Missoni und Dory, die beiden Grünen Meeresschildkröten, die eigentlich nicht grün gefärbt sind, sondern grau-orangefarben, zögern keine Sekunde. Kaum sind sie am Thai-Muang-Strand in der thailändischen Provinz Phang Nga in den Sand gesetzt, kennen die beiden Tiere nur noch eine Richtung. Sie pflügen sich geradeaus durch den Sand und steuern zielsicher das weiß schäumende Wasser der Andamanensee an, das hier rhythmisch auf den Sand schwappt. Dabei haben die beiden Schildkröten das Meer bislang noch gar nicht kennengelernt, sondern die etwa acht Monate ihres bisherigen Lebens ausschließlich in einem kleinen Becken verbracht.

Missoni und Dory, zwei Grüne Meeresschildkröten, auf dem Weg in die Freiheit. - © Florian Flieger
Missoni und Dory, zwei Grüne Meeresschildkröten, auf dem Weg in die Freiheit. - © Florian Flieger

Dieses Becken befindet sich im Phang Nga Coastal Fisheries Research and Development Center, einer Einrichtung des thailändischen Fischereiministeriums. Dort sind die beiden Schildkröten untergebracht worden, nachdem sie an einem gesicherten Ort aus ihren Eiern geschlüpft waren. Diese haben Mitarbeiter des Schildkrötenschutzprojektes, das in dem Zentrum angesiedelt ist und von der Provinz Phang Nga finanziert wird, auf den Similian- und den Surin-Inseln eingesammelt. In den Naturschutzgebieten auf diesen Inseln wären die Eier zwar nicht von Menschen bedroht gewesen, die solche Schildkröteneier sammeln und essen, aber möglicherweise wären sie bei Sturm und hohem Seegang vom Meer weggespült worden. Seit es in Thailand immer weniger Meeresschildkröten gibt, will man das verhindern.

"Die Tiere sind bedroht, durch die Verbauung der Küsten, aber auch durch die großen Fischereiflotten vor unseren Küsten und entlang der Schwimmroute der Tiere, bei denen die Schildkröten häufig als Beifang im Netz landen", berichtet Nipon Seanin, der Leiter des Schutzprojekts. Als das Schildkrötenschutzprogramm vor elf Jahren gestartet worden war, gab es in Thailand noch fünf verschiedene Arten von Meeresschildkröten, eine davon, die Unechte Karettschildkröte, ist seither bereits verschwunden. Der Biologe Nipon Seanin, der in seinem Zentrum immer wieder auch verletzte Schildkröten aufnimmt, sorgt sich, dass bald weitere Arten folgen könnten. Zumindest bei den Grünen Meeresschildkröten will er dem entgegenwirken, indem die Jungtiere in Salzwasserbecken durch die kritischen Monate gebracht werden.

Schildkröten schwimmen weite Strecken, von Thailand geht es zuweilen bis auf die Philippinen, nach Indonesien und sogar nach Australien, doch irgendwann, meist nach zehn bis fünfzehn Jahren, kehren sie wieder dorthin zurück, wo sie geboren wurden – und legen dort ihre Eier in den Sand. Ob und wann Missoni und Dory den Thai-Muang-Strand wieder ansteuern, das will Nipon Seanin herausfinden. Deshalb ist den beiden Tieren ein Chip implantiert worden, der es ermöglicht, ihren Aufenthaltsort festzustellen, vorausgesetzt, sie befinden sich in der Nähe der thailändischen Küste.