"Ja, so war das", seufzt Tinatin Rekhviashvili schwer vor sich hin, wenn sie über die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe und die Schwierigkeit Georgiens, ein unabhängiger Staat zu werden, erzählt. Denn die jahrhundertelange Fremdherrschaft, zuletzt siebzig Jahre unter russischer Macht, ging nicht spurlos an Land und Leuten vorüber. Die Demokratie musste erkämpft werden, Korruption und Protektionismus waren und sind nicht mit einem Schlag ausrottbar. Wie sich die Georgier aus dieser alten Schlangenhaut befreien, ist ein spannender Prozess. Nicht immer schmerzlos. Während der Fahrt durch das Land erzählt Tinatin immer wieder von den Schwierigkeiten, das Land wirtschaftlich auf eigene Beine zu stellen. Allzu lange war es an die russische Führung gewöhnt, die sagte, wo es langzugehen hätte. Als größte wirtschaftliche Hoffnungsbranche gilt der Tourismus. Und die Menschen kommen. Auch ich. Wir wissen, dass uns nicht nur schöne Bilder erwarten.

Die Fahrt durch Tiflis ins Zentrum ist eine kurze Zusammenfassung durch die Geschichte Georgiens: Plattenbauten aus der Zeit der russischen Herrschaft, die siebzig Jahre dauerte und 1991 endete. Einige Kilometer näher dem Zentrum dann die ersten Glastürme, von Banken und ausländischen Firmen in der Hoffnung auf einen dauerhaften Aufschwung errichtet. Dazwischen die Bauten aus der Zeit der Jahrhundertwende, als man Tiflis zu Paris hochstilisierte: Oper, Theater, Museen in Neoklassik oder Jugendstil. Unübersehbar mitten drin die Gegenwart: Imponierende Hochhäuser, die überdimensionierte Brücke über den Fluss Mtkvari, die den stolzen Namen "Brücke des Friedens" trägt, alles Demonstrationsmonumente, die Micheil Saakashwili, Staatspräsident von 2004 bis 2013, meist von europäischen Architekten errichten ließ.

Langsame Annäherung
Saakashvili war zu Beginn seiner Amtszeit mutig, einfallsreich und sehr rührig. Um den Tourismus anzukurbeln, ließ er ein Viertel der Altstadt renovieren. Für mehr reichte der Kredit der Weltbank nicht. "Da wird Georgien noch Jahrzehnte abzahlen", meint Tinatin. Entzückt, wie alle Touristen um mich herum, fotografiere ich die bunten Häuser, die den Hügel bis zur Festung Narikala aufsteigen. Unweit davon die riesige Statue der "Mutter Georgiens", die ähnlich wie Christus über Rio de Janeiro über Tiflis wachen soll. Sie sei erst kürzlich renoviert worden und dabei habe man ihren Busen deutlich sichtbar vergrößert, erzählt Tinatin amüsiert. Die Georgier haben Humor, ist meine erste Lektion über die Menschen dieses Landes. Den brauchen sie. Das wusste auch Rezo Gabriadze (geboren 1936), Regisseur, Filmemacher und Marionettenspieler. Deshalb baute er ein Marionettentheater mit schiefem Turm. Befragt, warum der schief sei, soll er geantwortet haben: Weil Georgien immer schief liegt. Er meinte wohl die politische Situation. Dieser Turm mit seinen Minikacheln und der kleinsten Uhr der Welt (oder zumindest Georgiens) ist die Fotoattraktion schlechthin. Und auch wirklich ein bemerkenswertes Unikum.

Weiter durch die kleine, bezaubernde Altstadt: immer wieder Kirchen. Klein und unscheinbar, wie die Sion-Kirche, oder groß und im weißgoldenen Glanz, wie die neu erbaute Hauptkathedrale. Rund um den Meidanplatz reihen sich in den Gassen Bars und Restaurants aneinander. Vom "Stelzenhaus" bis zum "Safe Night Club", von der Shishabar im trendigen Shabbychic bis zum georgischen Massenrestaurant ist alles vertreten. In der noblen Bambis Rigistreet präsentieren georgische Designer Schmuck und teure Klamotten.
Ich mache mich allein auf die Suche, um einen Zipfel der ungeschönten Stadt zu erwischen. Einige Straßen den Hügel hinauf beginnt das Betlemi-Viertel. Vielleicht war es einmal von wohlhabenden Bürgern bewohnt. Die reich verzierten Holzbalkone weisen darauf hin. Aber die Wunden der Hungerjahre sind tief und noch nicht zugekleistert. Fenster hängen schief im Rahmen, Löcher in der Mauer, Löcher im Gehsteig. Doch hie und da ein Haus, das den Charme des typischen "Tibilissi-Stiles" bewahrt hat: Riesige bunte Glasfenster beleuchten den Stiegenaufgang zur Holzveranda. In den rot-grünen Scheiben schimmert die zerbröckelte Mauer des gegenüberliegenden Hauses. Einige Straßen weiter entdecke ich an einer Hausmauer die Aufforderung "Tourists go home" mit einem Pfeil. Ich kann nicht glauben, dass der Aufstand gegen den Massentourismus schon bis Tiflis vorgedrungen ist. Ich gehe dem Pfeil nach und stoße auf das "Art Café Home"! Auch gut, ich als Touristin "go home ins Art Café"! Die Georgier haben eben Humor. Dieses Café entpuppt sich als die schrägste Bude aller Buden und Bars in Tiflis. Über mehrere Stockwerke steige ich, begleitet von nicht leicht identifizierbaren Kunstwerken, zu einer unprätentiösen Dachterrasse hinauf. Dort oben serviert mir ein charmanter Kellner ein großes Gurkenglas voll mit einem Mix aus Gin und Limettensaft. Der Trunk und der Blick über die nächtliche Stadt machen trunken. Nach dem zweiten Gurkenglas wird mir mehr und mehr bewusst, wie sehr ich in die Stadt mit all ihren winkeligen Gassen, mit den abgeblätterten Mauern und den schief hängenden Holzbalkonen, ihren Narben aus der Vergangenheit, aber auch mit den protzigen Glas- und Betonbauten, vernarrt bin.

