Man kann im Frühsommer oder im Spätherbst nach Stockholm reisen, wenn die Blätter bunt werden und fallen, vorweihnachtliches Flair Einzug hält und die ersten Schneeflocken zu tanzen beginnen. Schwedens Hauptstadt ist zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis mit gemütlichen Cafés, jungem Design und hochkarätigen Museen. Stockholm wird nicht zu Unrecht auch das Venedig des Nordens genannt.

Ein Lokalaugenschein zwischen Trend und Tradition, inklusive Zauberformel Lagom, der schwedischen Formel zum Glück. In Maßen genießen können, ohne Exzesse oder Verbote, sein Glück im Mittelmaß finden, das alles bedeutet Lagom. Schließlich gelten die Schweden ja auch als die glücklichsten Menschen der Welt. Schon der Wiener Designer Josef Frank hat hier jahrelang für Estrid Ericson, die avantgardistische Gründerin des ersten Konzeptstores der Stadt, Möbel und Stoffe entworfen. Mehr als 2000 Möbelentwürfe und 160 Stoffdrucke befinden sich bis heute in den Archiven des legendären Shops. Hier warten seit seinem Gründungsjahr 1924 auf mehreren Etagen Möbel und Accessoires vom Feinsten – Wiener Eleganz gepaart mit schwedischem Funktionalismus, heute fällt das Designunternehmen Svenskt Tenn längst unter Institution.

Schwarz ist beliebt
Die Schwedin trägt gerne Schwarz. Schuld daran ist Filippa K., die Designerin Filippa Knudsson und ihre gleichnamige, sehr puristische Modelinie in den Farben Schwarz, Weiß, Greige und Grau. Nicht nur für Anhänger des zeitlosen Clean chic ist sie längst keine Unbekannte mehr. Man kann ihr auch kaum entgehen – sie besitzt gleich vier Boutiquen in der Stadt und hat sich mit ihren geradlinigen und perfekt geschnittenen Modekreationen längst auch einen Nachnamen gemacht. Schweden lieben qualitative Mode mit Understatement, auch das fällt unter Lagom.

Immer nah am Wasser
Egal ob man durch die romantisch winkeligen Gässchen der Altstadt Gamla Stan schlendert oder sich ein bisschen weiter im Süden vom bunten Treiben in der Hipsterecke Södermalm mitreißen lässt, das Wasser ist in Stockholm nie sehr weit. An jeder Straßenecke wird man daran erinnert, dass Schwedens Metropole an der Mündung des Sees Mälaren in die Ostsee liegt. Ein Meerbusen der Ostsee umschließt die Stadt im Osten mit zahlreichen Buchten, Landzungen und 24.000 größeren und kleineren Inseln, die auch Schären genannt werden. Kein Wunder also, dass jeder siebte Einwohner der Stadt sein eigenes Boot besitzt und die Stockholmer bei jedem Wind und Wetter gerne draußen unterwegs sind. Am Strand entlang joggen, mit dem Hund in den ehemaligen königlichen Jagdgebieten Djugarden mit den 600 Jahre alten Eichen an der Uferpromenade spazieren gehen oder nach der Arbeit einfach kurz an den Strand radeln, um den Bürostress loszuwerden, all das gehört hier zum Alltagsprogramm. Lagom rät ja auch zur Achtsam- und Sparsamkeit, und somit einem gesunden und bewussten Lebenswandel. Da gehört auch eine regelmäßige sportliche Betätigung mit ins Programm.

Die Geschichte der Stadt, vor allem der Insel Skeppsholmen, ist eng mit der Marine verknüpft. Die Insel diente seit dem 17. Jahrhundert als Marinestützpunkt. Heute ist die Marine längst abgezogen, den Bootsverkehr beherrscht nun die friedliche Schärengartenflotte und die Insel, auf der sich ein Theater und mehrere Museen befinden, wird von Kunst- und Kulturliebhabern bevölkert. Alle Schiffe legen heute in der Nähe von Nybroplan ab – egal ob für eine Inselrundfahrt, ein romantisches Candlelight-Dinner oder eine klassische Sightseeingtour. Die Liebe zum Wasser spiegelt sich auch in der Kulinarik der Stadt wider – der Gravad Lax alias Räucherlachs gehört zum Establishment genauso wie die dazugehörige Dillsauce. Unaufgeregt und entspannt geht es im Künstlerstadtteil Södermalm zu – das Stadtbild ist geprägt von Blumenläden, gemütlichen Cafés, Geschenkboutiquen, Galerien und den neuen Vätern mit Rucksack und ergodynamischen Kinderwägen.

Schön wohnen...
Schön wohnen lässt es sich im Hotel Frantz: Das neue Boutiquehotel mit eigenem Restaurant liegt strategisch günstig zwischen Altstadt Gamla Stan und Södermalm und zeigt, was skandinavisches Design heute alles kann. Auf die Vergangenheit wurde bei der Gestaltung der kuschelig-eleganten Zimmer und des Restaurants trotzdem sehr viel Wert gelegt – einige Zimmer sind mit typisch weißen Kachelöfen ausgestattet. Man spürt hier auf Schritt und Tritt, dass es sich um einen Familienbetrieb handelt. Der aus Ungarn kommende Küchenchef Marton Szabo hat mehr zu bieten als Köttbullar (die berühmten Fleischbällchen) und Gravad Lax. Die innovative und kreative Küche des jungen Kochs, der sich von den Jahreszeiten inspirieren lässt und nur mit regionalen Produkten arbeitet, hat sich bereits in der Stadt herumgesprochen.

