Ich las und hörte Berichte von Bären und Wölfen. Die traf ich nicht. Ich traf auf liebenswerte Hunde, solche auf der Straße und solche in den Höfen. Oft waren es die einzigen lebenden Wesen in einem Dorf. Ich hörte oft von der sprichwörtlichen Freundlichkeit der Rumänen erzählen. "Guten Morgen, liebe Gäste, liebe Damen und Herren", war die immer höfliche, ein wenig antrainiert wirkende Begrüßung Vadims. Vadim – der perfekt Deutsch sprechende Reisebegleiter durch die Woche – erzählte viel über die Geschichte Rumäniens, welche Völker, Stämme geherrscht oder welche beherrscht wurden. Da begannen schon die ersten Zeichen von Verwirrung. Die Türken, die Habsburger, die Ungarn, die Deutschen, die Siebenbürger, die Romas – sie alle bevölkerten und bevölkern das Land. Wer sind nun die Rumänen? In der puren, ungemischten Fassung gibt es die sicher nicht. Aber einfachheitshalber nennt man die Menschen, die den Staat Rumänien bewohnen, Rumänen. "Wir sind ein Gemüseeintopf", sagt Vadim.

Am "lustigen Friedhof" mit den "sprechenden Grabsteinen". - © Silvia Matras
Am "lustigen Friedhof" mit den "sprechenden Grabsteinen". - © Silvia Matras

Die Rumänen feiern gerne
Dieses Klischee bestätigt sich gleich in den ersten Tagen der Reise: In Sibiu (Hermannsstadt) feiert man das mehrtägige "Streetfoodfestival". Was de facto heißt, dass die drei berühmten Plätze der Innenstadt mit Burger-, Wurst-, Käse-, Kleider-, Kaffee-, Kuchen- und Souvenirbuden zugestellt waren. Feiern heißt essen, laute Musik hören. Der Klavierspieler in der Ecke hat keinen Auftrag. Aber er spielt unverdrossen Mozart und Walzer von Strauß. Von den herrlichen Fassaden, die der berühmte Bürgermeister Klaus Johannis, jetzt Staatspräsident, anlässlich der Ernennung zur europäischen Kulturhauptstadt 2007 renovieren ließ, sieht man nicht viel. Die Weite und Schönheit des fassadenreichen "Großen Platzes" mit seinem prächtigen Rathaus, der katholischen Kirche und dem Brukenthalpalast konnte man nur ahnen. Als Rückzugsgebiet erster Klasse erwies sich das "Café Wien", direkt an der alten Stadtmauer. Ein guter Cappuccino und der Blick über die Dachlandschaft der Altstadt versöhnen. Die in die mächtigen Schindeldächer eingeschnittenen Gaubenfenster scheinen der Betrachterin zuzuzwinkern.

Die nächste Station ist Alba Iulia. Die Altstadt ist in eine sternförmige Riesenfestung eingebettet, die man mit pompösen Staatsbauten vollgestopft hat. Auch hier wird fleißig gefeiert. Was? – Das war nicht so klar, Hauptsache man feiert. In Cluc (Klausenburg) wird endlich einmal nicht gefeiert, obwohl fast die Hälfte der Bewohner Studenten sind. Die scheinen vom Feiern nicht allzu viel zu halten. Studieren ist wichtiger, hat man den Eindruck. Vielleicht sitzen sie am Abend in einer der kleinen Kneipen, die sie selbst eingerichtet und bemalt haben.

Die Rumänen übertreiben gerne
"Wir haben die höchsten und meisten Kirchen in Osteuropa", verkündet Vadim. Vielleicht stimmt das sogar. Bei zwanzig verschiedenen Glaubensrichtungen – so Vadim – ist das durchaus möglich. Bescheiden, wuchtig und dem Verfall schon recht nahe steht die Wehrkirche über dem Dorf Hoszman. Hierher verirrt sich kaum ein Tourist – und das ist schade. Die mächtigen Mauern rund um den Kirchenplatz erzählen von den vielen Angriffen der Türken oder anderer Feinde. Plastikplanen verdecken Bänke und Bilder im Inneren. Man ist dabei, die Kirche zu renovieren. Was sicher noch lange dauern wird, da vom Staat keine Gelder fließen. Anders im Dorf Rimetea. Die dort lebenden Ungarn holten sich von der EU Fördergelder, um die Häuser zu renovieren. Das ist ihnen gut gelungen. Rimetea ist ein Schmuckkasterl: Strahlend weiße Häuser scharen sich um den Anger, Tore und Fassaden sind mit Sonnenzeichen und Halbreliefs verziert. Alles sehr authentisch. Doch wo ist das Leben? Wie versprach Vadim: "Viele sprechen Deutsch." In diesem Dorf jedenfalls nicht. In den beiden Dorfkneipen sitzen Männer mit leicht glasigem Blick. Der Schnaps ist in Rumänien Seelentröster …