"du
hast ge-
lernt deine
beine sind eine
zuflucht für bedürftige
männer ein leeres gefäß
für deine gäste doch
keiner kommt
je zu dir und
bleibt"

Was halten Sie von diesem Text? Ist das ein gutes Gedicht? Ist es überhaupt ein Gedicht? Wie erkennt man ein gutes Gedicht? Ist es überhaupt wichtig, ob das ein Gedicht ist, ein gutes oder ein weniger gutes? Oder kommt es auf solche Fragen gar nicht an?

Was immer man denken mag, fest steht, dass dieser Text von Rupi Kaur stammt und von Frieda Ellmann aus dem Englischen übertragen wurde. Im Original gehört noch eine Zeichnung der Autorin dazu, die geöffneten Schenkel einer Frau, zwischen denen die Wörter zu liegen kommen.

Kaur ist eine der Pionierinnen einer Bewegung, für die sich im englischen Sprachraum der Begriff "instapoets" eingebürgert hat, Autoren und vor allem Autorinnen, die auf Instagram kurze Texte veröffentlichen. Wer dort nach "#instapoetry" sucht, kommt derzeit auf mehr als drei Millionen Treffer. Ähnliche Begriffe wie "#instapoets" oder "#instapoems" oder auf Deutsch "#instalyrik" führen auch in eine wundersame neue Welt, die unversehens im Paralleluniversum der sozialen Medien entstanden ist.

Viele Kommentatoren sehen Kaur als prototypisch für diese Bewegung. Geboren 1992 im Punjab, Indien, kam sie mit ihren Eltern 1996 nach Kanada, wo sie aufwuchs und in Toronto an der Universität Schreibkurse belegte. So wie viele andere ihrer Generation veröffentlichte sie schon als Schülerin kurze Gedichte auf Instagram. Später versuchte sie, einen Verlag für eine erste Sammlung ihrer Texte zu finden, wurde aber überall abgelehnt. Deswegen brachte sie ihr erstes Buch "milk and honey", aus dem der am Anfang zitierte Text stammt, bei Amazon im Selbstverlag heraus. Es wurde mehr als 2,5 Millionen Mal verkauft, stand ein Jahr lang auf der Bestsellerliste der "New York Times" und wurde mittlerweile in vierzig Sprachen übersetzt.

Wobei man hinzufügen muss, dass Kaurs Berühmtheit durch einen Skandal beflügelt wurde: Als sie auf Instagram ein Foto postete, das sie in einer Jogginghose mit einem Fleck von Menstruationsblut zeigt, wurde das Bild von den Verantwortlichen der Plattform mehrfach gelöscht. Der Kampf um die Veröffentlichung des Bildes, den Kaur schließlich gewann, trug nicht wenig zu ihrer Popularität bei.

Eine Sikh-Frau aus dem Punjab

Natürlich stoßen die "instapoets" nicht nur auf Gegenliebe. Manche Kritiker finden die meisten der auf Instagram präsentierten Texte banal und seicht. Aber wie an den meisten ihrer Kolleginnen – Frauen sind unter den "instapoets" die Mehrzahl – prallen solche Argumente an Kaur ab. In einem Interview mit der Zeitschrift "Vogue" erklärte sie: "Als ich auf Instagram begonnen habe, war ich eine mittellose Studentin, ich kam aus einer Arbeiterfamilie. Meine Mutter spricht nicht Englisch. Mein Vater ist Lastwagenfahrer. Niemand in unserer Umgebung kannte jemanden, der mir einen Tipp hätte geben können, wie und wo ich meine Arbeit hätte sichtbar machen können. Ohne das Internet im Zeitalter der sozialen Medien wäre ich, eine Sikh-Frau aus dem Punjab, die über die Themen schreibt, die sie und ihre Umgebung beschäftigen, niemals in einer traditionellen westlichen Einrichtung publiziert worden."

Mittlerweile ist das Mädchen aus der Arbeiterfamilie eine Berühmtheit und steht natürlich auf der Liste, die die Zeitschrift "Vogue" veröffentlichte: "6 moderne Barden, denen Sie folgen sollten". Neben Kaur stehen auf der Vogue-Liste: Leticia Sala, eine Spanierin, die bei der UNO arbeitete. Lang Leav, ein in Thailand geborener Neuseeländer. Wilson Oryema, ein Filmemacher, der in London lebt. Brian Bilston, der inzwischen einen Roman herausgebracht hat. Und Nikita Grill, die sich mit mythologischen Themen beschäftigt.

