Nova Scotia bietet alles, was man von Kanada erwartet: wunderbar gefärbte Wälder, viel unzerstörte Natur, Wal-Beobachtungen, Kanufahrten, putzige Städtchen sowie Fisch- und Meeresfrüchte-Delikatessen. Ansonsten gibt es mit 16 Metern den weltweit höchsten Unterschied zwischen Ebbe und Flut und die einzige Wein-Appellation in Nordamerika für einen frischen Weißwein, beeinflusst durch den Gezeitenunterschied an der Küste – Tidal Bay.

Nova Scotia liegt im Osten Kanadas an der Atlantikküste. Die See-Provinz, zu der auch die Cape-Breton-Insel gehört, hat in etwa die Fläche von Kroatien, allerdings nur 954.000 Einwohner. Das merkt man gleich, wenn man mit einem Mietwagen auf den gut ausgebauten Straßen unterwegs ist. Die Distanzen werden in Kilometern angezeigt, die Temperaturangaben sind in Celsius. Zahlreiche Buchten und Fischerorte säumen die Küste, an der wir auf der 340 Kilometer langen Leuchtturm-Route in Richtung Peggy´s Cove unterwegs sind. Das Bilderbuch-Fischerdorf hat als unübersehbares Wahrzeichen den berühmtesten kanadischen Leuchtturm, der inmitten von riesigen, vom Meer glatt geschliffenen Basaltfelsen steht. Alle Touristen fahren dorthin. Also sollte man zeitig dort sein, bevor die Bus-Invasion ausbricht. In dem weißen Turm mit der roten Kanzel an der Spitze war früher ein winziges Postamt untergebracht. Daneben liegt ein Fischer-Lokal, in dem eine wunderbare Seafood Chowder angeboten wird. Wir spazieren zum Parkplatz beim Info-Point zurück, vorbei an bunten Häusern auf grasgrünen Hügeln. Fischerboote liegen am Land wie im Wasser, außerdem warten unzählige Hummerfallen auf ihren nächsten Einsatz.

Vogelscheuchen als Gäste

Zurück auf dem Highway 103 an der Süd-Küste steuern wir Mahone Bay an, bekannt wegen der drei nebeneinanderstehenden Kirchen, die sich im Wasser spiegeln. Seit 1745 finden in dieser Kleinstadt jede Menge Festivals statt. Gerade ist das landesweit berühmte Vogelscheuchen-Festival mit unzähligen Strohpuppen im Gange: Sie sind bunt und modern gestaltet, zeigen Michael Jackson, Hexen, die Popgruppe Kiss, aber auch die britische Königsfamilie.

Weiter geht es nach Lunenburg, Kanadas ältester deutscher Siedlung. Bauern kamen 1753 hierher und betrieben Ackerbau. Als der Boden nichts mehr hergab, widmeten sich die Bewohner dem Fischfang und betrieben Handel mit den Westindischen Inseln. Kabeljau ging in die Karibik, Rum wurde zurückgebracht. Davon konnten sich die Bürger sogar ein hölzernes Opernhaus leisten. Ein Hoch brachte die Prohibition, die im Jahr 1919 in den USA eingeführt wurde. Ab da produzierte man in Lunenburg Alkohol in großem Stil. Diesen zu trinken war zwar auch in Kanada verboten, die Herstellung und Verschiffung allerdings nicht – die Rum Road in Richtung Boston entstand. Diese Goldene Route blieb, geschützt durch kanadische Gesetze, bis 1933 offen, als das Verbot in den USA aufgehoben wurde. Einen modernen Rum-Runner trafen wir auf seinem Boot mitten im Hafen. Dort produziert Pierre in 24 Fässern Rum, der von den Wellen ständig geschüttelt wird, eine Methode, die er von den Caymen Islands importiert hat.

