Mit einer Fläche von fast 3500 Quadratkilometern sei die "Märcheninsel" Fyn (Fünen) die drittgrößte Insel Dänemarks, erzählt Tourismuschefin Sandra und schiebt vor dem beschaulich am Svendborgfjord gelegenen Seehotel "Christiansminde" die Fahrräder in Position. Als der bange Blick auf die am Fitnesslevel gemessen gar nicht so "märchenhaft" verlaufende Route durch eine zuweilen recht hügelige Landschaft fällt, beruhigt Sandra: "Ikke noget problem." (Das ist kein Problem). Mal sehen.

Eingezwängt zwischen Seeland und Jütland, liegt in der dänischen "Südsee" ein Fleckchen Erde im Wasser, das sein Adjektiv "märchenhaft" nicht allein seinem Dichter Hans Christian Andersen verdankt. Fyn ist eine Insel, die sich Besuchern wie ein Bilderbuch aus alten Zeiten öffnet: Meterhohe Fliederhecken recken sich vor schmucken Schlössern und reetgedeckten Bauernhäusern in den blauen Himmel. Rapsfelder, wogendes Korn, üppige Gärten und saftige Weiden wechseln sich am Rande sturmerprobter Dörfer mit schattigen Buchenwäldern ab. Dazwischen blitzen immer wieder das silberne Meer und kleine blaue Seen.

Zumindest wenig geübten Radlern zwicken selbst ohne Gegenwind nach sieben Kilometern "auf und ab" die Oberschenkel. Da hilft auch keine 12-Gang-Schaltung, und das putzige Weingut an der Landstraße in Skaarup kommt gerade richtig. Durchatmen, und im Garten geräuchertes Wildfleisch, Brot, Hühnerpastete und einen kühlen Wein genießen. Aber nicht zu viel – schließlich ist man mit dem Rad unterwegs und auch die dänische Polizei soll einen guten Riecher haben…
Für den kommenden Tag verspricht Sandra "plattes Land". Vom Hafen in Svendborg setzt die Fähre hinüber auf die 70 Minuten entfernte Insel Ærø (Ahorninsel). Das beliebte Ausflugsziel ist nur 30 Kilometer lang und nirgendwo breiter als acht Kilometer. Auf der Landzunge Eriks Hale zieht eine Kette grellbunter Badehütten vorbei. Waren Stadtplanern die einst "wild" gebauten Holzhäuschen lange ein Dorn im Auge, haben Touristiker zeitig erkannt, dass die von Abriss bedrohten Strandbuden als Symbol dänischer Freizeitkultur taugen.

Inselidylle
Sandra hatte recht. Das Radeln auf dem leicht welligen Eiland Ærø ist ein genussvolles Dahinrollen durch eine stille, entrückte Welt an der Ostsee. Seeschwalben und Kormorane kreisen im warmen Westwind über glasklaren Gewässern und hinter Schilf versteckten feinsandigen Ministränden. Reiseführer Allan strampelt wieder an die Spitze der Gruppe und winkt "geradeaus weiter" – radelt aber schon bald allein auf weiter Flur. Am See hat sich die Gruppe zu einem Bauernpärchen gesellt, das soeben heftig protestierende Schafe in einen Kahn hievt und ans andere Ufer transportiert. Ein Stück weiter im Schatten eines Baumes bereiten Fischer auf einem Holztisch ihren Fang für den Verkauf vor.

Der Radguide mahnt zum Aufbruch und deutet auf ein Ortsschild. Ærøskøbing. Diesem märchenhaften ehemaligen Seefahrerdörfchen, das einer gepflegten Puppenstube gleicht, könne auf der Insel kein anderes Dorf das Wasser reichen. Pastellfarbene, geduckte Fachwerkhäuschen aus dem 17./18. Jahrhundert erzählen Geschichten vom Meer. Hinter den oft windschiefen Fassaden und Fenstern aus mundgeblasenem Glas würde man eher die sieben Zwerge als den Klabautermann vermuten. Letztendlich sitzen auf den Fensterbrettchen aber nur Porzellanhündchen. Blickte ein Hundepärchen auf die kopfsteingepflasterte Gasse, signalisierte die Bewohnerin früher "Mann auf See – die Luft ist rein". Zeigten die Hunde ihr Hinterteil, lautete die Botschaft "Mann ist im Haus – tauch' unter". Seemannsgarn, Märchen, Legende? Allan grinst süffisant und lässt die Radler in einem schattigen Innenhof an schweren Tischen mit Köstlichkeiten wie Fenchelsalami, Lammfilet und kühlem, mit viel Liebe gezapften Bier Platz nehmen. Auf dem nahen Meer kündigt sich mit einem schrillen Sirenenschrei die Fähre zurück nach Svendborg an.

