Riesige runde Brille, hellblaue Bluse mit 70er-Spitzkragen, darüber ein Mantel in giftgrünem Glanzbrokat. Eine Krawatte mit einer aufgestickten Ananas und darüber dann noch ein halbes Dutzend bunte Ketten. An jedem Arm fünf Armreifen – keine Armbändchen, die sind was für Anfänger! Dicke, sperrige Armreifen, und die farblich abgestimmt auf den kunterbunten Rest: So sieht Iris Apfel an einem ganz normalen Tag aus.



Die 98-jährige New Yorkerin kann wohl als das Nonplusultra der modeaffinen 60plus-Generation gelten. Paradiesvogel ist ein zu fades Wort, um es auf sie anzuwenden: Sie lebt in ihrem Styling nach dem Motto: "Es muss Spaß machen. Wenn es keinen Spaß macht, kann man genauso gut tot sein." Das ist in der Autobiografie "Iris Apfel. Accidental Icon" zu lesen, die mit vielen Bildern und knackig-kurzen Texten auf Apfels Instagram-Fans trefflich zugeschnitten ist.

Schick im Altersheim

Catherine Ebser bringt mit ihrem Fotoprojekt Altmodisch.at buchstäblich Farbe ins Leben von alten Menschen. - © altmodisch.at/Catherine Ebser
Catherine Ebser bringt mit ihrem Fotoprojekt Altmodisch.at buchstäblich Farbe ins Leben von alten Menschen. - © altmodisch.at/Catherine Ebser

Iris Apfel ist auch "schuld" am Fotografieprojekt "Altmodisch", das Catherine Ebser seit 2016 betreibt. Sie porträtiert alte Frauen und Männer, nachdem sie sie aus ihrem üppigen Fundus an Second-Hand-Modeschätzen ausstaffiert hat. "Ich hatte auf Instagram und auf den diversen Blogs diesen Einheitsbrei der immer gleichen Outfits der jungen Mädels so satt", erzählt Ebser.

Da war Iris Apfel natürlich ein willkommener Weckruf. Ihre Mutter arbeitete damals in einem Seniorenheim, dort fragte sie, ob sie ihr Fotoprojekt anbieten dürfe. Man ging davon aus, dass sich schon vielleicht fünf Damen dafür hergeben würden. Am Ende hatte Ebser 70 Personen porträtiert, den ganzen Sommer lang, jedes Wochenende.

Ebser macht ihre Fotosessions immer noch in Altersheimen, am Land kommt sie leichter zu Terminen als in Wien, da mahlen die Mühlen der Bürokratie oft langsamer. Die Freude ist meist groß bei den Bewohnern, dass einmal etwas passiert abgesehen vom alltäglichen Trott. Oder, wie Ebser es formuliert: "Dass man sich etwas Gutes tun kann und aus der Reihe tanzen."

Gesteigertes Selbstbewusstsein

Bewaffnet mit schicken Hüten, knalligen Schals bis hin zum zitronengelben Tweedkostüm kommt Ebser dann und überredet ihre "Opfer" auch gern zu schrägen Outfits. Das funktioniert deswegen so gut, weil man zum einen sonst eh immer dasselbe anzieht. Und zum anderen, weil Kleidung im Alter oft auch mit Mühsal verbunden ist, etwa wenn man im Rollstuhl sitzt und viele früher normale Bewegungen nicht mehr so funktionieren.

Das farbenfrohe, hipsterhafte Styling hat jedenfalls immer einen Effekt: Das Selbstbewusstsein und das Selbstwertgefühl kriegen einen festen Stupser. "Ich hatte eine Dame in Wien, deren Tochter hat mir nachher erzählt, dass ihre Mutter jetzt viel selbstbewusster ist und wieder mehr auf sich schaut." Und auch bei ihrer eigenen 95-jährigen Großmutter merkt sie es: "Manchmal, wenn ich etwas besonders Lustiges am Flohmarkt gefunden habe, muss die Oma dran glauben. Sie hat auch erst gesagt, musst du mich da als alte Gretl fotografieren. Als junger Mensch hat sie sich nicht besonders hübsch gefunden, aber jetzt auf den Fotos findet sie, das hat was."

Die Bedeutung, die Mode auch im höheren Alter noch hat, untersuchen Bildungswissenschafterin Elizabeth Baum-Breuer und Historikerin Beatrix Steinhardt in einer Studie für die Uni Wien. Mit 30 Frauen über 66 Jahren haben sie Interviews geführt – über ihre Garderobe, über ihre Beziehung zu Kleidung und Accessoires, welche Bedeutung Mode in ihrer Biografie spielt. Die älteste der befragten Damen ist 101 Jahre alt. Baum-Breuer und Steinhardt kommen beide von der Sozialarbeit und haben versucht, Frauen quer durch die gesellschaftlichen Schichten – vom ehemaligen Adel über die Akademikerin bis zur pensionierten Arbeiterin – und quer durch die Milieus – von ländlich bis urban, von der Alleinerzieherin bis zur dreifachen Witwe – zu interviewen.