Auch wenn die Meinungen über die Qualität der Texte auseinandergehen, so steht fest, dass mit den "instapoets" ein neues Interesse an Lyrik entstanden ist. Deswegen kann man mittlerweile in London Buchläden finden, die sich ausschließlich auf Lyrik spezialisieren. In Großbritannien sollen im Jahr 2018 1,3 Millionen Lyrikbände verkauft worden sein, eine Steigerung um zwölf Prozent gegenüber 2017, Rupi Kaur steht dort ebenfalls auf den Bestsellerlisten.

"Jegliche Illusion"

Selbstverständlich gibt es auch im deutschsprachigen Raum mittlerweile "instapoets". Da ist zum Beispiel eine junge Frau mit dem Instagram-Namen "missclaralouise" und derzeit 189.000 Followern. Sie ist Jahrgang 1992, in Deutschland geboren und lebt als Musikerin und Texterin in Salzburg. Sie will eigentlich gar nicht als "instapoet" bezeichnet werden, weil sie der Meinung ist, dass Lyrik Lyrik bleibe, unabhängig vom Medium. Mittlerweile hat sie zwei Bücher herausgebracht und um einen Eindruck von ihren Texten zu vermitteln, kann man aus dem Band "Zurück zum alten Kirschbaum" zitieren, der im September 2019 erschienen ist:

"Jegliche Illusion nach Perfektion
lasse ich hinter mir
und fühle mich wesentlich leichter,
körperlich und auch mental,
meine Träume haben plötzlich Platz,
fliegen wie Schmetterlinge
durch meinen Geist."

Aber von einem Boom der "instapoets" kann man im deutschsprachigen Raum auf keinen Fall sprechen. Der Börsenverein des deutschen Buchhandels weist insgesamt für die Sparte Lyrik und Dramatik einen Anteil von 1,2 Prozent am Gesamtverkauf von Belletristik aus, wobei die Belletristik ungefähr 33,7 Prozent des gesamten Buchverkaufs ausmacht. Und die Bestsellerliste führt nach wie vor Erich Kästner an, dessen 1936 erschienene "Lyrische Hausapotheke" immer noch der am meisten verkaufte Gedichtband in deutscher Sprache ist.

In der Amazon-Bestsellerliste "Deutsche Lyrik", behauptet sich allerdings "Zum alten Kirschbaum" hartnäckig auf Platz 11, während ganz vorne Sammlungen für den Deutschunterricht liegen, deren Verkaufszahlen vermutlich nicht nur auf der Begeisterung des Publikums beruhen. Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe muss sich dort mit Platz 36 begnügen und Mascha Kaleko, deren Gedichte immer noch außerordentlich gefragt sind, liegt bei Amazon mit ihrem "Lyrischen Stenogrammheft" auf Platz fünfzig.

Gut, man sollte auf keinen Fall zu viel mit Zahlen spielen, und die Debatte über die Qualität von Gedichten würde einen anderen Rahmen brauchen. Festzustehen scheint nur, dass die Nachfrage nach Lyrik wächst, wie immer sie auch beschaffen ist, und dass diese wachsende Nachfrage mit dem Gemütszustand der Lesenden in Zusammenhang steht. In einem Interview beschreibt Clara Louise diesen Gemütszustand folgendermaßen: "Dieses Bewusstsein dafür, dass Dinge sich verändern, dass wir an einem Maximum angekommen sind und es irgendwann nicht mehr weiter nach oben geht, ist vielleicht ein Grund dafür, warum die Leute sich wieder mehr mit sich selbst befassen anstatt mit allem, was um sie herum passiert."
Judith Palmer von der britischen "Poetry Society" sieht es ähnlich. "Lyrik ist der Versuch, die Welt zu verstehen", erklärt sie in einem Interview. "Mehrdeutigkeit, widersprüchliche Emotionen, davon lebt Poesie. Die Kunstform gedeiht in unsicheren Zeiten."

Links

www.instagram.com/rupikaur_
www.instagram.com/missclaralouise