Eines der weniger bekannten Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm heißt "Brüderchen und Schwesterchen". Es ist eines der Märchen, von dem nicht jeder bereits fertige Vorstellungen im Kopf hat, weil es schon tausendfach gezeichnet oder verfilmt worden wäre. Es setzt in dem schlichten Ton ein, der für Märchen charakteristisch ist: "Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand und sprach: ‚Seit die Mutter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr. Die Stiefmutter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kommen, stößt sie uns mit den Füßen fort. Komm, wir wollen miteinander in die weite Welt gehen.‘"

Mit diesem einfachen und klaren Anfang betreten der Geschichtenerzähler und seine Zuhörerschaft ihre ganz eigene Welt, eine Welt, die niemals den Anspruch auf irgendeine Art von Realismus erhebt, aber gerade deswegen der kindlichen Realität näherkommen kann als irgendeine andere Erzählform. Denn, betont Bettelheim, gerade in der Kindheit ist die Welterfahrung des Menschen chaotisch und schwer zu ordnen. In dem Klassiker "Kinder brauchen Märchen" schreibt er: "Wie wir alle steckt auch das Kind ständig in einem Hexenkessel widersprüchlicher Gefühle. Während aber die Erwachsenen gelernt haben, diese Empfindungen zu integrieren, wird das Kind mit diesen Ambivalenzen in sich selbst nicht fertig. Es erlebt den Aufruhr von Liebe und Haß, Wunsch und Furcht als unbegreifliches Chaos."

Bettelheim selbst wird genügend Erfahrungen mit dem Hexenkessel widersprüchlicher Gefühle gehabt haben. 1903 kam er in Wien als Sohn einer Fabrikantenfamilie zur Welt und hatte schon als Gymnasiast Kontakt mit der jungen psychoanalytischen Bewegung. Im Jahr 1938 schloss er an der Universität Wien ein Studium der Philosophie ab, wurde wenig später verhaftet, ins KZ Dachau eingeliefert und von dort bald ins KZ Buchenwald überstellt. In Buchenwald begegnete er dem Mithäftling Ernst Federn, ebenfalls ein Psychoanalytiker aus Wien. Um zu überleben, begannen die beiden, sich mit einer Psychologie des Terrors zu befassen, an der sie weiterarbeiteten, nachdem sie durch das Engagement von Freunden in den USA freikamen und zur Emigration gezwungen wurden.

Die Erfahrungen im KZ sollte Bettelheim zeitlebens als grundlegend für die Existenz in der modernen Massengesellschaft ansehen. Jahrelang notierte er gemeinsam mit Schicksalsgenossen akribisch das Erlebte, ehe er sich im Jahr 1960, gut zwanzig Jahre nach der Flucht, imstande sah, seine Analysen in einem Buch zusammenzufassen. In der – erst 1980 erschienenen – deutschen Übersetzung trug es den Titel: "Aufstand gegen die Masse. Die Chancen des Individuums in der modernen Gesellschaft".