"Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht." Diese Erkenntnis von Johann Wolfgang von Goethe lässt sich trefflich auf das jüdische Rom – auf Rom überhaupt – anwenden. Rom ist eine überwältigende Stadt, die dermaßen viele Lebenswege und Geistesrichtungen in sich vereint, dass jeder Besuch nur einen winzigen Eindruck von der hier versammelten universalen Menschengeschichte vermitteln kann. Folgt man in Rom den verschiedenen roten Fäden, die durch die Jahrhunderte verlaufen, so eröffnen sich immer wieder ganz neue Perspektiven auf eine sehr alte Stadt, eine besonders faszinierende ist jene des jüdischen Roms.

Das Ghetto
Für die jüdische Bevölkerung Roms, die größte jüdische Gemeinde Italiens, die heute über die ganze Stadt verteilt lebt, ist das ehemalige Ghetto nach wie vor ihr kultureller und emotionaler Bezugspunkt. Es ist der Ort des kollektiven Gedächtnisses. Hier finden sich die jüdischen Familien abends und für Feste zusammen. Das Ghetto, dessen Kern rund um die Via del Portico d’Ottavia auch einfach La Piazza genannt wird, ist zu einem der touristischen Hotspots der Stadt geworden – für Reisende aus den USA und Israel ebenso wie für interessierte Kulturtouristen aus aller Welt.

Gerade erlebt das Ghetto eine Gentrifizierung. Die Häuser, deren Bausubstanz teilweise auf Antike und Mittelalter zurückgeht, galten in den vergangenen Jahrzehnten nicht als erstrebenswerte Wohnlagen in Rom. Jetzt sind viele der ehedem heruntergekommenen Häuser renoviert worden, die Gegend avancierte zu einem der Zentren des römischen Nachtlebens mit trendigen Cafés und Restaurants. Vor kurzem hat die jüdische Gemeinde zwei der drei jüdischen Schulen von Trastevere in ein großes Gebäude im Ghetto verlegt. "Jetzt gibt es viele junge Menschen hier. Nach der Schule bevölkern sie die Straßen, wo vorher nur alte Menschen zu sehen waren, aber wir müssen uns leider dem Problem der Sicherheit stellen", sagt Mario Venezia, der Präsident des Shoa-Museums, welches sich ebenfalls im Ghetto befindet. "Früher haben die Eltern, wenn sie ihre Kinder in die Schule gebracht haben, diese nur schnell aus dem Auto springen lassen und sind weitergefahren. Jetzt aber parken sie in der Nähe der Synagoge, besuchen die Geschäfte und die koscheren Restaurants. Das ist eine lebendige Gegend, eine Gegend mit Kulturangebot, gut besucht von Touristen, die wegen der Küche hierherkommen und wegen der Produkte, die hier zu finden sind."

In der koscheren Bäckerei Boccione werden nachmittags, nach 16 Uhr, die berühmten bruscolini, gesalzene und geröstete Kürbiskerne, noch warm in Papiertüten verkauft. Ein urrömischer Snack, war doch das Knabbern von Kürbiskernen traditionell sehr beliebt in der Stadt. In der Bäckerei, deren Name durch kein Schild ersichtlich ist, wird auch die legendäre süße pizza ebraica, die jüdische Pizza, aus einem mürben Teig mit kandierten Früchten, Pinienkernen, Mandeln und Weintrauben so lange gebacken, bis sie an den Rändern und am Boden schwarz ist.

Einige Schritte weiter befindet sich auch eine österreichische Konditorei. Seitdem sein Großvater Luigi Ceccarelli im Jahr 1922 die Osteria Giggetto am Portikus der Octavia erwarb, lebt die Familie von Stefano Ceccarelli im Ghetto. Er selbst bäckt in seiner Pasticceria Austriaca Torten. Gelernt hat er das unter anderem in Wien im Hotel Regina und in Klagenfurt im Hotel Musil. Aus Butter, Schokolade und Eiern von Freilandhühnern und viel biologischem Mehl entstehen täglich traditionelle Backwaren am Portikus der Octavia. "Die torta di ricotta e visciole, die Dobostorte und die Sachertorte sind wichtige Produkte von La Dolceroma, ebenso wie das Vollkornbrot", erzählt Ceccarelli.

