Dicht an dicht sitzen sie an diesem Mittwochabend im Vorraum des Gürtellokals "The Loft" nebeneinander, vornehmlich junge Menschen, die wegen des Poetry Slams "Stille Post" hier sind. Die Sitzplätze sind längst alle besetzt, kurz vor Beginn ergattert jemand noch erleichtert den allerletzten Bar-
hocker. Irgendwo in der Menge sitzt auch Elif Duygu. Vor eineinhalb Jahren hat sie mit dem Poetry Slammen begonnen, eher beiläufig. "Ich habe meinen ersten Text geschrieben, weil ich mich verliebt hatte und das irgendwie verarbeiten und mir von der Seele reden musste", sagt sie später. In ein paar Minuten wird sie einen völlig anderen Text vortragen: "Make Migrationsmemories", ein Prosatext, in dem sie, manchmal rhythmisch, manchmal nicht, thematisieren wird, wie es sich anfühlt, nicht akzeptiert zu werden in dem Land, in dem sie aufgewachsen ist: wie der "Plastikstrohhalm in ihrer Cola". "Was ich mit diesem Text sagen will, ist, dass ich hierher gehöre", wird sie mit fester Stimme und begleitet von anerkennendem Schnipsen aus dem Publikum ins Mikro rezitieren. Mittlerweile nimmt sie regelmäßig an Poetry Slams teil, etwa fünf bis sieben Mal im Monat, je nachdem, wie es ihr Anglizistik-Studium zulässt. Sie gilt als eine der vielversprechenden Nachwuchskünstlerinnen der Szene.
Ihre Namen sind schon von Anfang an untrennbar mit der österreichischen "Slamily", der Slam-Community verknüpft: Mieze Medusa und Markus Köhle sind "Mama und Papa des Poetry Slams", wie man sie gerne nennt. Vor etwa 18 Jahren haben sie begonnen, das Format in Österreich zu etablieren und groß zu machen. "Ich habe 2001 in Hamburg einen Slam erlebt, habe damals in Innsbruck als Assistent in einem Kulturzentrum gearbeitet und gesagt: Das Format importieren wir!", sagt Markus Köhle. Zeitgleich hat Mieze Medusa in Wien an ihrem ersten kleinen Slam im Vorraum vom Schikaneder-Kino teilgenommen – auch, um ihre Rechnung vom Schwarzfahren mit dem Preisgeld begleichen zu können. Das ging sich aus und dann immer weiter. "Markus und ich haben am Anfang zweimal im Monat zusammen geslammt, einmal in Wien und einmal in Innsbruck", erzählt sie. "Es gab einfach eine Notwendigkeit dafür: Natürlich gab es damals auch Bühnen, aber die waren sehr herkömmlich. Wir wollten es anders machen, publikumszugewandt arbeiten und aus dem Elfenbeinturm raus."

"Spoken Word"

Das aktive Einbeziehen des Publikums, die niedrige Hemmschwelle zwischen denen da unten und der einen Person da oben macht die Poetry Slams bis heute aus und ist vielleicht sogar die wichtigste Zutat ihres Erfolgsrezepts. Bevor die Moderatoren und Organisatoren Fanny Famos und Pascal Honisch das Konzept ihrer "Stillen Post" im Loft erklären, lassen sie sich die Stimmung von den Zuhörenden erst einmal warmklatschen. Zuerst leise, dann immer lauter, dann wieder ganz leise, und schließlich außer Rand und Band. Aus dem Publikum melden sich einzelne Juroren freiwillig, die die Texte mit Zahlenschildern von zwei bis neun bewerten sollen. 13 Performer treten an diesem Abend gegeneinander an, unterteilt in eine Vierergruppe und drei Dreiergruppen, aus denen die jeweiligen Sieger ins Finale aufsteigen.
Elias Hirschl macht den Anfang. Er ist längst einer der Großen in der Szene. Diesmal trägt er seinen Text "Die Zerstörung der Republik Mongolei" vor, ein pointierter Prosa-Text, der eigentlich aus einem längeren Werk zusammengekürzt ist. So oft, wie er bei diesem Slam teilnimmt, gehen ihm manchmal eben die performativeren Texte aus. Das ist aber gerade hier nicht tragisch, im Gegenteil: "Ich glaube, in Frankreich, Portugal, Spanien und England sind die Slam-Texte überwiegend so, wie sie ursprünglich in den USA waren: Spoken Word, viel Rhythmus und sehr kurz", sagt er. Im deutschsprachigen Raum würden die Texte hingegen eher in Richtung Storytelling und kürzerer Erzählungen gehen. Auch im Loft sind an diesem Abend offene Prosa-Formen klar in der Überzahl. Die Mischung der Texte ist bunt, ihre qualitative Bandbreite auch. Und das gefällt.

