Ein kleines Haus in der sardinischen Ortschaft Orosei. In der Küche sitzen einander an einem einfachen Holztisch zwei Männer gegenüber. Sie messen sich in einem Wettkampf. Eine Gruppe anderer Männer schaut mit großem Vergnügen zu, wie die beiden beim Armdrücken herauszufinden versuchen, wer von ihnen der Stärkere ist.
Die Szene wäre kaum erwähnenswert, wenn man nicht das Alter der Kontrahenten in Betracht zieht: Der eine der Kämpfer ist Giovanni Sannai und 103 Jahre alt. In Worten: einhundertdrei. Sein Gegenüber ist der amerikanische Journalist Dan Buettner und sechzig Jahre jünger. "Ich habe mir vorgestellt, dass ich ihn gewinnen lassen würde", berichtet Buettner. Aber nachdem Giovanni den Arm des Amerikaners eine Weile in einem 45-Grad-Winkel gehalten hatte, zog er ihn mit einer raschen Bewegung auf die andere Seite und gewann mit diesem Trick den Kampf.
Buettner, der für Zeitschriften wie "National Geographic" schrieb, war im Jahr 2004 nach Sardinien gekommen, weil er sich mit Gegenden befasste, die er später unter dem Begriff "Blue Zones" zusammenfassen sollte. Es ging dabei um Gebiete, in denen, rein statistisch gesehen, ein besonders hoher Prozentsatz der Einwohner bei guter Gesundheit ein hohes Lebensalter erreichte.

Bei einer Konferenz in Montpellier, in der es um Langlebigkeit ging, hatte der Journalist ein paar Jahre davor den Vortrag eines Arztes über Barbagia Region in Sardinien gehört, über die besonders hohe Zahl von Hundertjährigen, die im Umland des Gennargentu-Bergmassivs leben sollten. Der Arzt hatte systematisch in den behördlichen Aufzeichnungen über Geburten und Todesfälle geforscht, und die Gegend mit einem auffallend hohen Anteil an Hundertjährigen auf einer Landkarte mit blauem Stift markiert: die "Blue Zone".
Anfangs war Buettner skeptisch gewesen, weil er wusste, dass viele derartige Meldungen immer wieder einfach auf falschem Zahlenmaterial beruhten. Doch neugierig war er geworden und schließlich entsandte ihn "National Geographic" nach Sardinien, um die entsprechenden Angaben zu überprüfen. Er begann, systematisch Interviews mit den Hundertjährigen und deren Angehörigen zu führen, um mehr über den Lebensstil dieser Menschen zu erfahren und vielleicht allgemeine Aussagen über einen gesunden Lebensstil zu treffen.

In den darauffolgenden Jahren setzte Buettner diese Arbeit fort und fand weltweit noch andere Orte, deren Bewohner auffallend lange lebten: Neben der Barbagia-Region auf Sardinien waren das Okinawa in Japan, die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica, die Gegend von Loma Linda in den USA sowie die griechische Insel Ikaria.
Die Lehren aus dem Leben von Giovanni Sannai, die Buettner aufschrieb, sind in Wahrheit denkbar einfach. Körperliche Arbeit, viel Zeit in der freien Natur, täglich lange Fußmärsche. Die Ernährung der sardischen Hirten bestand hauptsächlich aus Ziegenmilch, Brot, Käse und Rotwein, Fleisch gab es höchstens einmal die Woche. Noch im Jahr 1960 war Übergewicht auf der Insel praktisch unbekannt.
Dazu aber kamen weitere Faktoren, die sich sehr klar benennen ließen: klare Aufgabenstellungen im Leben und ein starker familiärer Zusammenhalt. Besonders bemerkenswert erschien Buettner die Haltung zwischen den Generationen in der traditionellen sardischen Gesellschaft. Dabei fiel ihm die hingebungsvolle Unterstützung der Alten für die Jungen auf, ihre Mitarbeit im Haushalt und bei der Kindererziehung, sowie andererseits der große Respekt, mit dem die Jungen den Alten begegneten.

Da stellt sich natürlich die Frage, ob Menschen aus den entwickelten Gegenden der westlichen Welt von Menschen wie dem Hirten Sannai überhaupt etwas lernen können. Es kann doch nicht jeder als Hirt leben und eine Großfamilie um sich scharen? Und was ist mit der Individualisierung, die untrennbar zum Leben der modernen Gesellschaften gehört?
Das letzte Kapitel des Buches, in dem das Leben in den fünf Blue Zones dargestellt wird, nennt Buettner "Sich eine eigne Blue Zone schaffen". Er versucht darin, in Gesprächen mit Fachleuten neun Lektionen zu entwickeln, eine mögliche Anwendung der Erfahrungen aus den Blue Zones für den Durchschnittsmenschen in modernen Industriegesellschaften, in denen das Leben bei weitem komplizierter und unübersichtlicher geworden ist. Diese Lektionen befassen sich mit dem Kultivieren von Bewegung im Alltag und mit der Ernährung. Es geht dabei aber auch um Zielsetzungen im Leben, die mindestens genauso wichtig zu sein scheinen wie die körperliche Fitness, sowie um die Reduktion von Stress im Alltag. Außerdem wird die Frage nach möglichen Formen von Spiritualität gestellt, nach Stärkung des familiären Zusammenhalts sowie nach sozialen Netzwerken.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch die Geschichte von Stamatis Moraitis, auf die Buettner im Zuge seiner Recherchen gestoßen ist. Der gebürtige Grieche von der Insel Ikaria wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA aus, gründete dort eine Firma und war als Maler und Anstreicher erfolgreich. Er heiratete, hatte eine Familie und wohnte in einem großen Haus in Port Jefferson. Als er sechzig Jahre alt war, wurde ihm eine Krebsdiagnose gestellt. Mehrere Ärzte schätzten unabhängig voneinander seine Lebenserwartung auf etwa sechs Monate.
In dieser Situation kehrte Moraitis, anstatt sich langwierigen Behandlungen mit ungewissem Ausgang zu unterziehen, auf die Insel Ikaria zurück. Eigentlich wollte er auf dem Friedhof begraben werden, auf dem auch seine Vorfahren lagen. Um sich die Zeit zu vertreiben, nahm er den Lebensstil seiner Vorfahren auf, bestellte den Garten und die Weinberge, besuchte Bekannte und trank regelmäßig ein Glas Wein. Als Buettner mit Moraitis sprach, hatte er kürzlich seinen hundertsten Geburtstag gefeiert und genoss nach wie vor das Leben auf Ikaria.

NACHLESEN
Dan Buettner: "The Blue Zones, Second Edition: 9 Lessons for Living Longer From the People Who’ve Lived the Longest" (Englisch), National Geographic;
2 Revised edition, 2012,336 Seiten.12,77 Euro.)

INTERNET
www.bluezones.com