"Ehrlich währt am längsten", lautet eines der berühmtesten Sprichwörter deutscher Zunge; und vielleicht ist es in Mitteleuropa ja wirklich noch bis heute so, dass Eltern Wert darauf legen, ihren Kindern die darin verpackte Botschaft zu vermitteln. In den USA hingegen, wo buchstäblich kein Tag vergeht, an dem der Präsident es mit den Tatsachen nicht so genau nimmt und dafür von seinen Anhängern auch noch gefeiert wird, wird man, sollte es zu einer zweiten Amtszeit von Donald Trump kommen, für derartige Naivität wahrscheinlich bald eingesperrt.

Aber man muss den Amerikanern an sich doch immerhin eines lassen: Altersdiskriminierung ist für die meisten von ihnen tatsächlich ein Fremdwort. Trump wird diesen Sommer seinen 74. Geburtstag feiern, und drei seiner namhaftesten Herausforderer, die ihn beerben wollen, sind gar noch älter: Bernie Sanders und Mike Bloomberg sind 78, Joe Biden 77. Mit erst zarten 70 mutet da Elizabeth Warren, die einzige ernstzunehmende weibliche Kandidatin für die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatur der Demokraten, wie ein Jungspund an.

"Schöner Hügel"
Während es in Deutschland und Österreich wie in den meisten europäischen Ländern nahezu unmöglich scheint, dass der Kampf um die Führung des Landes ausschließlich von Leuten in der Altersklasse 70+ ausgetragen wird, gehört nämliches in den USA zum Alltag. Was nicht zuletzt auch insofern bemerkenswert ist, als die Lebenserwartung des Durchschnittsamerikaners laut einer Ende vergangenen Jahres im renommierten "Journal of the American Medical Association" veröffentlichten Studie heute bei 78,6 Jahren liegt – ein Alarmsignal, weil den Forschern damit auch der Nachweis gelang, dass sie in den USA als einzigem westlichen Industriestaat nicht wie überall sonst zu-, sondern abnimmt, und das schon seit sechs Jahren. Wie dramatisch sich die Lage mittlerweile darstellt, fasste Doktor Stephen Woolf vom Center on Society and Health an der Virginia Commonwealth University, einer der Autoren der Studie, so zusammen: "Wir befinden uns im freien Fall."

Aber während immer mehr Amerikaner dank eines in vielen Bundestaaten de facto inexistenten sozialen Auffangs- und Gesundheitssystems immer früher krank werden und sterben, gibt es auf der anderen Seite eben jene, die glauben, dass man sich mit 78 noch locker als Präsident bewerben kann; und dann gibt es noch jene, die in der Statistik als totale Ausreißer angesehen werden, weil sie dem allgemeinen Trend sogar entgegenstehen, indem sie es schaffen, länger zu leben, als es eigentlich möglich sein dürfte.

Und dann gibt es die fidelen Alten von Loma Linda, San Bernadino County, Kalifornien.
Der Ortsname klingt Spanisch, weil er es ist. Loma Linda steht für "Beautiful Hill", "Schöner Hügel". Rund 24.000 Einwohner zählt die Kleinstadt, die außerhalb ihrer Grenzen wahrscheinlich kein Mensch kennen würde, wenn er hier nicht irgendwann einmal selbst gelebt hat oder Mitglied des Matthew-Modine-Fanclubs ist. (Der früher durch "Full Metal Jacket" und heute durch "Stranger Things" bekannte Schauspieler wuchs in den Sechzigerjahren in Loma Linda auf.) Wenn man in Los Angeles ins Auto steigt und auf praktisch geradem Weg Richtung Osten fährt, dauert es bis in die Kleinstadt nur ein bisschen mehr als eine Stunde. Wenn man keines hat, wird es allerdings mühsam, und zwar so richtig.

