Vielleicht wäre es hilfreich, zwischen psychischem Gleichgewicht und Glück zu unterscheiden. Beides ist erstrebenswert, für die meisten von uns. Aber wenn ich mich für eines der beiden Gefühle entscheiden müsste, würde ich mich für Glück entscheiden.

Dafür muss ich kurz ausholen. Als mich ein Redakteur per Mail gefragt hat, ob ich einen Artikel über psychisches Gleichgewicht schreiben möchte, habe ich erst einmal gelacht. Später, am Abend, habe ich meinem Mann davon erzählt, er hat auch gelacht, es klang ein bisschen verzweifelt. Warum?

Es gibt einen Faktor in unserem Leben, ein, oder genauer gesagt zwei kleine Details, die Ausgeglichenheit gerade ein bisschen schwierig machen: Ich habe eineinhalb Jahre alte Zwillinge. Die beiden sind erstaunlich ruhige, zufriedene und fröhliche Kinder. Aber es sind eben zwei. Und sie sind noch sehr klein.

Arbeiten zwischen Kinderbüchern und Graffitis

Von den Nächten wollen wir gar nicht erst reden. Nachteulen, frage nicht!
Tagsüber finden sie es lustig, auf Tische und Regale zu klettern, sich alles in den Mund zu stecken, was so bei uns herumliegt – und das ist nicht gerade wenig – und unsere vormals weißen Wände mit expressionistischen Graffitis zu verzieren. Eineinhalbjährige halt. Alles ganz normal. Und mit ein wenig Distanz betrachtet eigentlich auch ziemlich lustig.

Und dann gibt es auch noch unser großes Kind, das uns auch noch braucht. Dabei helfen uns weder Großeltern noch bezahlte Babysitter. Kindergartenplätze haben wir noch nicht. Mein Mann ist in Karenz, sitzt aber oft abends oder wenn die Kinder mittags schlafen, mit dem Laptop an unserem mit angeknabberten Kinderbüchern übersäten Esstisch und arbeitet.

Schöne neue Arbeitswelt. Auch ich arbeite so viel es geht, manchmal spät abends noch, immer auch am Wochenende. Seine Karenz will ich nutzen, so gut ich kann, denn ich bin selbständig – also ohne jegliche finanzielle Sicherheit – in einer notorisch unterfinanzierten Branche, die in der Zukunft angeblich Roboter übernehmen sollen.

Aber ich will gar nicht jammern. Ich bin alt genug, um zu wissen, dass jeder sein Packerl zu tragen hat im Leben. Ich weiß auch, dass unsere Familie in Wahrheit privilegiert ist, da ich mir meine Arbeitszeit frei einteilen kann, was ein bisschen Stress herausnimmt aus dem Alltag und weil wir beide überhaupt die Möglichkeit haben, monatelang in Karenz zu gehen und Zeit mit unseren Kindern zu verbringen.

Gleichgewicht im Gegenwind

Dass wir besonders viel zu tun haben, glaube ich nicht, zumindest nicht mehr als andere Menschen. Manche sind sogar stolz auf diesen Stress, andere jammern publikumswirksam auf Twitter oder Instagram über ihre doppelbelastete Überforderung. Viel um die Ohren zu haben scheint heute der Normalzustand zu sein. Alles zu schnell irgendwie. Alles zu viel.
Auch mein Alltag ist vollgestopft, Zeit für mich selbst habe ich so gut wie nie. Ich habe auch keine Zeit, darüber nachzudenken, wie es mir geht.

Ich bin manchmal traurig, manchmal wütend, manchmal beides gleichzeitig. Aber nichts Dramatisches, ganz sicher nichts, was einer therapeutischen Intervention bedürfte. Ich bin zufrieden und ziemlich begeisterungsfähig, lache gern und kann mich in großem Stil über Kleinigkeiten freuen. Eine sehr gute Freundin sagt, ich sei die glücklichste Pessimistin, die sie kennt. Aber eines bin ich meiner Meinung nach nicht: besonders ausgeglichen.

Denn das hieße wohl, stoisch wie ein buddhistischer Zen-Mönch dem Gegenwind zu trotzen, der uns im Leben nun einmal entgegenpfeift. In sich zu ruhen. Aber ruhig ist bei mir momentan gar nichts.