Hinauf in den Kaukasus
Swanetien im Nordwesten des Kaukasus muss man sehen, heißt es in allen Georgienprospekten, besonders das Unesco-geschützte Dorf Ushguli. Dort stehen mittelalterliche Wehrtürme und die vielzitierte Zeit still. Aber niemand sagt dazu, dass man sich dieses Dorf mit viel Sitzfleisch und zwei Tagen à sieben Stunden Busfahrt verdienen muss. In Mestia, dem Sammeldorf für alle, die hinauf nach Ushguli wollen, stehen die ersten Wehrtürme. In der Dorfmitte durfte sich der Lieblingsarchitekt von Saarkashivili, Jürgen Meyer, so richtig austoben und seine brutale Betonhandschrift hinterlassen. Der erhoffte Bilbaoeffekt blieb allerdings aus. Das Zentrum zeigt bereits deutliche Anzeichen von Verfall. Von Mestia führt die Straße zu dem sagenhaften Ushguli. Da die asphaltierte Hauptstraße gesperrt ist, beschließt unser Fahrer, über Nebenwege Ushguli zu erreichen. Mit dem absolut nicht geländetauglichen Auto rumpeln wir über steinige Fahrwege und tiefe Regenlöcher, vorbei an Dörfern, die wirklich den lockenden Beinamen "ursprünglich" verdienen. Überall ragen die berühmten steinernen Wehrtürme neben den Gehöften empor. Wozu bis Ushguli fahren, fragen sich schon einige. Dann dort angelangt, ist die Enttäuschung groß: Alle schlammverschmierten Straßen sind mit Geländewagen vollgeparkt. Die Wellblechdächer und die Plastikplanen sind unübersehbare Errungenschaften unserer Zeit. "Von der Unesco ist ja nur die Gruppe der Wehrtürme, nicht das ganze Dorf geschützt", seufzt Tinatin. Zurück in Mestia fahre ich auf der Suche nach dem Ursprünglichen den Berg hinauf. Hoch über Mestia stehen sie, die Wehrtürme aus dem Mittelalter, die von der Wehrhaftigkeit und dem harten Leben hier in Swanetien Zeugnis ablegen. Hie und da ein Licht in den Fenstern. Ich sitze auf einer Terrasse mit Blick über die Dächer- und Türmelandschaft und die schroffen Bergspitzen, die im letzten Sonnenlicht aufleuchten. Manchmal bellt ein Hund, Kinderlachen. In der nächtlichen Stille erfasse ich die Mächtigkeit dieser Bergwelt.

Eindrucksvoller noch als der Nordwesten erscheint mir der Nordosten des Kaukasus. Die Berge lassen immer wieder weite Blicke in weiche und weite Täler zu. Die Landschaft ist großzügiger. Über die ehemalige Heeresstraße, heute noch die einzige Verbindung zu Russland, rollen die Riesenlaster. Giganten der Straße in eindrucksvoller Konkurrenz zu den Giganten der Berge! Als dritte Player schmücken bizarre Wolkentürme den Horizont. Manchmal machen sie auf und lassen einen Sekundenblick auf den sagenumwobenen Berg Kasbeghi zu.

Kein Tag ohne Kirche
Dass die Georgier sehr gläubig sind, ist durch die vielen Kirchen und Klöster belegt, die mit großen finanziellen Opfern von der Bevölkerung gebaut, erhalten und in den letzten Jahren restauriert wurden. Diese uralten Steinmonumente sind heute Touristenattraktionen. Die Wehrkirche von Gremi, unweit der Stadt Nekresi in Kachetien, lockt hingegen keine Massen an. Der imposante Ziegelbau aus dem 16. Jahrhundert hat viele Eroberer überlebt, unter anderem auch die Perser: Als Schah Abbas I. einsehen musste, dass er die Kirche nicht einnehmen konnte, zog er verärgert ab, allerdings nicht ohne vorher das komplette Umland zu zerstören. Hinterlistig lud er Katharina, die damalige Königin von Kachetien (1572-1624), nach Persien ein und wollte sie zwingen, ihrem Glauben abzuschwören. Sie bezahlte ihre Weigerung mit Folter und Tod. Seither wird die schöne und glaubensfeste Königin als Heilige verehrt. Im Vorraum der Wehrkirche hängen Bilder von Levan Chogosvili, der heute in Tiflis lebt und arbeitet und zu den bekanntesten Malern Georgiens zählt. Fasziniert bestaune ich das lebensgroße Bild dieser schönen Frau. Das volle Haar ist nach der Mode der Renaissance mit Perlenketten geschmückt. Eine juwelenbesetzte Krone liegt auf ihrem Scheitel. Ihre Augen sind gesenkt, sie scheint in Gebete versunken zu sein. Hier, in diesem dunklen, bescheidenen Raum, verstehe ich erstmals, was Gläubigkeit den Menschen bedeutet hat und heute noch bedeutet. Fasziniert bleibe ich so lange vor dem Bild stehen, bis mich die Rufe der wartenden Gruppe in die Gegenwart zurückholen.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Kneissl Touristik. Studien-und Erlebnisreisen; www.kneissltouristik.at