Loma Linda gehört zu jener Art von Wohlstandsoasen in den USA, die aufgrund ihres relativen Reichtums bewusst auf gute Verkehrsanbindungen verzichten, um sicherzustellen, dass sich auch wirklich nur die auf den Weg hierher machen, die es sich leisten können. Obwohl es quasi vor den Toren einer Weltmetropole liegt, gibt es nicht einmal eine direkte Bus-, geschweige denn Zugverbindung. (Um fair zu sein: Ähnliche Widerstände gibt es in LA, wo sich bei weitem nicht nur Milliardärs- und Millionärs-Enklaven seit jeher mit Händen und Füßen gegen U- und S-Bahn-Ausbauten wehren, damit die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesene Plebs nur ja nicht auf die Idee kommt, einen Tagesausflug nach Glendale, Rancho Palos Verdes oder gar Beverly Hills zu unternehmen.) Aber zum Punkt: In Loma Linda leben die Leute im Durchschnitt nicht ein, nicht zwei, nicht drei, nicht fünf, sondern sage und schreibe zehn Jahre länger als der Durchschnittsamerikaner.

Der Körper als Tempel
In keiner anderen Gemeinde gibt es im Pro-Kopf-Verhältnis derart viele Bürgerinnen und Bürger, die über 100 Jahre alt sind, wie in diesem sonst eher unscheinbaren Eck des mit rund 40 Millionen Einwohnern mit Abstand größten aller Bundesstaaten. Wie sie das machen, hat einen relativ banalen Grund: Sie leben einfach nur signifikant gesünder als nahezu alle ihre Landsleute. Warum sie das wiederum tun, hat indes viel mit ihrer Religion zu tun.

Loma Linda ist eine Hochburg der sogenannten Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, die von manchen auch Milleriten (nach dem baptistischen Prediger William Miller, 1782-1849) genannt werden. Adventisten sind Anhänger einer im 19. Jahrhundert in den USA populär gewordenen, sogenannten Erweckungsbewegung, deren Glaube an die Wiederkunft von Jesus Christus eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielt. Ihren gesunden Lebensstil leiten sie aus ebendiesem Glauben ab, Motto: Der eigene Körper ist ein Tempel und muss dementsprechend behandelt werden, wenn man ein gottgefälliges Leben führen will.

Wirklich Spezielles machen sie dabei nicht, nur dass sie nicht rauchen – das ist an öffentlichen Plätzen in Loma Linda ohnehin ausnahmslos verboten – und extrem wenig bis gar kein Fleisch essen. Zehn Prozent der Loma Lindaner leben total vegan. Darüber hinaus trinken sie keinen Alkohol und dank des milden Klimas von Südkalifornien sind sie quasi automatisch viel an der frischen Luft und in Bewegung. Eine mehr als aussagekräftige Anekdote aus dem Jahr 2015: Damals kam es in Loma Linda zu einem kleinen Aufstand gegen die Stadtregierung, weil sie einem McDonald's-Restaurant eine Lizenz zum Burgerverkauf erteilt hatte. Die öffentliche Debatte wurde so heftig geführt, dass sich sogar die alte Tante "New York Times" bemüßigt fühlte, sie als Anlass für eine Geschichte über die Stadt zu nehmen. Außerdem nehmen sich die Einwohner einmal die Woche, am Samstag, den ganzen Tag frei, und zwar wirklich und ganz, zum Abschalten und Entspannen.
Eine für amerikanische Verhältnisse geradezu fantastische Dichte an guten, mit der Freikirche in der einen oder anderen Form verbundenen Krankenhäusern und Arztniederlassungen runden das Bild ab.

Wegen der vielen Über-Hundertjährigen existieren mittlerweile zahlreiche Studien über Loma Linda und die Mitglieder der Adventisten-Gemeinde im allgemeinen und die Ergebnisse kommen immer zum gleichen Schluss: Wer lebt wie die Leute ebendort, der oder die verlängert automatisch sein oder ihr Leben, ob religiös bewegt oder nicht. Fazit: Ehrlichkeit mag eine Zier sein, das Leben verlängern tut sie aber nicht zwangsläufig, deshalb egal ob pathologischer Lügner oder g'rader Michl: Das Rezept von Loma Linda gilt für alle.