Es gibt eine messbare Definition von psychischem Gleichgewicht. Es existiert keine winzige Waage, die uns anzeigt, wann wir uns mit unseren Launen zu sehr in die eine oder andere Richtung neigen. Seelische Ausgeglichenheit ist nur ein Konzept, eine Vorstellung.

Die mir zurzeit ziemlich unrealistisch erscheint. Meinen Freundinnen und Freunden geht es ähnlich – egal ob mit oder ohne kleine oder große Kinder, ob mit oder ohne fordernden Job. Seelische Unausgeglichenheit scheint eine typische Krankheit unserer Zeit zu sein. Vielleicht liegt es an den vielen Ablenkungen, die uns Handys, Tablets und Laptops entgegenschreien, an den vielen Rollen, die wir gleichzeitig erfüllen wollen, am selbstoptimierten Perfektionismus oder dem aktuellen Chaos der Weltpolitik, in der wieder psychotische Machos das Sagen haben.

Achtsame Plastikmatten

Aber wo es ein Wehwehchen gibt, da gibt es im Kapitalismus immer auch ein – möglichst lukratives – Gegenmittel. Da gibt es die Lösungen die ziemlich viel Eigeninitiative und Disziplin erfordern, wie jeden Tag Yoga zu machen oder Meditationsretreats zu besuchen, in denen man für viel Geld tagelang den Mund halten darf. Darauf haben natürlich viele keine Lust, oder sie haben keine Zeit, oder einen zu dominanten inneren Schweinehund.

Für die bietet die Warenwelt schnellere Lösungen, die man bequem online shoppen könnte. Psychisches Gleichgewicht verspricht zum Beispiel eine hässliche, sogenannte Karma-Matte aus Plastik, die negative Energien ausgleichen soll und mehr kostet als eine ganze neue Couch. Oder bunte Balancier-Steine – sechs Stück für dreißig Euro – "für einen Moment der Ruhe und Achtsamkeit".
Sicher, man könnte auch – Huch! – rausgehen an die frische Luft, in die Berge zum Beispiel und – Hilfe! – echte Steine in die Hand nehmen. Aber es ist natürlich einfacher, den kleinen Button mit dem Einkaufswagen anzuklicken.

Und dann gibt es noch die Instagram- oder YouTube-Gurus, die ganze Stadthallen füllen. Ihre Zuschauerinnen und Zuschauer zahlen hundert Euro Eintritt dafür, dass ihnen eine autodidaktisch in Seelenheil geschulte Influencerin erzählt, dass sie sich einfach mal locker machen sollen.

Dunkles Geheimnis

Ziemlich lächerlich das alles. Aber wenn’s hilft? Völlig immun bin ich leider auch nicht gegen solche Heilsversprechen. In der hintersten Ecke meiner Wohnung versteckt, sicher verborgen vor den Blicken sarkastischer, von Haus aus total ausbalancierter Besucherinnen und Besucher, liegen sie und sind mir furchtbar peinlich: Selbsthilfebücher. Ja, das sind diese Wälzer aus der Ratgeber-Abteilung im Buchladen, mit dämlichen, oft unfreiwillig komischen Titeln und hässlichen Covern (viele Sonnenblumen und Herzchen, meistens was mit Natur).

Ein paar von ihnen habe ich in den letzten Jahren gelesen. Im Großen und Ganzen empfehlen all diese Bücher dieselben banalen Binsenweisheiten, die schon meine Oma kannte.

Erstens: Bewegung, am besten an der frischen Luft.

Zweitens: Reden, am besten mit einem Menschen, der gut zuhören kann und einen nicht gleich mit Ratschlägen erschlägt. 

Drittens: Atmen und meditieren – oder auch einfach nur atmen, ruhig und tief. Wer gar nicht atmet, hat vermutlich ganz andere Probleme.
Viertens: Schreiben, am besten regelmäßig und in ein Tagebuch, dann kann man es später noch einmal lesen. Vielleicht lernt man sogar etwas dazu.