Magisch anzusehen sind die über der Ufer-Promenade gelegenen rot gestrichenen Holzhäuser. Wegen dieser einmaligen Architektur zählt die Stadt zum Unesco-Weltkulturerbe. Am Hafen befindet sich das Schifffahrtsmuseum. Eine der Schiffsattraktionen ist die Theresa E. Connor, in deren Bauch wir hinabsteigen. Unten zeigt man uns, wie der traditionelle Fischfang mit den Dorys, den Beibooten, funktioniert hat. Im Hafen liegt der berühmte Schoner Bluenose II, der inzwischen als Attraktion für Schiffsfahrten in den Atlantik dient, und auch auf der kanadischen Zehn-Cent-Münze zu sehen ist. Später marschieren wir durch die hügeligen Straßen zur alten Schmiede, in der nun Rum, aber auch anderes Hochprozentiges gebrannt wird. Eine Runde Schiffsrum darf da natürlich nicht fehlen! Die Einzigartigkeit des am Meer gelegenen Städtchens wird gern für Film-Drehs genützt. Das bemerken wir an den gesperrten Straßen im Zentrum. Wir stoßen auf Nebelkanonen und erfahren von einem der Filmmacher, was da los ist: Eine Produktionsfirma Steven Spielbergs dreht Szenen für "The Good House" mit Sigourney Weaver und Kevin Kline.

Die Hummer-Hauptstadt

Am nächsten Tag gelangen wir in die Hummer-Hauptstadt Kanadas, Barrington, von wo aus unzählige Fischerboote auf die Jagd gehen. Gefangen werden die Krustentiere während des ganzen Jahres, mit Ausnahme von Juli und August, immer an anderen Stellen rund um Nova Scotia. Lizenzen sind rar und teuer. Sie werden meist in den Familien weitergegeben und gelten nur für bestimmte, schmale Küstenabschnitte. Die Anzahl der ausgelegten Drahtkörbe ist limitiert. Amerikanische Hummer werden normalerweise 25 bis 64 Zentimeter lang, wiegen zwischen einem und sechs Kilogramm und leben in Spalten und Höhlen am Meeresgrund. Wir bekommen ein paar Exemplare zu sehen, deren Scheren zusammengebunden werden, da diese so stark sind, dass sie einen Finger mühelos zertrümmern können. Früher war Hummerfleisch ein Arme-Leute-Essen, das Kinder als Schul-Snack mitbekamen. Heute ist es eine weltweit gesuchte Delikatesse.

Mittlerweile sind wir an der Nordküste an der Autofähren-Haltestelle bei Digby Neck, von wo aus man auf die vorgelagerten Inseln Long- und Brier-Island gelangen kann, welche zu den beliebtesten Natur-Destinationen zählen. Wir sitzen im Garten des Cafés, das köstliche Meeresfrüchte anbietet, und warten auf unser kleines Boot, die Petite Passage, das uns zum Walbeobachtungspunkt bringen soll. Das Meer ist relativ ruhig, die Sonne scheint. Delfine spielen um uns herum. Ein paar Kilometer vor der Küste erblicken wir plötzlich einen Buckelwal. Der einsame Kerl taucht immer und immer wieder auf. Die Meisten haben die Kameras gezückt und wechseln ständig die Bootsseite auf der Jagd nach dem besten Foto. Eine gute Stunde begleiten wir das majestätische Tier, bevor wir zurückfahren. Dabei entdecken wir noch Seelöwen, die es sich auf den Felsen am Ufer gemütlich gemacht haben.

In Annapolis-Royal schlendern wir über die St. George Street, eine der ältesten Straßen des amerikanischen Kontinents. Bereits 1605 kamen die Siedler hierher. Das historische Erbe wird hochgehalten, vor allem durch eine Vereinigung, die Althergebrachtes bewahrt, mit Geld unterstützt und mit Tafeln überall darauf hinweist. Abends nehmen wir an der Candlelight Tour, einer geruhsamen Prozession über den ältesten Friedhof Kanadas, teil. Alan Melanson erklärt seit nunmehr 28 Jahren, welche Besonderheiten es bei den Gräbern gibt. Hier entstand die erste französische Siedlung in Kanada, die später von den Briten niedergebrannt wurde. Wir bummeln an einigen der ältesten Holzgebäude Kanadas im National Historic District vorbei. Im Fort Anne, der ältesten nationalen Stätte, wird die königliche Charta, die Nova Scotias Namen und Flagge begründete, aufbewahrt.