Nach Trastevere
Über die Tiberinsel, wo sich ein jüdisches Krankenhaus befindet, geht es vom Ghetto nach Trastevere. Schon im 2. Jahrhundert v. Chr. wohnten Juden im heutigen Stadtteil Trastevere. Der Grund dafür ist, dass das antike Rom aus dreizehn Vierteln bestand, die eine aus der Sicht der römischen Religion heilige Zone darstellten, das Viertel Trastevere jedoch befindet sich jenseits des Tibers. Hier konnten sich auch die Juden niederlassen.
In Trastevere wurde auf Betreiben des Barons Giorgio Levi delle Trezze und seiner Frau Xenia 1902 ein Waisenhaus gegründet. Zwischen 1927 und 1929 erfolgte ein großangelegter Neubau nach Plänen des Architekten Dario Del Monte, in dem fortan auch Mädchen aufgenommen wurden. In den 1930er Jahren, vor der Einführung der Rassengesetze, beschloss das Ehepaar Giuseppe und Violante Pitigliani, das kinderlos geblieben war, seinen Besitz dem jüdischen Waisenhaus zu vermachen, unter der Bedingung, dass dieses ihren Namen tragen sollte. Im Pitigliani wurden auch Kinder aus anderen Städten aufgenommen. 2008 wurde das Pitigliani nach einer umfassenden Renovierung wieder zu einem Zentrum des jüdischen Lebens in Rom. "In Italien gibt es kein zweites Zentrum dieser Art", sagt Pitigliani-Direktorin Ambra Tedeschi, "wir bieten ein umfassendes Service für die Gemeinde hier, mit Gruppen von Senioren, Sportgruppen und Kindergruppen für Zwei- bis Sechzehnjährige. Hilfe bei den Hausübungen, Theateraufführungen, Tanz und Keramikarbeit stehen bei uns auf dem Programm."

Rosengarten der Stadt Rom
Der Rosengarten von Rom soll einer der schönsten der Welt sein. Der Blick zwischen den Rosenstöcken am Aventinhügel hin auf den Circus Maximus und die Ziegelmauern des Palatin ist tatsächlich überwältigend. Er reicht weit, bis zum Monte Mario. Dort, wo heute der Rosengarten ist, befand sich 300 Jahre lang der jüdische Friedhof. Im Jahr 1645 kaufte die Jüdische Gemeinschaft der Barmherzigkeit die Parzellen auf dem Aventin für dessen Einrichtung.
An die Zeit als jüdischer Friedhof erinnern heute nur eine einzige Stele und die Form, in der die Rosenstöcke gepflanzt sind – die Form der Menorah. Von oberhalb der Treppe in der Mitte aus ist die Menorah gut erkennbar. Im Rosengarten sind etwa 1100 verschiedene Sorten gepflanzt, alte und neue, aus der ganzen Welt, aus dem Fernen Osten, Südafrika, Neuseeland und dem amerikanischen Kontinent.

"Von 1645 bis 1934 war hier der jüdische Friedhof", erzählt Salvatore Ianni, der den Rosengarten leitet und während der Blütezeit der Rosen sehr kundige Führungen anbietet, "dann forderte der damalige Gouverneur der Stadt, Fürst Francesco Boncompagni Ludovisi, die Juden auf, den Friedhof auf den Verano zu verlegen, denn hier sollte eine Prachtstraße entstehen, um das zwölfte Jubiläum des Marsches auf Rom zu feiern." Bei der jüdischen Gemeinde stieß der Vorschlag auf Widerspruch, denn einen Friedhof zu berühren ist ein Sakrileg. Ianni: "Tatsächlich aber geriet der Bereich des ehemaligen jüdischen Friedhofes in Vergessenheit. In den Jahren 1941 bis 1943 wurde hier Gemüse angebaut, statt eines Rosengartens war es ein Kriegsgarten."

Settimia Spizzichino-Brücke
Die Brücke bei der U-Bahnstation Garbatella, welche die beiden Stadtteile Ostiense und Garbatella verbindet, ist Settimia Spizzichino gewidmet, der einzigen Frau, die die Deportation aus dem Ghetto und die Gefangenschaft in Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hat. Settimia Spizzichini wurde am 15. April 1921 als fünftes von sechs Kindern im Ghetto geboren. Am 16. Oktober 1943 wurde sie zusammen mit ihrer Mutter, zwei Schwestern und einer kleinen Nichte in ihrer Wohnung in der Via della Reginella verhaftet und deportiert: "Wir hörten auf deutsch gebrüllte Befehle. Aus den Fenstern der Häuser wurde gerufen: ‚Sie holen die Juden, sie holen sie alle.‘ Es war inzwischen klar, dass die Deutschen sich nicht darauf beschränkten, die arbeitsfähigen Männer mitzunehmen, sondern alle mitnahmen, von den Alten bis zu den Neugeborenen."

Settimia Spizzichino kehrte am 11. September 1945 um drei Uhr nachmittags zurück nach Rom, in ihre Wohnung in der Via della Reginella: "Wenig später war die Wohnung voller Leute, die kamen, um mich willkommen zu heißen. Viele kamen und fragten nach Verwandten und Freunden. Leider hatte ich für keinen gute Nachrichten. ‚Ich weiß nicht! Ich habe sie aus den Augen verloren. Viele von ihnen haben das Gedächtnis verloren, ihr werdet schon sehen, früher oder später kehren sie zurück.‘ Doch ich war eine der letzten Personen, die zurückkehrten; nach mir kamen nur noch drei oder vier Personen."
Settimia Spizzichino wird zu einer der wichtigsten Zeitzeuginnen. Sie erzählt immer wieder von ihren zwei Jahren in Deutschland und Polen. Sie berichtet Journalisten, Politikern und Schülern, mit denen sie Trauerfahrten nach Auschwitz unternimmt. Am 3. Juli 2000 stirbt Settimia Sizzichino, die Brücke zwischen Ostiense und Garbatella wird 2012 nach ihr benannt.