Obwohl die Freude am Experiment und am Unkonventionellen in Öster-reich nach wie vor hoch zu sein scheint, hat sich die Szene in den vergangenen Jahren aber auch hier nach und nach professionalisiert. Da sind sich alle Beteiligten einig. Mittlerweile gibt es Workshops, bei denen man versucht, das an sich schwer fassbare Genre zumindest strukturell greifbar zu machen, es gibt Staats- und Landesmeisterschaften und unzählige Youtube-Videos von Poetry Slammern, die als Vorbilder herhalten. "Aus Deutschland kamen Leute nach Österreich, die eine professionelle Aura mitgebracht haben, wie etwa die Veranstalter von FOMP", sagen Pascal Honisch und Fanny Famos. Sie sehen sich als Vertreter einer neuen, zweiten Generation des Poetry Slams, wobei sie jenen im Loft nun auch schon seit sieben Jahren veranstalten. Dabei haben sie auch im Publikum immer wieder neue Generationen kommen und gehen sehen.

"Applaus für die Poeten"

Das Underground-Format hat also längst beide Füße in der Tür des Mainstreams. Aber läuft man dabei nicht Gefahr, dass man die vielgepriesene Niederschwelligkeit, die so wesentlich zu seinem Erfolg beiträgt, in hohem Bogen überspringt? "Wir alle machen Kunst und wollen davon leben können", sagt Fabian Navarro vom Veranstalterkollektiv FOMP, das in Österreich seit 2013 alle möglichen Slam-Formate organisiert. "Solange wir in einem kapitalistischen System leben, ist es ein normaler Prozess, dass sich solche Szenen irgendwann professionalisieren." Wichtig sei es trotzdem, auch Räume für kleinere Slams zu schaffen, die offen für alle sind.
Elias Hirschl kennt beide Welten: große Mainstream-Formate mit fester Gage und kleine, offene Veranstaltungen mit freiem Eintritt und Sachpreisen wie im Loft. Er betreibt das Slammen mittlerweile als eine Art Nebenberuf neben seinem Philosophie-Studium und anderen Schreibaufträgen. "Poetry Slam ist in Österreich gar nicht so schlecht bezahlt, wie man vielleicht annimmt", sagt er. Nachdem im Loft die erste Vierergruppe, in der Elias und Elif gegeneinander angetreten sind, fertig performt hat, hält die Jury ihre Zahlen hoch. "Großer Applaus für die Poeten und nicht für die Wertung", raunt Moderatorin Fanny Famos ins Mikrophon.

Trotz allem Wettbewerbscharakter soll also immer noch die einzelne Leistung im Vordergrund stehen und entsprechend gewürdigt werden. Ein Spagat, der so groß ist, dass man sich dabei schon mal den einen oder anderen Muskel zerren kann. Denn wo Applaus die Währung ist, ist Gefälligkeit die Ware. Diese Kritik muss sich das Format regelmäßig anhören. "Das ist der große Drahtseilakt, den wir vollführen: künstlerische Integrität versus Geschmack des Publikums", sagt Henrik Szanto von FOMP. "Das funktioniert mal besser, mal schlechter." Im Endeffekt sei Poetry Slam aber immer noch eine niederschwellige Weise, die Freude an Sprache und Kultur zu vermitteln und eine Möglichkeit für junge Kunstschaffende, eine Bühne und ein Publikum zu finden. Streng genommen steht diese Kritik aber ohnehin auf zu kurzen Beinen, würde man sie dem Poetry Slam alleine in die Schuhe schieben. Immerhin hat das Konzept des Dichterwettstreits einen ziemlich langen Rauschebart, der bereits bei den Dionysien im alten Griechenland zu sprießen begann.
Im Loft stehen inzwischen die Finalisten fest: Aus der ersten Vierergruppe ist Elif ins Finale aufgestiegen und trägt ihren Text "A Moment in Time" vor, ebenfalls Prosa, diesmal auf Englisch. Sie schildert, wie sie sich das Leben hinter den Wohnungsfenstern vorstellt, die im Zug an ihr vorbeiziehen. Geschrieben hat sie das ursprünglich für eine Veranstaltung von TEDxVienna, zu der sie eingeladen wurde. Es passiert nicht selten, dass die Auftritte bei Poetry Slams zum Sprungbrett werden, auch in andere Sparten. Elias Hirschl hat bei seinem ersten Slam vor zehn Jahren eigentlich teilgenommen, um auszutesten, wie seine Texte ankommen. Mittlerweile hat er drei Romane und zahlreiche andere Texte veröffentlicht. Auch Kabarettistin Lisa Eckhart hat mit Poetry Slam begonnen und Yasmin Hafedh alias Yasmo ist neben ihrer Slam-Karriere erfolgreiche Musikerin, Autorin und hat etwa im vergangenen Jahr das Popfest Wien co-kuratiert.