Eine Vintageboutique reiht sich an die nächste, Fast Fashion ist hier nicht so gern gesehen, Individualität wird hingegen großgeschrieben. Wer die Seele der Stadt entdecken will, sollte bei Erika Pettersdotter Keramik Halt machen. Die kleine, aber feine Keramikwerkstatt mit dazugehörigem Shop liegt im Herzen des angesagten Viertels Södermalm. Erika Pettersdotter verkauft hier nicht nur ihre eigenen Keramikkreationen, sondern auch schwedische Schokolade und Handwerkskunst von anderen Jungdesignern der Stadt. Mit ein bisschen Glück kann man ihr beim Werken an der Töpferscheibe zuschauen und sich gleich sein ganz persönliches Objekt der Begierde reservieren.

... gut essen
In der Szenebäckerei Sankt Paul Bageri muss der Laptop am Samstag draußen bleiben, da ist er "persona non grata": Familienleben geht vor, Lebensqualität ist kein abgelutschtes Modewort. Sankt Paul Bageri ist die Seele des Viertels und hat die besten Kanelbullar (Zimtschnecken) der Stadt. Hier trifft Hipster auf Omi und das Ganze läuft völlig reibungslos ab. Zuckerbäcker Robert Sigmund und sein Team werken unermüdlich von morgens bis abends hinter den großen Atelierfenstern in der blitzsauberen Backstube. Zu Mittag türmen sich herrliche Sandwiches mit Lachs und frischem Gemüse in den Vitrinen.
Gleich ums Eck liegt das Hotel Rival. Die ideale Lage im Herzen des Trendviertels Södermalm direkt an der U-Bahnstation Mariatorget und die cool-glamouröse Atmosphäre des Hauses machen dieses Hotel zum Hotspot der Stadt. Das Rival ist nicht nur ein 4-Sternehotel mit insgesamt 99 Zimmern, sondern auch Bar, Bistro und Cocktailbar und besitzt sogar ein eigenes Theater. Herrliches Frühstücksbuffet, geräumige und stilvoll gestaltete Zimmer mit DVDs und CDs und eine eigene Teeküche im vierten Stock sind ein weiteres Plus des Hotels. Kein Wunder, Direktor ist kein geringerer als Abba-Mann Benny Andersson. Thank you for the music, Benny!

Am nördlichsten Zipfel von Södermalm liegt Fotografiska, das neue private Fotomuseum mit Blick durch Panoramafenster auf Djurgarden und Altstadt Gamla Stan inklusive Königspalast. Es bietet zahlreiche Wechselausstellungen hochkarätiger Fotografen von Annie Leibovitz bis Sebastian Salgado und ist in einem ehemaligen Zoll- und Lagerhaus des Hafens untergebracht. Das Fotomuseum zieht nicht nur Fotoliebhaber in seinen Bann – das Café im obersten Stock ist schon allein wegen seiner Aussicht ein beliebter Treffpunkt aller Generationen von Patchwork-Familie und Pensionist bis Coworker.

Architektur-Highlights
Im Stadtteil Östermalm hingegen, dessen große Eichenwälder und Parks zu Spaziergängen einladen, lebt die gutsituierte Mittelschicht. Designerin Ilse Crawford hat hier das Luxushotel Ett Hem eingerichtet, eine elegante Trutzburg mit Sauna, Fitnesszentrum und Restaurant im Landhausstil – eine Bastion gegen die Mittelmäßigkeit. Wellen schlagen kann man anderswo besser. Am Weg zum Ett Hem kommt man an der Stadtbibliothek von Gunnar Asplund vorbei, einem architektonischen Juwel, das nicht nur Bücherwürmer und Architekturfreaks begeistern wird. Heute noch gilt das vierflügelige symmetrische Bauwerk mit der zentral platzierten Rotunde aus dem Jahr 1928 als Paradebeispiel für den skandinavischen Neoklassizismus.

Wer ein bisschen mehr Zeit hat, sollte einen Ausflug in die Gartenstadt Södra Angby miteinplanen, wo sich die Einfamilienhäuser durch helle Farben, flache Dächer, geschwungene Balkone und elegante Schmiedearbeiten auszeichnen. Im Vorort Bromma entstand in den 1930er-Jahren eine von Architekt Edvin Engström entworfene Siedlung mit eleganten Einfamilienhäusern im Bauhausstil. Heute steht die nach Londoner Vorbild entstandene Gartenstadt unter Denkmalschutz. Hier lässt es sich angenehm flanieren und schwedischen Alltag und gediegenen Lifestyle genießen. Der diskrete Charme der Bourgeoisie im hohen Norden. Wer Lagom lebt, besinnt sich auf das Wesentliche.