Die Stadt ist stromlinienförmiger geworden. Ihre Bewohner auch. Die Verrücktheiten, die Narreteien, die Spinnereien, die Querständigkeiten verlagern sich zunehmend in den privaten Bereich. Oder sie bekommen den Anstrich von höchst unsympathischen Verschwörungstheorien, von politischer Eigenbrötelei allzu linker und allzu rechter Natur, an die man lieber gar nicht erst anstreifen mag.

Ein Wiener Friedenssymbol: Waluliso auf dem Stephansplatz. - © Barbara Pflaum / Imagno / picturedesk.com
Ein Wiener Friedenssymbol: Waluliso auf dem Stephansplatz. - © Barbara Pflaum / Imagno / picturedesk.com

Aber dass sich einer aus Protest gegen Häuser mit Wänden und Dach ein Kugelhaus baut und es, weil es behördlicherseits nicht sein darf, weil behördlicherseits nur ein Haus mit Wänden und Dach ein Haus ist, zur Republik ernennt – das kann man sich heute kaum noch vorstellen. Auch nicht den Bahöö, den es seinerzeit um Edwin Lipburgers "Republik Kugelmugel" gegeben hat. Sie liegt übrigens an der Prater Hauptallee auf der linken Seite, wenn man Richtung Lusthaus flaniert, unweit des Planetariums.

Spinnerte Geschichte reicht weit zurück

Doch das ist nur einer der unzähligen spinnerten Momente, an denen Wien reicher ist als jede andere Stadt, zumindest in Europa. Vielleicht auch, weil die Wiener Spinnereien weiter in die Geschichte zurückreichen.

Genau genommen muss ja schon der Kaiser Marcus Aurelius einen Pecker gehabt haben: Statt sich in Rom an Tierhatz, Gladiatorenspiel und Schnepfe in Fischlake zu erfreuen, pendelt er zwischen Vindobona und Carnuntum, zwei Städten, in denen es im Winter so kalt ist, dass selbst die beste Fußbodenheizung die rinnende Nase nicht zu trocknen vermag. Weit und breit keine Barbenzucht, das Liquamen gewiss von unterirdischer Qualität und von Wagenrennen keine Spur. Gerade einmal ein paar Gladiatoren prügeln einander in den Amphitheatern von Carnuntum. Ein Kaiser, der solche Strapazen auf sich nimmt, muss fürwahr einen Pecker gehabt haben. Kein Wunder, dass er seine "Selbstbetrachtungen", das letzte Hauptwerk der Stoá, hier schreibt; in ihnen mahnt er: Ruhig Blut.

Damit scheint der Kaiser das Wiener Phlegma ausgesät zu haben, das später, im 18. Jahrhundert, auch der englischen Reiseschriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu aufgefallen ist, die anmerkt: "Aus Österreich kann man nichts mit Lebhaftigkeit schreiben, ich bin vom Phlegma dieses Landes bereits angesteckt. Sogar ihre Amouren und Querelen werden mit erstaunlicher Mäßigung ausgetragen, sie sind niemals lebhaft außer hinsichtlich der Etikette. Dort, das gestehe ich, zeigen sie all ihre Leidenschaften." Küss‘ d‘ Hand, gnä Frau, gut erkannt.

Ein bisserl hat wohl auch die spezielle Wiener Titelsucht, die jeder Nicht-Wiener als ein Kuriosum ansieht, mit dieser Lebhaftigkeit in allem Höfischen und Höflichen zu tun. Denn immer noch besser, einen einfachen Herrn Wessely mit Herr Professor ansprechen als einen Herrn Professor mit einem einfachen Herr Wessely. Das nämlich wäre nicht schön gewesen und hätte nicht gefreut. Das aber nur am Rande, und damit zurück zu den Wiener Spinnern, zu denen mit einem Pecker.

"Der Tod, das muss ein Wiener sein"

Gehört nicht schon der liebe Augustin zu ihnen? Als Volkssänger schafft er in der Pestzeit den ersten Totentanz, und das ist ein veritabler Walzer: "Ei, du lieber Augustin, alles ist hin." Da ist es gar nicht weit zum Georg Kreisler und seinen morbiden Chansons: "Der Tod, das muss ein Wiener sein, / Nur er trifft den richtigen Ton", singt der Kreisler und überlegt ein Lied weiter: "Wie schön wäre Wien ohne Wiener / So schön wie a schlafende Frau! / Der Stadtpark wär sicher viel grüner / Und die Donau wär endlich so blau!" Und wie man Wien von den Wienern befreien könnte? "Die Messer! /Die Gschäften san ganz voll damit! / In jeder Zahl / Aus Edelstahl / Und aus der Monarchie / Zum Schnitzen / Zum Schlitzen / Wohin ma schaut auf Schritt und Tritt."