Warum sind dann manche Leute, die nie meditieren, gar nicht auf die Idee kommen, in ein Tagebuch zu schreiben und vielleicht nie in ihrem Leben spazieren gehen, total zufrieden, ausgeglichen und tiefenentspannt? Warum zucken auch Yogalehrerinnen manchmal völlig aus? Wahre Geschichte, ich habe es mit eigenen Augen gesehen.
Ob man innerlich wirklich eine gewisse Balance halten kann, merkt man, glaube ich, erst in Stresssituationen oder wenn Probleme auftauchen. Fachleute sprechen von Resilienz, es ist ein Modewort unserer Zeit.

Stresstest

Ein ganz normaler Tag bei uns zu Hause. Mein großes Kind hat Übernachtungsbesuch von ihrer Cousine, die beiden stellen beim Baden fest, dass sich die Wanne durch ihre anatomische Form bestens als Rutsche eignet – das Zimmer steht unter Wasser, die Kinder lachen hysterisch und können sich gar nicht mehr einkriegen.

Gleichzeitig klettert Zwilling Nummer eins auf den Esstisch und versucht, an das Brotmesser zu kommen, das auf dem Küchentresen liegt. Zwilling Nummer zwei hat all die winzigen Kleidungsstücke, die mein Mann am Morgen gewaschen, zusammengelegt und eingeräumt hatte, auf dem Boden verteilt und will gerade ein Blatt der giftigen Monstera-Pflanze anknabbern. Zimmerpflanzen bringen ja so viel Ruhe ins Haus.
Zwilling Nummer eins lässt von seiner Faszination für das Messer ab und greift nach meinem hektisch vibrierenden Handy. Ein total ausgeglichener Redakteur möchte ein Interview, das ich gerade geführt habe, gerne schon früher veröffentlichen.

Ich atme tief ein, ich atmete tief aus.

Ich überlege kurz, ob ein bisschen rumschreien oder giftige Zimmerpflanzen vom Balkon werfen helfen könnte. Den Moment zwischen Aktion und Reaktion nutzen, nennen das die Achtsamkeits-Checker, glaube ich.

Dann sehe ich sie an, sehe sie richtig an. Die großen Augen in den runden, lieben Gesichtern meiner kleinen Kinder, die noch keine fiesen Hintergedanken kennen, keine Karma-Matten und keine Work-Life-Balance. Ich gebe den großen Kindern genügend Handtücher, um den Boden selbst zu trocknen, rette die Kleinen vor Messer und Monstera und setze mich mit ihnen und einem Buch auf die Couch.

"Denk daran, dass der enge Kontakt mit primitiven Menschen zu meiden ist", hat der Philosoph Seneca in De Ira (Über den Zorn) geschrieben. Kinder sind primitiv, im netten Sinn des Wortes sind sie einfach und ursprünglich. Und gerade deshalb können sie uns so gut daran erinnern, worum es ursprünglich geht. Was wirklich wichtig ist. Und ja, es klingt vielleicht abgeschmackt, aber auch das: im Moment zu leben.

Als ich anfangs über die erklommenen Tische und vollgekritzelten Wände schrieb, habe ich vielleicht ein wenig übertrieben. Die meiste Zeit sind die beiden Kleinen nämlich so ruhig, dass ich mich ständig frage, ob eh alles ok ist. Sie sitzen einträchtig nebeneinander auf dem Wohnzimmerteppich und spielen. Mein großes Kind sitzt daneben und spricht mit ihnen in einem so lieben, einfühlsamen Tonfall, dass ich mich frage, wie es überleben soll in dieser egoistischen Ellbogen-Gesellschaft.

Während ich noch an diesem Text arbeite, meldet sich mein kleiner Bruder, der zwei Köpfe größer ist als ich und der hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne. Er will eine Nachtschicht übernehmen, damit wenigstens einer von uns einmal eine ganze Nacht lang durchschlafen kann. Vielleicht hilft auch das bei dem Versuch, die Waage etwas mehr im Gleichgewicht zu halten: Hilfe annehmen. Uns gegenseitig fragen, was helfen würde. Und uns noch öfter gegenseitig in den Arm nehmen. Vielleicht reicht es nicht ganz, uns ausgeglichen zu machen. Aber es macht glücklich.