Märchenspuren in Odense
Nun verweist Dänemarks Klimatabelle jeden Gedanken an ein "Allzeit-Hoch" ins Reich der Fabel. Was in Bezug auf einen gelungenen Urlaub einem "Sommer-Märchen" aber keinen Abbruch tut. Auch bei grauem Himmel macht es Spaß, in Fyns Hauptstadt Odense märchenhaften Spuren zu folgen. 15 große Märchen-Skulpturen wie der Zinnsoldat oder Däumelinchen machen neugierig auf die Geschichten des Dichters Hans Christian Andersen. In der Altstadtgasse Banks Boder 29 steht das Haus, in dem der Märchenerzähler 1805 zur Welt kam. Zwar erlebte er in dem ehemaligen Armenviertel nur wenige Kindheitsmonate, Odense feiert das schiefe Häuschen jedoch als eines der ältesten Dichtermuseen auf der ganzen Welt. Mehr noch – sogar als Ampelmännchen ist der Literat mit Spazierstock, Frack und Zylinder stets in Sichtweite. In einem Museumsanbau offenbaren sich Zeit und Leben des Schreibers, der in eine Welt hineingeboren wurde, in der mehr als die Hälfte der europäischen Bevölkerung das Erwachsenenalter nicht erreichte und Analphabetismus erst kurz vor seinem Tod überwunden war.

Andersen und Egeskov
In zwölf Abteilungen folgen Besucher dem hageren Mann mit dem langen spitzen Gesicht, der großen Nase und den tiefliegenden Augen in dessen Reich der Fantasie. Mit 1,85 Meter überragte er damals seine Zeitgenossen um 25 Zentimeter, galt als hässlich, und machte in der Damenwelt keinen Meter. Immer lebte er allein. Als Andersen im Alter Geld und gesellschaftliches Ansehen zuteil werden, ist es zu spät für eine Heirat. Immer noch einsam stirbt er 1875. "Leben ist nicht genug! Sonnenschein, Freiheit und ein kleines Blümchen muss man haben!", hat er einmal geschrieben.

Im Alter von 37 Jahren besuchte der Dichter das Schloss Egeskov (Eichenwald). Ganz besonders liebte er den üppigen Garten der Wasserburg, die heute zu den 15 schönsten Plätzen auf der Welt gezählt wird. Majestätisch ruht der Herrschaftssitz auf Tausenden von Eichenstämmen in einem See. Dass die Nobelherberge auch ein Symbol für den nicht mehr reparablen Raubbau an der Natur ist, thematisiert der Schlossdirektor bei Rundgängen durch den fantasievoll angelegten Landschaftspark nur ungerne. Das Abholzen ganzer Wälder für den Schloss- und Schiffsbau im 17. Jahrhundert öffnete Schneisen für verheerende Sandflüge, die fruchtbares Land unter Dünen begruben.
Heute ist das Anwesen mit kunstvoll gestutzten Buchsbäumen und jahrhundertealten Ligusterhecken eine touristische Hochburg, in dessen Grün Familien picknicken, spazieren und staunen dürfen. Eine Oldtimersammlung des Grafen Ahlefeldt-Laurvig-Bille lässt bei Automobilfreunden das Herz höher schlagen. Junge Schlossbesucher bekommen nicht genug von "Titania's Palast". Eines Tages meinte die Tochter eines englischen Offiziers, Elfen unter die feuchten Wurzeln eines Baumes huschen zu sehen. Dem Mädchen taten die Elfen leid und es bat seinen Vater, ein Miniaturschloss für die kleinen Wesen zu bauen. 15 Jahre soll es gedauert haben, bis Elfenkönigin Titania einziehen konnte. Märchenhaft.