Wie ein Stillleben sehen sie aus, wie sie da in trauter Eintracht im Abstellraum stehen, voller Erwartung auf ihren nächsten Einsatz. Doch meine Begeisterung beim Betrachten hält sich in Grenzen – Staubtuch, Staubsauger, Kübel und Lappen sind nicht unbedingt die Dinge, die ich gerne in die Hand nehme und benutze. Denn das heißt putzen und das ist definitiv nicht meine Lieblingsbeschäftigung.

Damit bin ich vermutlich nicht die einzige, aber es soll viele Menschen geben, die tatsächlich gerne saubermachen. Und da sind wir schon bei einem wichtigen Punkt: Wollen Sie es "nicht nur sauber, sondern rein" haben? Sie erinnern sich bestimmt an diesen Werbespruch, denn wenn es nach der Putzmittelindustrie geht, dann dürfen Staub, Schmutz, Bakterien, Keime und was sonst noch alles in unserem Heim Unterschlupf gefunden hat, keine Chance auf Überleben haben. Dass alle diese Dinge aber weit zäher sind als wir denken, und die Hersteller bestens an unserer Sisyphus-Arbeit verdienen (Was denken Sie, wo Schmutz und Co herkommen? Kaum betreten wir unsere Wohnung oder unser Haus oder öffnen ein Fenster, bringen wir all das herein, was wir dann akribisch wieder entfernen – und das stets von Neuem.) kommt uns nur selten in den Sinn.

Außerdem zeugt es doch von unserer Begeisterung für Sauberkeit und von unserem Wissen rund ums Putzen, wenn wir stolz auf die Riege der verschiedenen Hilfsmittel blicken können, eines für jedes Problem von Kalkflecken über Schimmel bis zu Rost oder Fett. Und natürlich gegen die Rotweinflecken im Teppich und die matte Oberfläche unserer Holzmöbel. Und all die technischen Gerätschaften, die wir angeschafft haben, ums uns das Putzen zu erleichtern (die das meistens aber nicht tun und nur Platz wegnehmen)…

Jedenfalls legen nahezu alle Wert auf Sauberkeit, das bedeutet, dass es zumindest oberflächlich in Ordnung aussieht, die, die dagegen auf Reinheit setzen, kämpfen mit harten Bandagen wie Chlor und Desinfektionsmitteln gegen alles, was nur irgendwie nach Schmutz aussieht. Dass dadurch aber die Oberflächen von Möbeln und Sanitäreinrichtungen oder Fußböden leiden, weil durch den Dauereinsatz der Chemiekeule deren Struktur porös wird und somit Staub und Co wesentlich mehr Möglichkeiten bietet, sich festzusetzen, kommt vielen wahrscheinlich erst zu spät in den Sinn.

Philosophischer Universalreiniger

Egal zu welcher Kategorie wir nun gehören, wir nehmen also in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen besagte Utensilien zur Hand, ziehen vielleicht sogar noch Gummihandschuhe an und machen uns ans Werk. Oder wir geben zu, dass uns das alles nicht interessiert und außerdem nervt und wir sowieso keine Zeit dafür haben und beschäftigen eine Putzfrau. Dieses Geschäft ist immer noch vorwiegend in weiblicher Hand (männliche Nacktputzer, die ihren Auftritt meist am Junggesellinnenabend haben, aber in Sachen Putzen nicht sehr effizient sind, zählen nicht), worüber sich Nicole Christine Karafyllis Gedanken gemacht hat. Unter anderem, muss man dazusagen, denn die bekennende "Ich putze gerne selbst"-Dame hat zum Thema Schmutz, Putzen und Argumente finden, warum man gerne selbst putzt, so einiges zu sagen. Karafyllis hat Biologie und Philosophie studiert (ja, eine interessante und ungewöhnliche Kombination) und ist Professorin für Philosophie an der Technischen Universität Braunschweig mit den Schwerpunkten Wissenschafts- und Technikphilosophie.

Dass sie dadurch auf erwähnte Thematik kommt, scheint also nicht allzu weit hergeholt. Aber wie weit man in diesem Fall den Bogen spannen kann, ist interessant. Auf das Buch "Putzen als Passion. Ein philosophischer Universalreiniger für klare Verhältnisse" bin ich gekommen, weil ich gerade keine Lust auf Putzen hatte und lieber das Internet nach diesem Schlagwort durchsuchte. Da kommen zuerst viele Seiten mit hilfreichen Putztipps für Anfänger und Fortgeschrittene, etwa dass man oben beginnen soll (macht ja auch Sinn, denn wenn ich zuerst den Boden reinige und dann erst Staub wische – das muss ich ja wohl nicht näher ausführen…), dass man Essigessenz und Zitronensäure vorsichtig und nicht überall einsetzen soll (siehe das Problem mit den porösen Oberflächen) oder dass Aufwaschen mit der Hand sinnvoller und effektiver ist als mit dem Wischmopp (aber zugegebenermaßen auch anstrengender – doch das kann man ja auch als körperliche Ertüchtigung sehen und sich somit eine Stunde im Fitnesscenter ersparen).