Heldenmut beim Presentation Slam

Doch nicht alle Kunstschaffende gehen so offen mit ihrer Verwurzelung im Poetry Slam um. Manche streiten sie sogar vehement ab. Woran das liegen könnte? "Ich musste Slam jahrelang gegenüber anderen Kunstszenen verteidigen", sagt Markus Köhle. "Keiner wollte das machen, was wir machen, aber sie wollten das Publikum." Das Gefühl, von anderen Sparten nicht immer ernstgenommen oder sogar belächelt zu werden, zieht sich durch die Szene. Wahrscheinlich ist dieser Rechtfertigungsdruck von außen einer der wesentlichen Gründe, warum man sich intern einerseits sehr zugänglich, andererseits auffällig familiär gibt. So gut wie jeder kennt hier jeden – man ist über die Jahre zur "Slamily" zusammengewachsen. Und in die Breite.

Denn kaum könnte man meinen, der klassische Slam hat sich selbst zu Tode applaudiert, ploppen auch schon wieder neue Formate auf: Poetry Slams im Schwimmbad, in der Sauna oder in großen Konzerthäusern im Wechselspiel mit klassischer Musik. "Das Format ist sehr wendig und nicht kontaktscheu", sagt Markus Köhle. Und so offen die Texte inhaltlich und formal auch sind, so klar ist der Aufbau eines Slams. Das macht ihn relativ leicht für andere Anlässe adaptierbar. Bei den Tagebuchslams von und mit Diana Köhle lesen – der Name der Veranstaltung hält, was er verspricht – Freiwillige aus ihren alten Tagebüchern vor. Die Veranstalter von FOMP organisieren regelmäßig PowerPoint-Karaoke-Abende, die keine Poetry, sondern vielmehr Presentation Slams sind. Einige Mutige stellen sich dem klassischen Albtraum, den vermutlich jeder kennt, der einmal in seinem Leben ein Referat halten musste: Sie sprechen zu PowerPoint-Präsentationen, die sie das erste Mal sehen, wenn sie auf der Bühne stehen. Da kann von der Unsterblichkeit der Maikäfer bis zur Backup-Sicherung so ziemlich alles dabei sein. Was zählt, ist wieder einmal und noch einmal mehr die Performance. Wer am besten improvisiert, bestimmt am Ende die obligatorische Jury aus dem Publikum.

Im Loft gewinnt Elif schließlich das Finale des Poetry Slams. Natürlich freut sie sich darüber, ist aber schon so routiniert darin, dass sie betont, es solle trotz aller Bewertung und dem Dauerapplaus, dank dem am Ende des Abends schon so manche Hände schmerzen, nicht ums Gewinnen alleine gehen. "Kunst zu bewerten, ist schwierig, weil das immer etwas Subjektives ist. Der Wettbewerb dient ja vor allem dazu, das Publikum bei Laune zu halten." Ob nun der Wettbewerbscharakter für den anhaltenden Hype um die Poetry Slams verantwortlich ist, ihre betonte Niederschwelligkeit oder doch das interaktive Element zwischen Bühne und Publikum – wahrscheinlich sind es all diese Faktoren zusammen, die glauben machen, dass das Format in Österreich auch nach fast 20 Jahren seinen Zenit nicht überschritten hat. Vielleicht hat es ihn aber auch längst in Grund und Boden geschmettert.