Die meisten Frauen sind mit Begeisterung dabei, aber kaum jemand so gut vorbereitet wie jene 93-Jährige, die zum verabredeten Termin ihre schönsten Outfits zusammengestellt hatte, bis hin zu den passenden Schuhen und der Krokotasche (die sie nicht mehr trägt, weil sie findet, das gehört sich nicht mehr).

Auf sich selbst konzentrieren

Spaß am Schönen kennt keine Altersgrenzen und wer sagt, dass ein Turban nicht noch ein paar Blüten verträgt. - © altmodisch.at/Catherine Ebser
Spaß am Schönen kennt keine Altersgrenzen und wer sagt, dass ein Turban nicht noch ein paar Blüten verträgt. - © altmodisch.at/Catherine Ebser

Verschiedene Themen tauchen bei den Gesprächen immer wieder auf: Die Entwicklung, dass man sich im Alter endlich ein wenig um sich selbst kümmern kann – nach einem Leben, in dem man das Geld für "Wichtigeres" ausgeben musste, oder "sich selbst nicht so wichtig nehmen" sollte. Oft spielt auch eine finanzielle Besserstellung im späteren Leben eine Rolle. Die Möglichkeit, im Internet zu bestellen, wird gerne aufgegriffen, zumal das Probieren in Kabinen mit den Jahren noch unbeliebter wird als zuvor schon. Vielen gilt es freilich nach wie vor als Tabu, sich etwas Schönes zu gönnen.

Das hat ganz archaische Gründe: Früher hat man sich schön gemacht, um Männer zur Fortpflanzung anzulocken, diese Aufgabe ist nun erledigt – sich für sich selbst schön zu machen, das erfüllt manche Frauen im Alter mit schlechtem Gewissen.

Der Einzug in ein Seniorenheim kann oft bewirken, dass man durch die Gruppendynamik wieder mehr Wert auf sein Äußeres legt. Man muss dann schließlich möglicherweise in Konkurrenz treten mit etwa jener Frau, die zwar im Rollstuhl sitzt und wegen einer Netzhautablösung fast blind ist, die aber jeden Tag der Pflegerin ganz genaue Anweisungen gibt, welches Kleidungsstück und welches Accessoire sie zu tragen gedenkt. Wenn sie dann in den Speisesaal gerollt wird, wartet sie schon stolz darauf, dass die "Heute schaust du wieder fesch aus"-Komplimente auf sie einstürzen.

Die "modischen Lebensläufe" sind durchaus unterschiedlich. Da gibt es die 78-Jährige, die sich selbst die "Bürgermeisterin vom 15. Bezirk" nennt und sich dementsprechend repräsentativ kleidet. Sie geht nie ohne Hut aus dem Haus, und weil sie zwar einen Gehstock braucht, einen solchen aber nicht elegant genug findet, ist sie immer mit stützendem Regenschirm unterwegs. Sie hat Regenschirme in 28 Farben.

Ganz anders die aus bestem Hause stammende Frau, die ihr Leben lang nur gehört hat, dass sie eine "graue Maus" ist und das auch so akzeptiert hat. Ein einziges Mal hat sie sich in einem raren Akt der Rebellion eine (für ihre Begriffe) auffällige Jacke gekauft und wurde sogleich kritisiert, was sie sich denn dabei gedacht habe. Die Jacke hat sie nie getragen, sie hängt aber nach wie vor in ihrem Ankleidezimmer.

Stilvorbilder von früher

Die Stilvorbilder können übrigens noch viel klarer identifiziert werden als das in unserer schnelllebigen, reizüberfluteten Zeit mit wöchentlich wechselnden It-Girls möglich wäre. Audrey Hepburn, Jackie O., Sophia Loren, Grace Kelly –das waren und sind die Ikonen, denen man versuchte, nachzueifern. Magazine wie "Burdamoden" halfen dabei, dieses Ziel zu erreichen. Aber auch mehr im eigenen Alltag verhaftete Role Models gab es: zum Beispiel die stilvolle Chefsekretärin.

Diese roten Autohandschuhe lassen ihre Besitzerin an jene Tage zurück erinnern, als sie mit ihren roten Sportautos unterwegs war. - © Elizabeth Baum-Breuer
Diese roten Autohandschuhe lassen ihre Besitzerin an jene Tage zurück erinnern, als sie mit ihren roten Sportautos unterwegs war. - © Elizabeth Baum-Breuer

Der persönliche Stil entwickelte sich bei den befragten Damen übrigens früh und dem blieb man dann auch treu. Nicht jede vielleicht so rigoros wie die Dame, die sich eine "Uniform" aus drei Farben zulegte: creme, dunkelblau und schwarz. Da wusste sie, das steht ihr, mehr musste sie nicht ausprobieren. Die meisten Frauen wissen, was "ihre" Farben sind. Bei den Interviewten gab es nur eine einzige, die immer Schwarz trägt – aber immer mit bunten Tüchern. Tatsächlich ist Schwarz sogar sehr unbeliebt – etliche Frauen haben gar gesagt, dass sie es hassen.

