmetern ein Thermal- und Freizeitbad samt Kinderclub. Ein benachbarter Eintritt-freier Badesee mit weichem Moorwasser macht dem Mineralbad zumindest im Sommer Konkurrenz. Gleich um die Ecke des einst wehrhaften Schlosses Aulendorf, vor dem ein Mammutbaum als Geschenk von Österreichs Kaiserin Elisabeth ("Sisi") Fotobjektive auf sich lenkt, führt ein klobiges Kellergewölbe Gesundheitsbewusste auf ebenso schmackhafte wie kalorienreiche Abwege. An einer langen Rittertafel beschwört ein Mundschenk "Trunk und Gaumenfreuden" und verspricht, dass der Küchenmeister sich nicht allein auf Truthahnkeule, Landknechtsbraten oder "Herrgottsscheißerle" (Maultaschen), sondern auch auf althergebrachte Kräuter- und Gemüserezepte versteht.

Unerwünschten messbaren körperlichen Folgen einer deftigen, mittelalterlichen Tafelrunde entkommt am ehesten, wer sich am nächsten Morgen auf seinen Drahtesel schwingt und weiterradelt. Zum Beispiel nach Bad Saulgau. Täglich sprudeln dort bis zu 1,5 Millionen Liter schwefelhaltiges Wasser aus 650 Meter tiefen Quellen. Beste Aussichten für die Gesundheit warten schließlich auch am Ende der Wellness-Tour am Bodensee in Überlingen – dem badischen und jüngsten Zuwachs der "Schwäbischen" Bäderstraße.