Wählt man allen aktuellen Flugschamtendenzen zum Trotz die alte Stinkstiefelmethode und reist, seinen ökologischen Fußabdruck vergrößernd, mit dem Düsenjet nach Kopenhagen, ergibt sich kurz vor der Landung ein eigentümlicher Blick: Die gigantische Brücke, die man da durch das Fenster betrachtet, verschwindet plötzlich im Nichts. Genauer gesagt versinkt sie im Meer: Ein Viertel der 16 Kilometer langen Øresundbrücke (eröffnet im Jahr 2000) führt unter Wasser von der dänischen Hauptstadt ins südschwedische Malmö. Rund zwei Milliarden Euro war dieser buchstäbliche Brückenschlag zwischen zwei Wirtschaftsräumen wert, und er garantiert, dass alle, die nicht den klimafreundlicheren Øresundzug nehmen wollen, tief in die Tasche greifen: 49 Euro Mautgebühr sind – wohlgemerkt one way – für die Überfahrt mit dem Pkw zu entrichten.

Aus dem Stadtzentrum hingegen hat man die Autos ohnehin weitgehend verbannt. Bereits im Jahr 2025 will Kopenhagen schließlich CO₂-neutral sein, wofür Milliarden in den grünen Umbau investiert werden. Der soll auch einem hiesigen Idealzustand zuarbeiten. Das Gefühl, es "hyggelig", also angenehm und behaglich zu haben, lässt sich bei klarer nordischer Luft mit einem Hauch Meeresbrise doch etwas beruhigter genießen als in dichten Abgaswolken. Der perfekt abgestimmte öffentliche Verkehr mit seinen fahrerlosen und vollautomatischen U-Bahnen um die soeben eröffnete Linie M3 (mit der man etwa den idyllisch als Park errichteten Assistenzfriedhof im Stadtteil Nørrebro erreicht, auf dem neben dem Philosophen Søren Kierkegaard und dem Märchendichter Hans Christan Andersen auch der Physiker Niels Bohr begraben liegt), der Einsatz von Elektrobussen oder die zunehmende Fassadenbegrünung tragen das Ihre dazu bei.

Drahtesel um Drahtesel: Kopenhagen ist eine Fahrradstadt. - © Rauschal
Drahtesel um Drahtesel: Kopenhagen ist eine Fahrradstadt. - © Rauschal

Ganze Straßenzüge mit vor Cafés, Büros und Shops abgestellten oder gerade in Bewegung befindlichen Fahrrädern lassen aber keine Zweifel am beliebtesten Verkehrsmittel der Stadtbewohner, das noch einmal
nachhaltiger ist. Und auch Touristen sind gut beraten, es ihnen gleichzutun oder Kopenhagen überhaupt zu Fuß zu erobern.

Selfie-Motiv

Zahlreiche Sehenswürdigkeiten und Hauptattraktionen sind ohnehin nur einen Steinwurf voneinander entfernt oder bei auch nur halbwegs vorhandener Wanderlust problemlos fußläufig erreichbar: die Einkaufsmeile Strøget, das Schloss Rosenborg, in dem sich die dänischen Kronjuwelen befinden, und das Statens Museum For Kunst, das größte Museum des Landes. Die 300 Jahre alte Festung und mit der kleinen Meerjungfrau eine verträumt auf den Øresund blickende Bronzestatue nach dem Märchen von H. C. Andersen, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde und sich als Selfie-Motiv entsprechend hoher Beliebtheit erfreut (aber auch schon beschmiert, geköpft oder gar von ihrem Sockel gesprengt wurde).

Vom Schloss Amalienborg, der Stadtresidenz von Königin Margrethe II., über die Marmorkirche mit ihrer monumentalen Barockkuppel gelangt man schnell zum als Weggehviertel beliebten Nyhavn, der von bunten Häuserfassaden und Holzschiffen bestimmt wird – und zur Hafenpromenade mit Blick auf die moderne Architektur der 2005 eröffneten Königlichen Oper, einer Schenkung des Reeders Arnold Mærsk Mc-Kinney Møller. Aber auch von der Königlichen Bibliothek und ihrem 1999 eingeweihten Anbau, dem mit Granit ummantelten "Schwarzen Diamanten", über die Amsterdam-Flair verbreitenden Kanäle des Stadtteils Christianshavn in den "Hippie-Freistaat" Christiana mit seinen Rauchschwaden (die allerdings so gar nichts mit Abgasen zu tun haben) ist es nicht weit.

Bei einem Spaziergang von der (ehemaligen) Börse mit ihrem zum Kapitalismus gut passenden Turm aus vier ineinander verschlungenen Drachenschwänzen zum Schloss Christiansborg, in dem sich der Amtssitz des Regierungschefs, das Parlament sowie das Oberste Gericht befinden, kommt man wiederum am Thorvaldsens Museum vorbei. Das trifft sich insofern gut, als heuer der 250. Geburtstag von Bertel Thorvaldsen (1770-1844) ansteht, dem man ohnehin einen Besuch abstatten sollte. Der als einer der Hauptvertreter des dänischen goldenen Zeitalters kanonisierte Bildhauer hat zwar den Großteil seiner Karriere in Rom verbracht, er wurde, wie auch der Bilderfries an der Fassade dokumentiert, bei seiner Rückkehr nach Kopenhagen aber triumphal, sprich als großer Sohn der Stadt empfangen.