Und wer weitersucht, findet auch jede Menge Bücher zum Thema Putzen. Aus denen kann ich bestimmt noch viel dazulernen, denke ich, vielleicht auch, wie ich aus dieser Tätigkeit mehr Freude gewinnen kann. Oder sogar Erleuchtung! Denn neben den vielen Ratgebern zu natürlichen Putzmitteln, wie ich die Arbeit am schnellsten/effizientesten erledige und so weiter, gibt es auch einige wenige, die sich demThema von der Seite des Zen-Buddhismus nähern.

Jüngst fühlte sich Shunmyo Masuno dazu berufen, den Menschen nahezubringen, was tatsächlich hinter und in der Tätigkeit des Putzens steckt. Der Tempelpriester des Soto-Zen-Klosters Kenko-ji ist in seinem weltlichen Leben Professor an der Tama Art University, gilt als Japans führender Gartenbauarchitekt und ist Präsident eines international tätigen Garten-Design-Unternehmens. Und Meister des Putzens. Er will uns auf 192 Seiten zeigen, wie man aus den alltäglichen Pflichten ein sinnvolles, freudiges Tun macht, selbst beim meist ungeliebten Putzen und Aufräumen bei sich selbst sein und sein Herz klären und wieder strahlen lassen kann. Seiner Grundidee nach (und auch der des Zen-Buddhismus) wird jeder Mensch mit einem reinen Herzen geboren, einem "Herz ohne Wolken". Im Laufe des Lebens wird es jedoch verunreinigt und damit umwölkt. Putzen und aufräumen sind daher symbolische Handlungen im Zen, um den Geist wieder zu reinigen und sein Inneres aufzuräumen.

Masuno beschreibt den Alltag im Kloster und wie die jungen Schüler lernen, richtig zu putzen, ohne dabei ein einziges Wort zu sprechen, wie sie im Augenblick verharren, die Gedanken ziehen lassen und so der (möglichen) Erleuchtung Raum geben. Ob ich allerdings noch früher aufstehen kann als ich es sowieso schon tue, um ein wenig zu putzen, so wie es Meister Masuno rät, wage ich allerdings zu bezweifeln. Nach einigem Nachdenken komme ich aber zu der Erkenntnis, dass ich das dahinterliegende Prinzip nicht verstanden habe – es ist wie eine Mini-Meditation, die unter anderem meinen Kopf freimachen und den Weg für den Tag bereiten soll.

Plötzlich geht die berühmte Glühbirne über meinem Kopf an: War das eben eine Erleuchtung? Doch der Zweifler in mir erhebt bereits seine Stimme: "So einfach kann das doch nicht sein!" "Doch, kann es", flüstert mir ein imaginärer Zen-Mönch zu. Und um dem Zweifler in mir zu beweisen, dass er diesmal nicht Recht hat, greife ich zum Staubtuch und fange einfach an. Es ist zwar nicht früher Morgen, aber ich bin überzeugt, dass ich trotzdem auf dem Weg zur Erleuchtung bin …

Einfach liegen lassen

Eines habe ich dabei jedoch außer Acht gelassen: Wer effizient putzen will, sollte vorher aufgeräumt haben, denn je weniger Dinge herumstehen oder -liegen, desto einfacher wird die ganze Sache. Soll ich also das Staubtuch wieder aus der Hand legen und zuerst Ordnung ins Chaos des Alltagslebens bringen? Das ist ja wieder eine Wissenschaft für sich, deren bekannteste Vertreterin auch aus Japan kommt. Marie Kondo weiß, wie man aufräumt und ausmustert und diesen Zustand aufrecht erhält. Mit ihrer Methodes des Zusammenrollens von T-Shirts kann ich mich allerdings nicht so richtig anfreunden…

Aber Sinn macht es grundsätzlich natürlich schon und weniger Arbeit beim Putzen auch, wenn man sich um weniger Dinge kümmern muss. Jennifer McCartney hat da jedoch ganz andere Ansichten und ist überzeugt, dass Aufräumen das Leben sicher nicht verbessert. Das ist auch der Untertitel ihres Buches "Lass den Scheiß doch einfach liegen", ein Werk, das Sauberfrauen und -männer – wenn überhaupt – höchstens mit einem verächtlichen Blick bedenken werden, geschweige denn es in die Hand nehmen.

Doch was zuerst nach Affront und Übertreibung klingt, ist bei genauerem Lesen ein 126 Seiten langer Exkurs darüber, was wir uns antun, wenn wir horten, alles herumliegen lassen und unordentlich sind. Amüsant zu lesen ist es allemal. Und es hält einen sowohl vom Aufräumen als auch vom Putzen ab. Damit bin ich zwar wieder einmal dieser ungeliebten Tätigkeit entwischt, aber ganz sicher auch vom Pfad zur Erleuchtung abgekommen.

Ich seufze und starre das Staubtuch an, das immer noch darauf wartet, das tun zu können, wofür es gemacht wurde. Wofür es allerdings mich braucht, denn ohne meine führende Hand kann es kein Bücherregal abstauben. Letztendlich gewinnen das schlechte Gewissen und die Hoffnung, durch das Konzentrieren auf den Moment und das schlichte Tun das Rundherum vergessen zu können, eine tiefe innere Befriedigung aus dem Verrichten zu erlangen und der Erleuchtung hoffentlich einen Schritt näherzukommen – eine Win-Win-Situation für die Wohnung, mich und eventuelle Besucher…