Auf Du und Du mit dem Tod – wo gibt’s das, wenn nicht in Wien, der Stadt mit dem Bestattungsmuseum. Kleines Souvenir aus dem Museumsshop gefällig? Vielleicht den Straßenbahnleichenwagen, der dazu führte, dass in Wien "mit dem 71er fahren" als Synonym für sterben steht. Oder das Modell von einem Krematorium? Ist am Ende gar der Tod beim Heurigen eingekehrt? Dort sitzt er unter dem großen Nussbaum auf ein Vierterl Gspritzten und ein Verhackerts, ehe er sich aufmacht: "Brüderl, kumm…" Der Tod als Hawara – ein bisserl einen Pecker darf er haben, wenn er ein Wiener ist.

Apropos Tod: Lotte Ingrisch, Dichterin, Schriftstellerin. Sie hat zum Tod ein Nahverhältnis. Sie unterscheidet nicht so genau zwischen Lebenden und Toten. Darf ich eine persönliche Anekdote erzählen? – Lotte Ingrisch kannte flüchtig meine Mutter. Rund ein halbes Jahr nach deren Tod begegne ich der Ingrisch auf dem Graben. Fragt sie: "Wie geht es denn Ihrer Mutter?" Ich: "Die ist vor ein paar Monaten gestorben." Die Ingrisch: "Das ist ja wunderbar. Lassen sie Sie von mir grüßen, wenn Sie sie das nächste Mal sehen." Meine Mutter hat sich über die Grüße sehr gefreut. – Aber lassen wir das…

Mit Anerkennung einen Pecker zusprechen

Die Ingrisch ist eine der letzten von diesen Wienerinnen und Wienern, denen man mit Anerkennung und Respekt einen Pecker zusprechen kann, diese ganz und gar Wiener Ausprägung des Spleens. Ein Pecker hat nichts mit herabgesetzter Geisteskraft zu tun, wie ja auch die Wiener Spinner keine Narren sind, sondern Spinner im wahrsten Sinn des Wortes. In dem nämlich, dass sie in ihre Gedankenwelt eingesponnen sind, und das ganz und gar. Aber nicht so, dass sie dabei in sich zurückgezogen wären, sondern…

Wie soll man das erklären?

Am besten an einem Beispiel, und das ideale ist der Waluliso.
Die jüngeren und jungen Wiener verbinden nichts mehr mit dem Waluliso, obwohl sie von ihm profitieren. Das kommt so: Dem Ludwig "Wickerl" Weinberger ist man in den 70er- und 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts oft auf der Kärntnerstraße und dem Stephansplatz begegnet. Wie ein antiker Philosoph ist er dahergekommen, in eine weiße Tunika gekleidet, einen Stirnkranz aus Olivenzweigen auf dem Kopf, in der einen Hand einen Hirtenstab, in der anderen einen Apfel. Er ist ein Pionier der Freikörperkultur gewesen: Was braucht der Mensch anderes als Wasser, Luft, Licht und Sonne? Aus den Anfangssilben hat er seinen Namen gebildet, unter dem ihn jeder gekannt hat: Wa-Lu-Li-So. Er hat das Handwerk des Buchbinders gelernt. Seine große Begabung ist indessen seine Rhetorik gewesen. Er hat so eindringlich über den Frieden gesprochen und die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur, dass sich heutige Grünredner dagegen farblos ausnehmen.

Aber nicht nur das: Der Waluliso hat das Freizeitparadies Donauinsel geschaffen. Der ursprüngliche Plan hat ja nur vorgesehen, ein Entlastungsgerinne durch das sogenannte Inundationsgebiet zu graben. Die so entstandene Insel hätte ruhig eine Gstättn bleiben können. Doch der Waluliso hat mit Unterschriftenaktionen und Bürgerinitiativen dafür gesorgt, dass die Donauinsel nach und nach zu dem geworden ist, was man heute an ihr hat: des Wieners liebstes Freizeitparadies. Zurecht heißt die Pontonbrücke, die den Hubertusdamm mit der Donauinsel verbindet, Walulisobrücke. So schnell werden in Wien aus Spinnern die Visionäre der Zivilgesellschaft.