Eine raumgreifende Arbeit im Thorvaldsens Museum im Zentrum Kopenhagens. - © Rauschal
Eine raumgreifende Arbeit im Thorvaldsens Museum im Zentrum Kopenhagens. - © Rauschal

Das Museum, in dessen Innenhof sich auch seine Grabstätte befindet, bereitet diesem Künstler-Unternehmer mit zu Lebzeiten bis zu 50 Mitarbeitern ein Denkmal auf drei Ebenen. Zu sehen sind neben den Philosophen, Königen und nicht zuletzt Figuren aus der griechischen Mythologie abbildenden Exponaten aus Marmor und Gips und Originalgipsmodellen von Großwerken wie dem Reiterstandbild von Kurfürst Maximilian I. (das sich in München befindet), dem Stuttgarter Schillerdenkmal oder einer beinahe beängstigend raumgreifenden Darstellung von Christus und den zwölf Aposteln auch Bestände aus der Privatsammlung des Meisters, zu der die Werke des norwegischen Landschaftsmalers J. C. Dahl gehören. Gönnt man sich die Copenhagen Card (etwa: 54 Euro für 24 Stunden, 80 Euro für 48 Stunden), ist der Eintritt (und jener für 86 weitere Attraktionen und Museen) übrigens schon bezahlt (und die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel inklusive).

Das gilt auch für die zeitgenössische Seite des Kunstspektrums in Form des Louisiana Museum of Modern Art (und den 35 Kilometer langen Weg mit dem Zug dorthin), dessen Name übrigens nicht auf den Bundesstaat im US-Süden verweist, sondern auf die Tatsache, dass sein Gründer, der Industrielle Knud W. Jensen, während seines Lebens gleich drei Frauen mit dem Vornamen Louise geheiratet hat.

Eine Skulptur des britischen Bildhauers Henry Moore im Park des Louisiana Museum of Modern Art (35 Kilometer nördlich von Kopenhagen). - © Rauschal
Eine Skulptur des britischen Bildhauers Henry Moore im Park des Louisiana Museum of Modern Art (35 Kilometer nördlich von Kopenhagen). - © Rauschal

Auf einer Steilküste mit herrlichem Blick auf den Øresund gelegen, spaziert man auf der Schatten spendenden Grünanlage durch einen Skulpturenpark mit Exponaten von Max Ernst bis Max Bill und vertieft sich in den Hauptgebäuden nicht nur in die Werke des Nouveau Réalisme (Lucio Fontana, Yves Klein) und der Pop Art (Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg). Anselm Kiefer, Gerhard Richter und Georg Baselitz repräsentieren die deutsche Kunst ab dem Jahr 1980 – und in einem lichtdurchfluteten Raum mit Glasfront und Galerie strecken sich die spannenlang-spindeldürren Metallfiguren von Alberto Giacometti in die Höhe. Unter den laufenden Ausstellungen beeindruckt die journalistisch präzise "Generation Wealth"-Schau der US-Regisseurin und -Fotografin Lauren Greenfield (noch bis 8. März), die Einblicke in die Niederungen der Glam- und Glitzerwelt zwischen Celebrity-Dekadenz, Modelwettbewerben für Kleinkinder, der Schönheitschirurgie und dem Oligarchen-Milieu gibt – und den Bogen bis zur Finanzkrise des Jahres 2008 spannt. Ein Must-see, das für Unbehagen und Schnappatmung sorgt.

Leonard Cohen und Nick Cave

Jakobsmuscheln als Gruß aus der nordischen Küche. - © Rauschal
Jakobsmuscheln als Gruß aus der nordischen Küche. - © Rauschal

Zurück in der City hat man sich eine Stärkung verdient. Vorbei an den Designshops, die den royalen Anstrich einer von der konstitutionellen Monarchie geprägten Stadt auf gewohntes Bobo-Terrain überführen – alles ist schön und herausgeputzt, es wirkt posh und ist geldig –, bietet sich etwa ein auf dem Barhocker eingenommenes Smørrebrød oder eine Platte mit gemischten Meeresspezialitäten bei einem der rund 60 Marktstände in der Torvehallerne an. Die Qualitäten der leichten nordischen Kost wurden ja durch das wiederholt (und zuletzt 2014) als bestes Restaurant der Welt ausgezeichnete Noma wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Sie sind anderswo – und vor allem zur Frokost, also dem Mittagessen – aber etwas erschwinglicher zu überprüfen. Bei ungezwungener Atmosphäre etwa in der Kødbyens Fiskebar im ehemaligen Schlachthausviertel, wo täglich nicht nur eine erlesene Auswahl an Austern auf der Karte steht.

Der "Schwarze Diamant" der Königlichen Bibliothek. - © Rauschal
Der "Schwarze Diamant" der Königlichen Bibliothek. - © Rauschal

Auch popkulturell Interessierte kommen in Kopenhagen aktuell übrigens auf ihre Kosten. Neben der noch bis 13. April in der Nikolaj Kunsthal und im Kunstforeningen GL Strand zu sehenden Leonard-Cohen-Ausstellung "A Crack In Everything" (die "Wiener Zeitung" berichtete) ist ab 23. März (und bis 3. Oktober) auch die Schau "Stranger Than Kindness" zu sehen, die dem Songwriter Nick Cave gewidmet ist. Dessen musikalisches Gesamtwerk funkelt passenderweise so dunkel wie der Ausstellungsort selbst – der erwähnte "Schwarze Diamant" auf der Insel Slotsholmen im Zentrum.