"Ich sitze im Kaffeehaus, habe etwas Hübsches gelesen, bin wohlauf." Als Franz Kafka an einen Freund schrieb, saß er im Prager Grand Hotel "Erzherzog Stephan". Das 1904 zuletzt erneuerte Jugendstil-Gesicht des heutigen Grand Hotels "Europa" am Wenzelsplatz hat Falten und Narben. Die Zeitzeichen aus einer Ära, in der die Habsburgermonarchie und erste tschechoslowakische Republik zu Ende gingen, verschwinden derzeit unter den Baumaschinen einer Generalsanierung. Voraussichtlich 2020 soll das heruntergekommene Prachtstück als Luxushotel wiedereröffnet werden. Für die Bevölkerung, insbesondere für tschechische und deutschsprachige Schriftsteller, waren Cafés, Lesesäle, Studierzimmer und Kneipen ergiebige Informationsbörsen.

Literaten-Pool
Franz Kafka, Max Brod, Egon Erwin Kisch, Jaroslav Hasek und Bohumil Hrabal haben zwischen Hradschin und Wenzelsplatz Prager Geschichte(n) geschrieben, haben dem Sturm und Drang am Ufer der Moldau zwischen Buchdeckeln Denkmäler gesetzt. Im Spiegelsaal des Hotels Europa, wo Kafka 1912 seine erste und einzige öffentliche Lesung hielt, lasen zuletzt Literaturfreunde aus Kafkas "Das Urteil" und rezitierten tschechische Lyrik. Zwar gestattet das "Europa" derzeit nur eine Außenansicht, mit Romanen und Anekdoten im Rucksack folgen sie aber immer noch literarischen Spuren zwischen Kneipe und Kaffeehaus: authentische Leseplätze in einer fast vergessenen Prager Welt in schmuddeligen Hinterhöfen, pompösen Lokalen und finsteren Gassen abseits der Touristenpfade.

Zum Beispiel das Wirtshaus "Zlato týgra". "Ich bin im Goldenen Tiger und schreibe", notierte Bohumil Hrabal ("Leben ohne Smoking"). Der mit dem ehemaligen Dramatiker und Staatspräsidenten Vaclav Havel wohl bekannteste tschechische Schriftsteller der Gegenwart verbrachte nahezu sein halbes Leben in der einst verqualmten, heute aufgehübschten Kneipe – bis er sich 1997 im Alter von 82 Jahren angeblich aus dem Fenster eines Sanatoriums stürzte.
Wie vor über 20 Jahren ist es selbst nachmittags schwer, eine freie Holzbank zu ergattern. An Stammtischen bechern Totengräber, Künstler, Müllfahrer und Touristen. Auch Professoren, deren Äußeres hartnäckig einen Rückschluss auf deren berufliche Profession verweigert, haben Schaum vor dem Mund. Man diskutiert, resümiert, schwadroniert. Bier für Bier schäumt das Temperament der redseligen Gesellschaft über und steigert den Lärmpegel auf das respektable Niveau von Marktschreiern. Wenn Milan Kundera Hrabal "den größten Literaten der Tschechen" nannte, dann meinte er damit nicht den großen Trinker und Gasthaussitzer, sondern den Schriftsteller der "brutalen Zärtlichkeiten". Im "Goldenen Tiger" schnappte der beobachtende und lauschende Hrabal Wortfetzen auf und formulierte daraus ein literarisches Mosaik. "Dort ist meine Gesellschaft, das ist mein Ritual", schrieb der gelernte Jurist und gebildete Dandy, der sich als Prolet mit offener Hose gab und seine Suppe am liebsten in Armenkneipen einbrockte.