Narrendattel und Narrenfreiheit

Da hat es freilich noch andere gegeben. Zum Beispiel den Narrendattel. Seit 25. Juni 1800 betreibt der Johann Lochner mit seiner Frau Maria Anna das Wirtshaus im Haus "Zur heiligen Anna" in der Badgasse 29 in Liechtental. Die Gasse gibt es heute noch, das Haus ist leider im Jahr 2014 abgerissen worden, obwohl auch das Lokal des Narrendattel immer noch existiert hat. Denkmalschutz – wo warst du?

Der Lochner jedenfalls hat sich in seinem Wirtshaus Narrenfreiheit herausgenommen. Seinen Gästen sagt er grad ins Gesicht, was er von ihnen hält. Im "Famosen Postbüchel" von 1813 steht: "Auf den andern Sonntag geh ich zum Narrendattel mit dir, da därfen wir vorher unser Gewissen nicht erforschen, denn er sagt uns die bittersten Wahrheiten ohnedies vor."

Als der Narrendattel allerdings eine Predigt parodiert, ist es mit der Narrenfreiheit vorbei. Er kommt vor Gericht, das ihn zu 100 Gulden Bußgeld verurteilt. Die Strafe zu begleichen fällt dem Narrendattel nicht schwer, sein Gasthaus ist zum Bersten voll, jeder will sich von ihm anstänkern und beleidigen lassen. So bekannt ist der Narrendattel in Wien, dass Joachim Perinet 1811 sein Lustspiel "Die Zusammenkunft beim Narrendattel" uraufführen lässt, und Ferdinand Raimund nennt in seiner "Gefesselten Phantasie" den Harfenisten Nachtigall einen zweiten Narrendattel.

Noch ein Wiener Spinner und noch ein Wiener Original – man kommt ja kaum zum Aufzählen. Ob das nun im Mittelalter der Pfaff vom Kahlenberg war, der manch einen Streich spielte und an einem heißen Sommertag einen Flug über die Donau ankündigte, den er zwar nicht antrat, aber immerhin konnte er den Schaulustigen seinen arg sauren Wein verkaufen, oder der Hofkammerbeamte Joseph Michael Kyselak, der vom Wandern besessen war und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Österreich und die angrenzenden Regionen zu Fuß bereist hat. Aber nicht nur das: Wo er auch hinkam, der Kyselak, hat er sich mit seinem Namenszug verewigt, gleichsam eine Reiseetappe unterschrieben. In einem Gedicht aus der Zeit heißt es: "Schwindlig ob des Abgrunds Schauer / Ragt des höchsten Giebels Zack, / Und am höchsten Saum der Mauer / Prangt der Name Kiselak."

Und dann wären da noch der Calafati, der ein Grieche namens Basileios Kalafates war und am Anfang des Wurstelpraters stand, und, ja: Auch der Helmut Zilk gehört hieher, der leidenschaftlichste aller Wiener Bürgermeister, der genau über diese Spinner seine schützende Hand gehalten hat, weil er begriffen hat, dass eine Stadt mit solchen Menschen bunter ist und lebendiger. Und den Marcel Prawy muss man nennen, der jeden Abend, und zwar wirklich absolut jeden Abend, in der Wiener Staatsoper gesessen ist und der keine Wohnung gehabt hat (weil er, genau genommen, in der Oper gewohnt hat), sondern ein Zimmer im Hotel Sacher, weil es von dort nur eine Straßenüberquerung braucht, um zur Staatsoper zu gelangen. Und der Günther Nenning gehört hierher, den der Bundeskanzler Bruno Kreisky nur den "Doktordoktor" genannt hat und der sich nackt in die Stopfenreuther Au gesetzt und Goethe gelesen hat. Im Konflikt um das Kraftwerk ist der Nenning mit einem Geweih auf dem Kopf aufgetreten. Seither hat ihn der Volksmund "den Auhirschen" genannt. Ganz am Anfang der Grün-Bewegung ist der Nenning mit seinen Anhängern damals gestanden, im Grunde Spinner sie alle – und was ist daraus geworden!

Den Mut zur Spinnerei wiederfinden – das wär’s. Den Pecker neu beleben. Anders sein. Wo wäre das möglich, wo ersehnt, wo zur Identität der Stadt gehörend, wenn nicht in Wien?