Nationalpark der Mi’kmaq

Bei einer Fahrt ins Landesinnere zeigt sich die ganze Pracht des Indian Summer. Der Mischwald ist ein Feuerwerk aus leuchtenden Gelb-, Grün-, Rot-, Gold- und Brauntönen. Genau so habe ich mir Kanada immer vorgestellt. Schließlich landen wir im Kejimkujik National Park. Er gehört dem Volk der Mi’kmaq, was so viel wie "meine Familie" heißt. Sein Name stammt vom großen Kejimkujik-See. Der See funkelt in der Sonne und ist ein Paradies für Paddler. Mit einem Boot lässt sich der Unesco-Biosphärenpark am besten erkunden. Wir probieren das in einem Zweierkanu aus. Es ist ein wunderbares Gefühl, über das glitzernde Wasser zu gleiten. Der Park ist ein Paradies für Tiere, die hier ungestört leben können. Einen Kormoran, zwei Kanada-Reiher kann ich ausmachen, es gibt aber auch Sumpfschildkröten, Nerze, Fischadler und sogar Schwarzbären. Seit knapp zehn Jahren ist der Park als Lichtschutzgebiet ausgewiesen, sodass man in klaren Nächten unzählige Sterne, aber auch die Milchstraße ausmachen kann. Ein Mitglied der First Nation zeigt uns dann noch eine Besonderheit: Forscher entdeckten 500 Petroglyphen der Mi'kmaq, in Stein gemeißelte Bilder, die um 1200 nach Christus geschaffen wurden. Wir spazieren durch den Wald zu Basaltfelsen, die teils vom Wasser überflutet werden. Auf dem Steinboden kann ich ein Boot und Menschen erkennen.

Wie in Graz so in Halifax

Letzter Stopp in Halifax, mit 432.000 Einwohnern die Provinz-Hauptstadt. Diese Stadt lernt man am besten zu Fuß kennen. Gemütlich spazieren wir über den etwa drei Kilometer langen Boardwalk am Hafen, mit kleinen Shops, Cafés, Bars und Restaurants. Um die Stadt auch vom Wasser aus zu sehen, begeben wir uns auf eine "Harbour Hopper Tour": Ein poppiges Amphibienfahrzeug, von der Marine ausgemustert, bringt uns zuerst zur sternförmigen Zitadelle, mit einem wunderbaren Rundblick über die gesamte Stadt. Etwas darunter liegt das Wahrzeichen der Stadt, ein achteckiger Uhrturm im georgianischen Stil – die "Old Town Clock", errichtet, um der Unpünktlichkeit in der Garnison ein Ende zu setzen.
Wir schlängeln uns durch die Straßen hinunter zum Hafen, hinein ins Meerwasser und schippern gemütlich den Hafen entlang. Bemerkenswert sind die alten Speicher, in denen einstmals Getreide, Stockfisch, aber auch Rum gelagert wurde. Robert, unser Kapitän und Guide, weist darauf hin, dass dies die ältesten kanadischen Lagerhäuser sind. Das Meer hat Halifax schon immer herausgefordert. Etwa 1912, als die Titanic vor Neufundland gegen einen Eisberg prallte und unterging. Oder 1917 die größte Explosion, die es jemals weltweit gegeben hat: Ein Munitionsschiff kollidierte mit einem Versorger, der auf der falschen Seite fuhr. Dadurch wurde der größte Teil der Stadt zerstört. Diese Schicksalsschläge sind lange verdaut, heute herrscht ein munteres Treiben in den Gassen. Dazu tragen auch die 30.000 Studenten von sechs Universitäten bei. Und wenn sie nicht studieren, dann feiern sie. Denn hier gibt es eines der höchsten Bar-, Bistro- und Restaurant-Angebote Kanadas. Was auch alle Besucher magisch anzieht.

Diese Reise wurde von Tourism Nova Scotia unterstützt.
www.novascotia.com