Die Studienautorinnen erfuhren auch viel über bestimmte Codes, besonders auffällig war da die Interpretation der schwarzen Trauerkleidung – unausweichlich ein Thema im Alter: Zum einen sei die Farbe ein Signal an die Umwelt, dass sie Rücksicht nehmen soll, zum anderen eins an den Tod selbst: "Damit der Tod uns nicht sieht", erklärte eine steirische Frau die familieninterne Deutung.

Dass die Mode auch Generationen verbinden kann, zeigt das Upcycling-Projekt, das eine Frau mit ihrer Enkelin gestartet hat: Sie hat sich "vertraglich verpflichtet", ein Jahr lang nichts Neues zu kaufen und nur ältere Stücke umzuarbeiten.

Schlüssel zur Erinnerung

Aus der Studie soll nun erstmal eine Vorlesung im Juni werden und für später könnten sich Baum-Breuer und Steinhardt vorstellen, Erzählrunden zu organisieren. Denn eins hat sich sehr deutlich gezeigt bei den Gesprächen: Dass das oft als banal angesehene Thema ein idealer Schlüssel zur Erinnerung ist – und überwiegend zu positiven Erinnerungen.

Oft gibt es die Stücke gar nicht mehr, aber die Erinnerung bleibt: Eine Frau erzählte etwa von ihrer Maturareise nach Schweden Ende der 1950er, dort hatte sie sich ein Kleid und Schuhe gekauft. Bei der Zugfahrt nachhause hätte sie sie beinahe beim Zoll abgeben müssen – aber der Zöllner hatte Erbarmen und sagte: "Ich lass Sie durch, wenn Sie mir versprechen, die Schuhe zu Ihrer Hochzeit zu tragen." Eine andere Frau erzählte, wie sie im Postbus am Land in den 60ern mit grünen Filzshorts für Furore sorgte.

Ein Buch über Erinnerung war es auch, dass Baum-Breuer zu Beginn überhaupt auf die Idee gebracht hat: In "My mother’s clothes" hat die Fotografin Jeanette Montgomery Barron mit einem visuellen Essay ihrer Mutter ein Denkmal gesetzt. Diese hatte Alzheimer und die Tochter versuchte, die Erinnerung ihrer Mutter durch ihre geliebten Couturekleidern wieder in Gang zu bringen. So wurden die Fotos von den Kleidern zu einem so eleganten wie wehmütigen Porträt der Mutter.

Schluss mit Beige

Die Zeiten, in denen beige Staubmäntel für Frauen ab einem gewissen Alter zur Uniform wurden, sind lange vorbei. Das liegt naturgemäß auch daran, dass Kleidung heute erschwinglicher ist. Catherine Ebser ist das auch schon aufgefallen: "Ich lese oft, ab 60, 70 wird man als Frau unsichtbar. Man tut sich nichts mehr an, wofür auch. Aber ich denke, das ist oft nicht mehr so. Viele Ältere ziehen sich vielleicht nicht gerade flippig, aber doch ausgefallener an."

Diese Entwicklung dokumentiert auch das Internet, und da vor allem die Bilderteilplattform Instagram. Wo sich sonst die hübsche stylische Jugend tummelt, wird immer öfter auch 60plus-Fashion-Ikonen gehuldigt. Begonnen hat es mit den extravaganten, glamourösen Persönlichkeiten, die Ari Seth Cohen für seinen Blog "Advanced Style" porträtiert hat.


Nun widmet man sich aber auch mit derselben Hingabe viel alltäglicheren, aber um nichts weniger interessanten Erscheinungsbildern. Der Account von Eirini Angelidi (granny_style_greece) würdigt zum Beispiel den Streetstyle von griechischen Seniorinnen, Marta Wilkosz fotografiert ähnliches auf den Straßen von Berlin, Paris und Warschau.


Sie und viele andere arbeiten daran, dass unsere gängigen Bilder von Mode sich verschieben – und vielfältiger werden.Aber auch wenn es mittlerweile so ist, dass Alt und Jung grundsätzlich dasselbe anziehen können, dass es nichts mehr gibt, bei dem es sich "nicht gehört", es ab einem gewissen Alter zu tragen – Unterschiede gibt es doch. Zumindest einen hat eine Frau aus der Studie herausgefiltert: "Ich weiß jetzt, warum es zerfetzte Jeans gibt. Damit sich die Jungen wieder abheben können. Denn das kann ich als Alte nicht tragen, da würde ich lächerlich aussehen." Da würde vielleicht sogar Iris Apfel zustimmen.